Alexander Zschokke: Femmes (Skulpturengarten, Basel)

Alexander Zschokke: Femmes (Skulpturengarten, Basel)

Saturday, September 17, 2011


Basel, Switzerland

Alexander Zschokke: Femmes

Eine Initiative von MARCdePUECHREDON Art & Culture Projects

Vernissage am Samstag, 17. September, 2011
18 bis 21 Uhr

Skulpturengarten
Kapellenstrasse 30, 4052 Basel
info@alexanderzschokke.ch, T. +41 61 312 69 75

Alexander Zschokke (1894-1981) ist vor allem als Bildhauer monumentaler Plastiken bekannt. Der Wettsteinbrunnen, der Brunnen vor dem Kunstmuseum und die Skulptur für die Universität am Petersgraben, alle in Basel, prägen die Erinnerungen an diesen renommierten Künstler und belasten sie auch. Zu voreilig hat man sich in Vergangenheit eine Meinung über Alexander Zschokke gemacht und dabei übersehen, dass er sich nicht bloss über seine Arbeiten im öffentlichen Raum, die zudem auch vorwiegend Auftragsarbeiten waren, definieren lässt. Die Ausstellung „Femmes“, die im Wohnhaus und im Skulpturengarten des Bildhauers an der Kappellenstrasse 30 stattfindet und die einer Initiative von Marc de Puechredon zu verdanken ist, zeigt, wie bereits im letzten Jahr, einen vielfältigen Künstler, der sensibel den Zeitgeist in seine Arbeiten einfliessen liess und stärker am Ausdruck seiner Arbeiten, an der variantenreichen Bearbeitung der Oberflächen und Volumina interessiert war, als dies seine Monumentalskulpturen vermuten lassen. Es macht durchaus Sinn einen motivischen Querschnitt durch sein Werk zu präsentieren. Nur so wird die Vielfalt der Techniken, der Stile und der Themen umfassend nachvollziehbar. Und die „Frauen“ eignen sich besonders.

Ab seinem zwanzigsten Lebensjahr hat Alexander Zschokke Kontakt zur künstlerischen Avantgarde, einerseits in Zürich mit Vertretern des Dadaismus, andrerseits durch seine Beteiligung in der Künstlergruppe „Das neue Leben“. 1919 zieht es ihn nach Berlin, wo er Kontakte zur Künstlergruppe „Die Brücke“ unterhält und im Bildhaueratelier von Ludwig Thormaelen arbeitet. Die neuen Kunstströmungen beeinflussen ihn nachhaltig, doch nicht so offensichtlich wie seine Malerkollegen Albert Müller und Hermann Scherer, die fast Jünger Ernst Ludwig Kirchners wurden. Er tut es vielmehr Fritz Baumann und Niklaus Stoecklin gleich und findet zu einem eigenen Stil, der sich nicht nur in dunklen und grauen Farbwerten äussert, sondern auch in der Anwendung eines kubistischen Formenvokabulars und in Landschaften und Figurenbildern, die oft gesichtslos und distanziert wirken.

Diese Bilder, die zum besten gehören, was die Basler Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzuweisen hat, erinnern an landschaftliche Motive von Otto Dix und an die Gebäudegruppen in Bildern Arnold Böcklins, beispielsweise im Bild „Pest“, dem „zerstörten Haus bei Kehl“ oder in den verschiedenen Versionen der „Toteninsel“. In diesen frühen Arbeiten, erprobt Zschokke die plastische Ausgestaltung von Personen und Räumen, wobei sein Interesse an Raumproblemen, die später zu seinem skulpturalen Werk führen wird, bereits spür- und sichtbar ist.

Anfang der zwanziger Jahre beginnt er sich der Bildhauerei zuzuwenden und vernachlässigt zunehmend die Malerei, aufgegeben hat er sie indessen nie. Die Aquarelle, Ölskizzen, Zeichnungen und Grafiken, von denen ganz unterschiedliche Exemplare in der Ausstellung zu sehen sind, nehmen auch in seiner weiteren Entwicklung einen eigenen Raum ein und illustrieren wie Alexander Zschokke seine Bildsprache, seine Linienführung und seine Motive weiterentwickelt, verfeinert und perfektioniert hat, ohne jemals einem Schematismus zu verfallen. Die Frauendarstellungen seiner Zeichnungen zeigen nicht nur durch die stilsichere Verwendung anatomischer Formen, sie illustrieren auch seine Fähigkeit mit wenigen Strichen das Entscheidende einer Situation, einer Person und ihres Charakters festzuhalten. Darüber hinaus verweisen die Arbeiten auf Papier auf einen weiteren Aspekt, der auch im plastischen Werk von Alexander Zschokke eine zentrale Funktion einnimmt: Bewegung. Immer wieder finden sich Tänzer und Tänzerinnen und spielende Kinder, doch nicht nur sie, auch Frauen mit Kindern, Frauen alleine und Personengruppen scheinen sich unentwegt zu bewegen. Besonders deutlich wird dies an der Trommel der Skulptur des Brunnens vor dem Kunstmuseum. Während die Personengruppe auf dem Brunnenstock regungslos verharren, bilden die Menschen an der Trommel einen spannungsvollen Gegensatz. Nicht nur die beiden Fahrradfahrer, auch der Gymnastikschüler, die Tanzenden, Gestikulierenden und Schauenden sind permanent in Bewegung. Und mitten unter ihnen spritzen aus unzähligen Röhren Wasserfontänen, als wollten sie die Bewegungen verstärken und gleichzeitig den Figuren eine individuelle Sprache verleihen. Bewegung ermöglicht Zschokke eine eigene Handschrift auch wenn er sich stilistisch anderen Kunstrichtungen, dem Tachismus, dem Informell, teils auch dem Futurismus annähert. Auch die zahlreichen Frauen in Zschokkes Garten an der Kappellenstrasse in Basel zeigen sich bewegt, dadurch entsteht zwischen Büschen und Blumen, neben Bäumen und vor Mauern ein permanentes Gewusel, das den Besucher darauf aufmerksam macht sich gerade mit den kleinen Figurengruppen auseinanderzusetzen, da sich in ihnen die wahre Könnerschaft und die Poesie des Bildhauers Alexander Zschokke erklärt.

Femmes – das sind nicht nur einfach Frauen. Der Begriff Femmes formuliert die Beziehung zur eigenen Familie, zu seiner Frau, der stadtbekannten Fotografin Claire Roessiger und zur Tochter Petra, die heute seinen Nachlass betreut und sich für sein Werk einsetzt. Femmes bezieht sich aber auch auf Freundinnen, wie die Malerin und Dichterin Francisca Stoecklin, die begabte und viel zu früh verstorbene Schwester des Schweizer Protagonisten der Neuen Sachlichkeit. Femmes bezieht sich auch auf Tänzerinnen und Akrobatinnen der Variétes, des Zirkus und des Tingeltangels, auf bekannte und unbekannte Menschen, die er portraitierte, wobei es ihm weniger um die Erfassung der Äusserlichkeiten, als vielmehr um das Zeigen des Geistigen eines Menschen ging und schliesslich sind Femmes auch seine Musen, die ihn in seinen Arbeiten inspirierten.

Wirken die Plastiken und Skulpturen im öffentlichen Raum monumental und bisweilen auch stoisch, ja sogar regungslos, so offenbart sich im Skulpturengarten eine ganz andere Person: Alexander Zschokke ist auch ein Mensch mit Verve, mit Humor und bisweilen Schalk, der nicht nur die Ernsthaftigkeit des Lebens sondern auch deren heitere Seiten in seinen Skulpturen, Malereien und Aquarellen analysiert und aufzeigt.

Simon Baur, im September 2011