Galerie Henze & Ketterer

Ursula: Eine feine Gesellschaft

Ursula: Eine feine Gesellschaft

die beiden versteinert im gebirge by ursula (u. schultze-bluhm)

Ursula (U. Schultze-Bluhm)

Die Beiden versteinert im Gebirge, 1997

im grauen asphalt die köpfe by ursula (u. schultze-bluhm)

Ursula (U. Schultze-Bluhm)

Im grauen Asphalt die Köpfe, 1990

eine feine gesellschaft by ursula (u. schultze-bluhm)

Ursula (U. Schultze-Bluhm)

Eine feine Gesellschaft, 1997

Saturday, May 18, 2013Saturday, February 22, 2014


Wichtrach/Bern, Switzerland

Ursula
Eine feine Gesellschaft

18. Mai bis 22. Februar 2014
Eröffnung: Samstag, 18. Mai 2013, 14-18h

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Die Ausstellung Eine feine Gesellschaft zeigt Malerei sowie eine grosse Figurengruppe von URSULA im Spannungsfeld von naiver Malerei, Art Brut und Informel.

Eine feine Gesellschaft

Am 17. November 1921 wurde die Malerin Ursula Schultze-Bluhm, die mit „Ursula“ firmierte, in Mittenwalde (Brandenburg) geboren. Sie starb am 9. April 1999 in Köln. In ihrer Generation war Ursula eine der noch ganz wenigen Frauen in der Kunst. In ihrer Malerei ist sie einzigartig. Eigene und die Obsessionen sowie Aggressionen anderer sublimierte sie in eine gegenständlich gestaltete Welt von der zarten Tuschfederzeichnung zu schier zerreissender Form und Farbe im grossen Gemälde hin zur dritten Dimension in weichen Materialien, wie Pelz, jedoch mit Heftzwecken und Rasierklingen gespickt, die sich aus der Fläche zu Reliefs oder zu selbständigen skulpturalen Gebilden, ihren „Assemblagen“, entwickeln konnten oder – um 1970 – gar zu raumgreifenden sowie raumfüllenden Installationen, damals noch „Environments“ genannt.

Ursula erlebte Niedergang und Zusammenbruch Mitteleuropas hautnah in ihrem prägenden dritten Lebensjahrzehnt. Den Wiederaufbau gestaltete sie als Mitarbeiterin des Amerika-Hauses in Frankfurt am Main mit und lernte dort den Maler Bernard Schultze kennen, dessen Lebens- und Arbeitsgefährtin mit bewunderungswürdiger Intensität sie bis zu ihrem Tode wurde. 1950 begann sie zu malen, ging von der flächigen Abstraktion etwa Willi Baumeisters aus, fand aber nach kurzer Zeit zu einer persönlichen Konkretion im Spannungsfeld von naiver Malerei, art brut und Informel. Trotz fünfzig Jahren Arbeitens mit Bernard Schultze in einem Raum näherten sich die Positionen beider nie, entwickelten sich vielmehr individuell in ständiger Diskussion und Konfrontation. Ursula schuf ihre eigene „individuelle Mythologie“ als Frau, die sie einsam und gross in ihrer noch völlig vom Mann beherrschten Künstlergeneration erscheinen lässt.

Erlebnisse und Obsessionen, Wirklichkeit und Traum, Reales und Imaginiertes gerinnen in scharfer Zeichnung von naiv-karikierender Form und heftigster, dissonanter Farbe. Hierdurch eröffnet Ursula ihr Inneres und versteckt und verteidigt es gleichzeitig stachelig, so wie sie später in den Pelzteilen ihrer grossen Assemblagen Heftzwecken und Rasierklingen verbarg, damit niemand ihrem verletzlichen Herz zu Nahe kommen konnte. Dieses und die Kunst - die ihres Mannes und ihre eigene - verteidigte sie kämpferisch bis zum Schluss.

Ob man ihr den Anflug von Lyrik in „Papillon“ von 1962 in dieser Ausstellung so recht glauben kann, stellt der zweite Teil des Titels „qui est un Icarus“ sogleich in Frage und Märchenhaftes wie in „Drei einsam im Kaleschen-Meer“ von 1963 erinnert mit „einsam“ sogleich an die vielen offenen und versteckten Grausamkeiten der Märchenwelt wie auch in „Vogel und das Lustschlösschen“ von 1971. Dahinter stehen konkrete Erlebnisse, wie in „Die Alte von M.“ von 1966, die Ursula in diesem Jahr bei einem Besuch in ihrem Geburtsort dort ganz plötzlich in einem Hinterhof auf einem hohen Sessel sitzen sah und die ihr noch aus der Zeit ihrer Geburt erzählen konnte. „Im Café“ von 1989 begegnet die Künstlerin den Schrecknissen des Alkohols und des Nikotins in Form eines von der Zimmerdecke sich zwischen sie und Glas sowie Zigarette herunterhangelnden gefährlichen Rieseninsekts. Der Aschenbecher auf dem Tischchen der rauchenden Trinkerin ist sogar als solcher beschriftet, vielleicht damit er nicht verfehlt wurde. Denn deren Wahrnehmung unterlag des öfteren heftigen Sinnestäuschungen, welche die Menschen in ihrer Nähe zu Monstern wandeln konnten, wie in „Le grand diner des petits monstres“. Vielleicht waren die „petits monstres“ auch Kinder, zu denen die kinderlose Künstlerin ein höchst ambivalentes Verhältnis von rührender Zuneigung bis geradezu gespenstischer Abneigung hatte.

Der „feinen Gesellschaft“ begegnet sie in all deren Skurrilität in der hoheitsvoll gestelzten „Impératrice des Indes“ von 1995, vielleicht nur eine aufgepfaute Zeitgenossin, im Zufallszusammentreffen von „Die Frau, der Vogel und die Kröte“ im Jahre 1996 oder einem „Bizarren Trio“ in China sowie einem Riesenhund in „Welch eine Begegnung“ und sich „Um einen Schwan“ herumdrapierenden Figuren im selben Jahr. Waren diese Beobachtungen eher ironisch kommentierte Absonderlichkeiten von Menschen und Situationen, so gestaltet sich die Gesellschaft wieder abgrundtiefer in „Die zwei Schwestern“ von 1997, die offensichtlich wenig Gemeinsames haben, und der „Terror-Maskerade“ desselben Jahres in Form der Masken des Chors im griechischen Theater, der Masken des Totentanzes der Mary Wigmann oder der Schauerfiguren in winteraustreibenden Frühlings-Umzügen der Alpenländer. Am Ende der Ausstellung gibt die Malerin einen Rückblick auf „Eine feine Gesellschaft“ bzw. auf deren Köpfe von seltsamer Vielgestalt.

Nicht nur inhaltlich geht Ursula völlig eigene und eigenständige Wege, auch ihre Ausdrucksmittel und ihre stilistischen Möglichkeiten schöpft sie allein aus sich. Es gibt weder Vorbilder noch Vergleichbares. Das ist erstaunlich und das dürfte der Grund dafür sein, dass ihr Werk bis heute noch nicht die Beachtung im Kunstbetrieb erfuhr, die ihm aufgrund seiner Originalität und Qualität gebühren würde. Ursula selbst, der Kämpferin, waren diese Tatsachen in völliger Selbstverständlichkeit durchaus bewusst. Leider konnte sie das für Frauen in dieser Situation in heutiger Zeit oft so wesentliche neunte Lebensjahrzehnt nicht mehr erleben. Unsere Freundin starb für uns alle sehr plötzlich am 9. April 1999 in Köln.

1991 zeigten wir noch in Campione d’Italia eine Retrospektive von Ursula mit Katalog und 1998 in Wichtrach/Bern eine Doppelausstellung gemeinsam mit dem Werk von Bernard Schultze. Diesmal steht unsere Ausstellung Ursula im Kontext der parallelen Ausstellung „Frauen“, beide im Haupthaus der Galerie, ein Hinweis auf die so enorme aktive wie passive Rolle der Frau im Kunstbetrieb, ein Hinweis, der den immer noch latenten Machismo vielleicht wieder ein kleines Stück mehr ad absurdum führen sollte.

Kurz nach unserer Ausstellung von 1991 zeigte unsere unvergessene Kommilitonin Sabine Fehlemann Ursulas Lebenswerk im Von der Heydt-Museum in Wuppertal, im Stadtmuseum Köln und in der Kunsthalle Bremen mit einem umfassenden im Hirmer-Verlag in München erschienenen Katalogbuch. Die ebenfalls unvergessene Konservatorin des Ludwig Museums in Köln, Evelyn Weiss, publizierte 2007 die grundlegende Monographie zu Ursula, ebenfalls im Hirmer-Verlag in München, mit eigenen und Beiträgen von Heinz Althöfer, Barbara Herrmann und Christa Lichtenstern sowie dem Verzeichnis sämtlicher Werke von Barbara Herrmann.

Wolfgang Henze

Text zur 102. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

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URSULA
High Society

18th May to 22nd February 2014

Ursula Schultze-Bluhm, the paintress who later went by the artist’s name of “Ursula”, was born in Mittenwalde (Brandenburg) on 17th November 1921. She died in Cologne on 9th April 1999. Ursula was one of the very few women of her generation to become an artist of renown. Her painting was unique. Her own obsessions and aggressions and those of others were sublimated in figurative and representational worlds ranging from delicate brush-and-ink drawings to the intense colours and forms of her large-format paintings to her three-dimensional works in soft materials, such as animal fur, but quite literally spiked with drawing pins and razor blades, works that took the form of raised reliefs or evolved into freestanding sculptures, her “assemblages”, or, later (around 1970), into enormous room-filling installations, which at that time were still called “environments”.

Ursula experienced the decline and collapse of Central Europe at close quarters in her late twenties, the defining age for most artists. Her contribution to the cultural revival of Europe began at the Amerika-Haus in Frankfurt/Main, where she also met her future husband Bernard Schultze. They were to live and work together with an intensity that survived all the many years until her death in 1999. She began to paint in 1950. Influenced by, and starting out from, the planar abstraction of such artists as Willi Baumeister, she soon developed her own personal style somewhere between Art Brut, primitive art and Art Informel. Despite the fact that the two artists worked together in the same room for fifty years, their styles and subject matter always retained their respective peculiarity, never coming together in any way, never merging. On the contrary, they retained their absolute individuality no matter how constant and deep their personal discussions and confrontations were. Ursula created her own “individual mythology” in her role of a sole woman of grandeur in a male-dominated generation of artists.

Experiences and obsessions, reality and dream, true life and imagination merge in a world of sharply drawn, naive, caricature-like forms and violent, dissonant colours. Her painting reveals her innermost being and at the same time hides and defends it with all the weapons it can muster, just as – later – the fur pieces of her assemblages, armed with drawing pins and razor blades, prevent us from coming too close to her vulnerable heart. The latter and art – both her own art and her husband’s – were defended ferociously right up until the very end.

Whether one can actually believe the touch of lyricism in the exhibited work “Papillon” of 1962 is immediately called in question by the second part of the title “qui est un Icarus”, while the fairytale aspect of “Three Alone on the Calesh Sea” of 1963 immediately evokes – through the word “alone” – the many obvious and hidden atrocities of the world of make-believe, as does her “The Bird and the Folly” of 1971. Behind all of these paintings are concrete experiences, as in “The Old Woman of M.” of 1966. During a visit to her place of birth in that same year, Ursula suddenly came across the old woman in a backyard, seated on a high-backed chair, who was able to tell her stories from the time of her birth. The painting “Im Café” of 1989 narrates the artist’s confrontation with the horrors of alcohol and nicotine in the form of a gigantic insect hanging from the ceiling between her and a glass and a cigarette. The ashtray on the table at which the drinking and smoking paintress is seated is even marked as such, perhaps so as not to be overlooked, for her faculty of perception often underwent delusions, such that people in her proximity would suddenly become monsters, as in “Le grand dîner des petits monstres”. Perhaps the “petits monstres” may also be interpreted as children, for Ursula, who was childless, had a highly ambivalent relationship to children, ranging from deeply felt affection to downright uncanny rejection.

The artist comes up against “high society” in all its scurrility in the haughty “Impératrice des Indes” of 1995, and perhaps just as a dolled up contemporary in the chance meeting of “The Woman, the Bird and The Toad” of 1996, or in the “Bizarre Trio” in China, or in the giant dog in “What a Meeting”, or in the figures draped “Around a Swan”, all of the same year. While these observations were rather ironically meant commentaries on the peculiarities of human beings and society, things take an morbid turn in “The Three Sisters” of 1997, who evidently have little in common, and in the “Terror Masquerade” of the same year, its Greek chorus masks reminding us of Kirchner’s painting of “The Dance of Death of Mary Wigman” or of the masked Fasnacht marchers driving out the winter in the Swiss Alps. Rounding off the exhibition is the artist’s retrospective glance at “High Society”, filled with people of the strangest physiognomical diversity.

Ursula always went entirely her own way in her art, not just in terms of content but also in her means of expression and stylistic options. She modelled herself on no one, nor was there anyone who could be compared to her. This is astonishing and is perhaps the reason why her work has to this day not been appreciated by the art world for its originality and quality to the extent it deserves. Ursula herself, while being the fighter that she was, was fully aware of this, but time was no longer on her side. Her death came suddenly – for all us friends – on 9th April 1999 in Cologne.

In 1991, while still in Campione d’Italia, the Henze & Ketterer Gallery mounted a retrospective exhibition of Ursula’s works, accompanied by a catalogue, and in 1998, in Wichtrach/Bern, a joint exhibition showing the works of both Ursula and Bernard Schultze. The forthcoming exhibition will take place within the context of the parallel exhibition “Women”, both being held in the main building of the gallery, two exhibitions that pay tribute to the enormous role played by the woman in art, both actively and passively, and two exhibitions that will perhaps help to reduce the latent machismo to absurdity just that little bit more.

Shortly after our exhibition of 1991, our fellow art historian, the late and unforgotten Sabine Fehlemann, exhibited Ursula’s life’s work at the Von der Heydt Museum in Wuppertal, the Stadtmuseum in Cologne and the Kunsthalle in Bremen. The exhibition was accompanied by a comprehensive catalogue published by the Hirmer-Verlag in Munich. Likewise deeply missed, the late Evelyn Weiss, former deputy director of the Museum Ludwig in Cologne, completed just before her death in 2007 a seminal monograph on Ursula, which was also published by the Hirmer-Verlag and contained her own contributions as well as contributions by Heinz Althöfer, Barbara Herrmann and Christa Lichtenstern and a complete index of Ursula’s works by Barbara Herrmann.

Wolfgang Henze

Text accompanying Exhibition No. 102 at the Henze & Ketterer Gallery, Wichtrach/Bern.