Kovacek & Zetter GmbH

Beni Altmüller 'Im All der Gründe'

Beni Altmüller 'Im All der Gründe'

Tuesday, January 17, 2012Saturday, February 18, 2012


Vienna, Austria

Situationen des Unabsehbaren
Zur Malerei von Beni Altmüller
Silvie Aigner

Beni Altmüllers Bilder stehen im Spannungsfeld zwischen malerischer Selbstreferenzialität und Figuration. Die erlebte Realität und auch die Reflektion des alltäglichen Umfelds bildet zumeist die Basis seiner Bilder. Übersetzt in die Leinwand überwiegt der malerische Prozess sowie eine gewisse Reduktion der Motive, die solcherart zu Kürzel werden und auf weit größere Zusammenhänge oder Gedankenschleifen des Künstlers verweisen. Seine Bilder sind dabei stets ein Spiel mit der Sensibilität des eigenen Blicks, zwischen dem Bewussten und Unbewussten der Wahrnehmung in einer Verbindung von mehreren Realitätsebenen. Die Leinwand wird zu einem offenen Feld auf der sich eine Geschichte entspannt, in die man als Betrachter für einen Augenblick eintauchen kann. Der Künstler entwickelt durch den perspektivischen Aufbau der Farbfelder einen Spannungsbogen zwischen Figur und Raum, in der durch die Anordnung und Auswahl der figurativen Motive Szenen mit vielfältigen Facetten entwickelt werden, die deshalb so einprägsam sind, weil sie beim Betrachter eigene Emotionen, Erfahrungen oder Wahrnehmungen evozieren. Ist doch das Thema des Künstlers der Fluss des Lebens schlechthin. Das Baby, das zum kleinen Mädchen und schließlich zur Frau wird, der Wunsch in weitere Welten, ins Unbestimmte zu blicken oder schlichtweg jene flüchtigen Wahrnehmungen, die für Augenblicke in unsere Wahrnehmung rücken und uns dann doch nachhaltig beschäftigen, ohne dass wir die wahren Gründe dafür kennen.

Mich interessiert das Geschehen „zwischen ich und selbst“, schrieb der Maler zu den Inhalten seiner Bilder und definiert das Wesentliche der eigentlichen Lebendigkeit aus der Wechselwirkung von Unterbewusstem und Bewusstem, von Emotion und Vernunft. Beni Altmüller studierte nach Abschluss der HTBL in Steyr an der Universität für Kunst und industrielle Gestaltung in Linz bei Professor Helmuth Gsöllpointner und schloss das Studium 1977 mit Diplom ab. Im Jahr darauf begann die Zusammenarbeit mit Gerhard Bogner im Atelier Altmüller-Bogner, die bis 1995 andauerte. Der Fokus seiner Kreativität lag damals in der angewandten Kunst im Bereich von Architektur, Möbel- und Schmuckdesign und Skulptur. Anfang der 1980er Jahre übernahm Beni Altmüller die künstlerische Leitung und das Management des Linzer Posthofs, ab 1990 schließlich setzte er mit dem Medium Malerei einen neuen und deutlichen Schwerpunkt in seiner künstlerischen Arbeit.

Die Malerei hat die Möglichkeit aus der Wahrnehmung des Realen ein breites Spektrum von Sichtweisen und Ausschnitten zu generieren zwischen Montage, Dekonstruktion und Inszenierung. In seinen Bildern wird die Malerei zum Faktum des Fragmentarischen, Szenischen und in der Folge zu einer weiteren Projektionsfläche in der die Kraft des Unbewussten, Intuitiven sowie die emotionale Tiefe verborgen liegt, auf welcher sich die geistigen und konkreten Dinge entwickeln können. Das Motiv der Schleife ist dabei stets präsent. Sie bildet eine lineare Struktur, die wie eine imaginäre Architektur in den Raum der Malerei hineinführt oder sie bündelt sich, verbindet unterschiedliche Motive zu neuen Themenfeldern und Zusammenhängen, umschreibt die Figur, unterstützt sie oder engt sie auch zuweilen ein. Darüber hinaus ermöglichen sie dem Künstler zunächst zusammenhanglose Dinge in einen Dialog bzw. in eine neue Wechselwirkung zu bringen, „auf der Wanderung ins Unbestimmte“. Francis Bacon antwortete einmal auf die Frage nach der Vorlage seiner Bilder, dass er im Grund genommen darauf abzielt, ein Bild seines Nervensystems zu schaffen. Beni Altmüller setzt, auch wenn seine Bilder vordergründig so leicht und ästhetisch wirken, ebenso dort an und sucht nach der Möglichkeit in den Mittelpunkt unseres Denkens vorzudringen. In diesem Fall ist das Transportmittel unser Auge, das in die unendlichen Weiten der gemalten Gedankenkonstrukte eintaucht, die zuweilen einen sensationellen Tiefenraum auf der Leinwand entwickeln. Die Personen in seinen Bildern sind zumeist in einem persönlichen Moment festgehalten, doch verweigern die Bilder jeglichen Voyeurismus. „Dem Blick wohnt aber die Erwartung inne, von dem erwidert zu werden, dem er sich schenkt“, so Walter Benjamin. Doch selbst dort wo Beni Altmüller die Figuren an den vorderen Bildrand rückt und das Porträt in den Mittelpunkt stellt, entzieht sich der Blick der dargestellten Personen dem Betrachter. Die Menschen in Altmüllers Bildern posieren nicht, sie drängen sich dem Betrachter nicht auf. Vielmehr konstruiert Beni Altmüller eine bleibende Spannung zwischen Realem und Fiktivem, zwischen Intimität und Anonymität. Viele seiner Motive werden zu Metaphern neuer Zusammenhänge und tauchen daher immer wieder in seinen Bildern auf. Die Szenen, die aus dem Bild auftauchen, haben dabei stets auch etwas von einem Traum, in dem Bilder aufblitzen, sich dann jedoch wieder in der Ferne verlieren und bekannte Motive sich mit neuen Elementen im Bild verbinden. Was ist nun real? Oder ist alles nur ein Konstrukt unserer Phantasie? Das Band dient dabei als Gedankenschleife, ähnlich der Komposition einer Fuge, die gewöhnlich auf einem Thema basiert, das von verschiedenen Stimmen oder in verschiedenen Tonarten, gelegentlich auch in verschiedenen Tempi gespielt wird. In einer Fuge sind gewisse Dinge festgelegt, aber doch nicht so, dass man sie nach einer Formel komponieren könnte. Sie bietet einen Spielraum für emotionalen und künstlerischen Ausdruck. Viele Einfälle und Formen werden miteinander verwoben oft so komponiert, dass das Ende wieder an den Anfang anschließt in einer gewissen, sukzessiven Modulation. So verweist auch Johann Sebastian Bachs „Canon per tonos“ auf die Unendlichkeit. Die Schleife war stets eine Methode, endlosen Vorgang mit Mitteln der Endlichkeit darzustellen, man denke nur an die Grafiken des niederländischen Künstlers Maurits Cornelis Escher. Die Musik ist wohl im Zusammenhang mit den Arbeiten von Beni Altmüller kein schlechter Vergleich, betrachtet man die Titel seiner Werke, wie „Tanz ins Unbestimmte“ oder die Werkserie der Jahre 2002 bis 2004, die er „Das Leben hält sich in Schwung“ nennt. Die Schleife gilt ihm als Band des Lebens, das sich einmal bedächtiger und zuweilen schwungvoller inszeniert.

Beni Altmüllers Bildern ist eine irritierende Intensität eigen und eine charakteristische Ästhetik und Farbigkeit. Stets bewahrt er in seinen Bildern noch ein Geheimnis und lässt offen, was hinter ihrer Malerei liegt. So liegt etwas Rätselhaftes über den nur vordergründig lieblichen Bildern, das, so Markus Lüpertz, jedoch grundsätzlich die leidenschaftliche Motivation des Schaffenden darstellt, weil er sich gerne dort aufhält, „um mit der Situation des Unabsehbaren umzugehen.“