Uwe Wittwer: Margate Sands

Uwe Wittwer: Margate Sands

ballroom / ballsaal by uwe wittwer

Uwe Wittwer

Ballroom / Ballsaal, 2013

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great eastern street by uwe wittwer

Uwe Wittwer

Great Eastern Street, 2013

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the gambler, camp / der spieler, camp by uwe wittwer

Uwe Wittwer

The Gambler, Camp / Der Spieler, Camp, 2013

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dreamland by uwe wittwer

Uwe Wittwer

Dreamland, 2013

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sleeping boy / schlafender knabe by uwe wittwer

Uwe Wittwer

Sleeping Boy / Schlafender Knabe, 2013

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invitation

Invitation

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Thursday, November 7, 2013Saturday, December 7, 2013

Lullin + Ferrari
Zurich, Switzerland

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Uwe Wittwer
Margate Sands


8. November - 7. Dezember 2013

Eröffnung: Donnerstag, 7. November 2013, 18 - 20 Uhr

Uwe Wittwer (*1954, lebt und arbeitet in Zürich) ist mit vielen Einzelausstellungen im In- und Ausland hervorgetreten. Für seine zweite Ausstellung bei Lullin + Ferrari reflektiert er seine Arbeit und schafft eine Gruppe von hochkonzentrierten, schwarzweissen Aquarellen.

Der Ausstellungstitel Margate Sands weist der Deutungsvielfalt der Arbeiten eine mögliche Richtung. Ohne ein wenig Hintergrundinformation bleibt die Bezeichnung jedoch schleierhaft: Margate ist ein Ort am Meer in der Grafschaft Kent etwa 120 Kilometer östlich von London und 40 Kilometer nördlich von Dover. Der Landflecken ist eine vergessene Ausbuchtung der Britischen Inseln; selten verirren sich heute noch Touristen an diese früher sehr beliebte Feriendestination. Wittwer wählte den Titel unter anderem, weil sich der englische Schriftsteller T.S. Eliot 1921 in Margate aufhielt und den dritten Teil des langen Gedichts The Waste Land schrieb, in der diese Passage steht: "On Margate Sands./I can connect/Nothing with nothing./The broken fingernails of dirty hands./My people humble people who expect/Nothing." Neben dem Gedicht besitzt Margate eine persönliche Ebene für Wittwer: Mit 17 Jahren im Jahr 1971 sah er das erste Mal in Margate das Meer. Er besuchte dort einen Sprachkurs und schuf sich einen fundamentalen Zugang zur englischen Lebensart und Kunst, die seither wichtige Bestandteile seines Lebens sind und seine künstlerische Arbeit nachhaltig prägen. Auch ermöglichte ihm sein erster Besuch in England einen wichtigen Kontakt mit der damals aktuellen Pop-Kultur. Immer wieder hielt sich Wittwer in der Folge in England auf. Die englische Malerei unter anderen diejenige von John Constable und Hans Holbein d.J., die grossartigen Sammlungen in London, insbesondere diejenige der National Gallery, sind ihm wichtiger Anhalts- und Ausgangspunkt für seine Bildfindungen.

Ein zentraler Aspekt in Wittwers Arbeit ist die Idee des Gesamtwerks. Sein Werk ist nie abgeschlossen, sondern er arbeitet von einem Bild zum anderen an einer Gesamtkonzeption. Zwischen den Werkgruppen bestehen Zusammenhänge, Verbindungen, aber auch Reibungsflächen und Divergenzen. Wittwer bezeichnet die Aquarellmalerei als die kleinere Schwester der Ölmalerei, die keine Fehler verzeiht und deshalb eine genaue analytische Planung erfordert. Ein falsch gesetzter Pinselstrich fügt der Anlage des Bildes einen unwiederbringlichen Schaden zu. Wittwer beruft sich auf die Leerstellen in der Aquarellmalerei von Paul Cézanne und Paul Klee. Jedes Aquarell muss zuerst zu Ende gedacht sein, bevor er damit beginnt. Eine der grössten Herausforderungen der Aquarellmalerei ist das weisse Blatt. Bei Ölbildern kann Wittwer der weissen Leinwand ausweichen, indem er sie mit roter Farbe, Caput Mortuum, grundiert – in der Ausstellung taucht Caput Mortuum im mittleren Raum als Wandfarbe auf. Das Papier der Aquarelle übermalt Wittwer nicht, es strahlt hellweiss und ist im Werkprozess von zentraler Bedeutung.

In der Ausstellung Margate Sands beschäftigt sich Wittwer mit persönlichen Fragen der Erinnerung. In seiner zeitgleichen Schau Der Brief in der Galerie Judin in Berlin (bis zum 23. November) aktivierte Wittwer bereits eigene Familienalben. In beiden Ausstellungen untersucht er aus einer sehr privaten Perspektive Fragen der Bewusstseinbildung und Erinnerung. Die Ausstellung in Zürich besitzt jedoch eine persönlichere Färbung als diejenige in Berlin, indem Wittwer viele autobiographische Bilder als Grundlage der Aquarelle benutzt. Wie schon in früheren Werkgruppen, etwa den Camp-Serien oder Bildern von unbekannten Familien aus dem Internet, erörtert Wittwer inwiefern Erinnerung trügerisch ist und in welchem Verhältnis Privatheit und Öffentlichkeit zueinander stehen. Im ersten Raum der Galerie verankert Wittwer mit dem direkt an die Wand gekleisterten Inkjet Dreamland die Ausstellung sowohl örtlich als auch thematisch. Hinter einer Tapete schemenhaft wiedergegeben ist das Eingangsgebäude des Freizeitparks in Margate; ein Traumland mit Kinosälen, Achterbahn, Riesenrad, und in den frühen 1970er Jahren mit Squash-Plätzen, einer Eisbahn und sogar einem Zoo. Dem Vergnügungspark war kein grosser Erfolg beschieden – 2005 nämlich mussten die Betreiber Insolvenz anmelden. Seither sind Bestrebungen im Gange "Dreamland" wieder auferstehen zu lassen.

Auf der Stirnwand hängt programmatisch in einer Vierergruppe die 1991 entstandene Serie Der Schläfer. Wittwer thematisiert in diesen vier frühen Ölzeichnungen auf Papier den Wach-Traum-Zustand, der für die Folge neuer Aquarelle im Hauptraum bestimmend ist. Dort macht das Aquarell Die Welle den Auftakt. Dabei handelt es sich um eine Darstellung der verbrannten Achterbahn in "Dreamland". Der Titel könnte auch auf Wittwers erste Beobachtung einer Welle am Strand von Margate verweisen und lässt die Welle der Erinnerung in den Ausstellungsraum fluten. Ein Schlüsselwerk der Ausstellung ist die Darstellung eines schlafenden Knaben. Dieses Bild besitzt ein Pendant in der Berliner Schau. Es handelt sich hier um das erste Selbstporträt des Künstlers. Als siebenjähriger Knabe liegt er auf einem stark gemusterten Teppich. Das Muster, ein zentrales, wiederkehrendes Motiv in Wittwers Formenrepertoire, leitet über zu einem kleinformatigen Aquarell, das lapidar mit einer Londoner Adresse Maresfield Gardens betitelt ist. An diese Adresse im nördlichen Londoner Stadtteil Hampstead floh die Familie Freud aus Wien nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1938. Heute ist dort das Freud Museum untergebracht, das als eine der Hauptattraktionen die originale, mit einem orientalischen Teppich überdeckte psychoanalytische Couch von Freud besitzt, die Wittwer verdichtet ins Blickfeld setzt. Neben der Darstellung der Couch hängt ein Bild einer Wolkenformation im August 1994 – eine Reminiszenz an den englischen Maler John Constable (1776- 1837), insbesondere seinem Versuch, die Flüchtigkeit der sich wandelnden Wolkengebilde zu fassen. Daneben hängt prominent Der Spieler, Camp. Aus dem Titel wird ersichtlich, dass die Arbeit zur Folge amerikanischer Camp-Bilder aus dem Vietnamkrieg gehört, mit denen sich Wittwer seit einiger Zeit beschäftigt. Der Spieler legt mit verbundenen Augen Karten aus und scheint durch diese merkwürdige Tätigkeit zu einer übergeordneten, seherischen Schicksalsfigur zu werden. Das Aquarell Live at Leeds gibt die 1970 erschienene Schallplatte der Band "The Who", leicht vergrössert und nicht vollkommen rund wieder. Auffallend ist, dass, wie auf dem Vorbild, jegliche Bezeichnung auf der aquarellierten Platte fehlt. Die Darstellung ist eine Huldigung dieser für die englische Pop-Kultur bahnbrechenden Aufnahme.

Das Nachtstück Great Eastern Street zeigt eine Hauptstrasse im Osten von London. London übte auf Wittwer bereits während seines Aufenthalts in Margate eine grosse Anziehungskraft aus, die die englische Kapitale nie eingebüsst hat. Der Osten Londons war erster Aufenthaltsort für Zuwanderer und besass aufgrund der Nähe zu den damaligen Docks eine raue Stimmung. Durch weisse Striche imitiert Wittwer im Aquarell Beschädigungen der fingierten Fotografie und rückt die Darstellung in eine Unentschiedenheit zwischen Annäherung und Distanzierung. Die Arbeit Ballsaal stellt eine berührende Szene aus dem Film They Shoot Horses, Don't They? von Sidney Pollack aus dem Jahr 1969 in den Brennpunkt des Interesses. In einem cinematographischen Breitformat sind die beiden Hauptdarsteller Jane Fonda und Michael Sarrazin in enger Umarmung wiedergegeben. Der Ballsaal stellt einen Bezug zu Margate her, da er sich durchaus auf dem Pier des einst sehr populären Seebades befinden könnte. Eine Landschaftsbühne öffnet den Blick auf die ikonischen Berge Eiger, Mönch und Jungfrau des Berner Oberlandes, die von Bern und Burgdorf aus – frühere Wohnorte von Wittwer – an schönen Tagen gut zu sehen sind. Hier sind sie wie durch einen gemusterten Vorhang lediglich schemenhaft erkennbar und werden auf eine ferne Kulissenebene gerückt. Neben dem Aquarell Bühne hängt als Schluss- und gleichzeitig aber auch als erneuter Ausgangspunkt der Ausstellung die Landschaft Margate negativ. Sozusagen Rücken-an-Rücken mit dem grossformatigen Inkjet Dreamland zeigt dieses Blatt in negativer Umkehrung das Eingangsgebäude "Dreamland" und ein Hochhaus in unmittelbarer Nachbarschaft des Vergnügungsparks.

Die Ausstellung öffnet dem Publikum eine grosse Spannweite von Interpretationsmöglichkeiten. Sie ist nicht dialektisch aufgebaut, jeder Besucher und jede Besucherin kann selber Bezüge, Referenzen, Erzählstränge und Widersprüche zwischen den einzelnen Aquarellen herstellen. Wittwer stellt fest, dass Emotionen sich fruchtbar auf den Werkprozess auswirkten. In seiner Ausstellung Margate Sands hebt Wittwer auf wunderbare Art und Weise persönliche Erfahrungen ins Allgemeine und ermöglicht dem Publikum, das sich in der Betrachtung assoziativ Bedeutungsebenen erschliesst, Momente von tiefer Einsicht.

Die Eröffnung findet in Anwesenheit des Künstlers am Donnerstag, 7. November 2013 von 18 bis 20 Uhr statt.

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Uwe Wittwer
Margate Sands


8 November – 7 December 2013
Opening reception: Thursday, 7 November 2013, from 6 to 8 pm

Uwe Wittwer (*1954, lives and works in Zurich) has become prominent with many solo exhibitions in Switzerland and abroad. For his second solo exhibition at Lullin + Ferrari he reflects his works and creates a group of highly concentrated watercolours in black and white.

The title Margate Sands is opening up a wide field of possible interpretations. Without a certain background knowledge though the title remains mysterious: Margate is a seaside town in Kent, 120 kilometres east of London and 40 kilometres north of Dover. The location is a forgotten dent of the British Islands; nowadays tourists seldom find their way to this once very popular holiday destination. Wittwer chose the title amongst other reasons because the English writer T.S. Eliot stayed 1921 in Margate and wrote the third part of the long poem The Waste Land, in which this passage is included: "On Margate Sands./I can connect/Nothing with nothing./The broken fingernails of dirty hands./My people humble people who expect/Nothing." Besides the poem Margate holds a personal connection to Wittwer: 1971, 17 years old, he saw there for the first time the sea. He attended an English course and developed a fundamental approach to the English way of life and English art. Since then these ingredients have become important features of his life, and distinctive for his way of making art. Also his first visit in England allowed him an important contact with the English pop culture of the early 1970s. Since then England has become a main destination for Wittwer. English painting amongst others the work by John Constable and Hans Holbein the Younger, the excellent collections in London, particularly the one of The National Gallery, are crucial points of reference for Wittwer’s art.

A major aspect of Wittwer’s work is the idea of creating an ongoing oeuvre. His oeuvre is never accomplished, but he works from one picture to the next on an overall concept of image-making. Between the different groups of works exist relations and connections, but also frictions. Wittwer calls watercolour the little sister of painting, who never forgives mistakes, and therefore requires an analytical planning. A stroke wrongly placed inflicts an irrecoverable damage on the composition of the sheet. Wittwer refers to the blank spots in the watercolours of Paul Cézanne and Paul Klee. Each watercolour has to be conceived before Wittwer starts with it. One of the biggest challenges in watercolour is the white sheet of the paper. In oil painting Wittwer can avoid the white canvas by applying a red primer, Caput Mortuum – in the exhibition Caput Mortuum emerges in the main room as wall colour. Wittwer doesn't paint over the paper in watercolour it shines bright white and is pivotal in the conception of the work.

In the exhibition Margate Sands Wittwer explores personal considerations of memories. In his simultaneous show The Letter in the Galerie Judin in Berlin (until 23 November 2013) Wittwer already activated for the first time his family history by opening up photo albums and archive boxes of his parents and grandparents. In both exhibitions he explores from a very private point of view questions of sensitisation and memory. Compared to the show in Berlin the show in Zurich holds an even more personal hue: Wittwer used for his watercolours in Zurich many autobiographical images as a starting point. Like in earlier series of works, for example the images of American Camps in the Vietnam War or of unknown families from the internet Wittwer reconsiders to what extent memory is delusive and how privacy and publicity are related to each other. With the directly on the wall pasted large inkjet Dreamland in the first room of the gallery Wittwer anchors the exhibition locally as well as thematically. The entrance building to the amusement park in Margate is rendered apparitional; a land of dreams with movies, a scenic railway (roller coaster), a big wheel, and in the early seventies squash grounds, skate ring, and even a zoo. Dreamland was not very successful and closed to the public in 2005. Since then attempts are undertaken to rejuvenate the amusement park. On the small wall in the entrance room hangs programmatically a group of four oil drawings on paper called The Sleeper from 1991. In these works Wittwer rendered early in his career a dream-awake-condition, which is determinant for the mood of the series of new watercolours in the main room of the gallery. There the watercolour The Wave, a depiction of the burnt roller coaster in “Dreamland“ opens the series of works. The title might refer to Wittwer's first observation of a wave on the shore in Margate and might – symbolically speaking – let the wave of memories flow into the exhibition space.

A crucial work in the exhibition is the depiction of a sleeping boy – an image which has a pendant in Wittwer's Berlin show. It is the first self-portrait of the artist. As a seven year old he sleeps on a strongly patterned carpet. The pattern is a central, recurring feature in Wittwer's repertory and leads over to a small, very dense watercolour, which is lapidary titled with the London address Maresfield Gardens. To this place in Hampstead in North London escaped the Freud family from Vienna after the National Socialist took power in Austria in 1938. Today the Freud Museum is situated there and holds as one of its main attractions the original psychoanalytic couch of Sigmund Freud covered by oriental carpets. Wittwer focuses in this amazing watercolour on the condensed depiction of the enigmatic couch. Beside this work hangs the image of a cloud formation in August 1994 – a reminiscence to the English painter John Constable (1776-1837), especially to his aim to capture the changing formation of clouds. Next to the landscape hangs prominently The Player, Camp. The title indicates, that the work belongs to the series of American camp images from the Vietnam War, a subject Wittwer deals with for some time. Blindfolded the player lays up cards and appears in this strange occupation as a superior, visionary figure of destiny. The watercolour Live at Leeds renders the 1970 released record by the band "The Who", slightly enlarged and distorted. It is noticeable that as on the original record the painted cover lacks any description. The depiction is an homage to this seminal recording for English pop culture. The night piece Great Eastern Street shows a main street in London's East End. Already during his stay in Margate London had a huge appeal to Wittwer; a fascination the Capital has never lost. East London was the first destination for immigrants and holds because of the docks a rough mood. With white omissions Wittwer imitates on the watercolour damages to the paper and places the depiction in the indecision between approximation and alienation.

The work Ballroom focuses on a touching scene in the movie They Shoot Horses, Don't They? (1969) by Sidney Pollack. In a cinematographic wide format the two main actors Jane Fonda and Michael Sarrazin are rendered in a close embrace. Ballroom establishes a connection to Margate as it could be situated in the famous pier of the once popular seaside resort. A window opens the view on the iconic landscape in the Bernese Oberland with the three mountains Eiger, Mönch and Jungfrau. On sunny days Wittwer could see this amazing panorama from his earlier places of domicile Berne and Burgdorf. Here the mountains can barely be detected through a patterned curtain, which places the mountains on a distant stage. Next to the work Stage hangs as a final point but also at the same time as a new starting point of the exhibition the landscape Margate Negative. So to speak back-to-back to the large inkjet Dreamland this work shows in a negative reversal the entrance building to Dreamland and a multistorey building close to the amusement park.

The exhibition opens to the public a wide field of possible interpretations. The show is not to be read with a dialectical key, but each visitor has to create on his own references, narratives and contradictions between the single watercolours. Wittwer states, that emotions have been important in the process of making the works. In Margate Sands Wittwer transforms in an amazing way personal experiences into general observations and statements. Through an associative contemplation of the works the viewer gains many layers of meaning and moments of deep understanding.

The opening reception takes place Thursday, 7 November 2013 from 6 to 8pm. The artist will be present.