Galerie Henze & Ketterer

MENSCHHEITSDÄMMERUNG. Die "Brücke"-Künstler und die Lebensreform

MENSCHHEITSDÄMMERUNG. Die "Brücke"-Künstler und die Lebensreform

schlafende by erich heckel

Erich Heckel

Schlafende, 1910

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totentanz der mary wigman by ernst ludwig kirchner

Ernst Ludwig Kirchner

Totentanz der Mary Wigman, 1926–1928

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Saturday, September 6, 2014Saturday, November 22, 2014

Kirchstrasse 26
Wichtrach/Bern, 3114 Switzerland

Um die Wende zum 20. Jhd. führt die rapide Industrialisierung in Deutschland zu einer massiven Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dagegen setzt die Lebensreform auf die Reintegration von Mensch, Gesellschaft und Natur in einer naturnahen Lebensweise. Zunächst geht es dabei um ein neues Verhältnis zum Körper, das sich im Tanzen, Turnen, Wandern, im Nudismus und in einer neuen Kleidungs- und Ernährungsweise, besonders im Vegetarismus manifestiert.

Vom Körper ausgehend richtet die Lebensreform ihre Aufmerksamkeit auch auf die Umwelt des Menschen und führt so zum Natur- und Denkmalschutz, zur ökologischen Landwirtschaft und, inspiriert von der englischen Arts und Crafts Bewegung, zu einer Architektur, die den Anspruch hat Design und Kunst zu integrieren. Dies ist auch der Ausgangspunkt der künstlerischen Entwicklung der „Brücke“-Künstler, deren Gründungsmitglieder bei dem Reformarchitekten Fritz Schumacher in Dresden Architektur studiert haben. Die verschiedenen Aspekte der Lebensreform kommen schliesslich in einer neuen Pädagogik zusammen: Auf der Basis eines neuen Körperbewusstseins wird u.a. eine Sensibilisierung der Erlebnisfähigkeit aller Sinne und selbständiges Handeln angestrebt. Ziel ist dabei im Sinne Nietzsches die allseits entwickelte Persönlichkeit im Gegensatz zu den einseitig ausgebildeten Spezialisten in Fabriken und Büros.

In Analogie zum eigenen Körper bildet sich in diesem Zusammenhang aber auch die Idee des gesunden Volkskörpers und in deren Folge der reinen Rasse heraus. Vom gemeinsamen Ursprung sollte hier aber nicht auf ein gemeinsames Ziel geschlossen werden. Die Aktion „Entartete Kunst“ richtete sich schliesslich vor allem gegen den Expressionismus und die Kunst der „Brücke“.

„Menschheitsdämmerung“ ist der bilanzierende Titel einer Anthologie expressionistischer Literatur, die kurz nach dem ersten Weltkrieg erschienen ist. Mit der Dämmerung als Sonnenauf- wie Sonnenuntergang bezieht er sich auf die ambivalente Suche nach einem neuen Menschen- und Gesellschaftsbild zwischen enthusiastischem Aufbruch aus der alten Welt und deren Untergang im Moloch Grossstadt, im Krieg oder durch den Aufbruch ins Neue selbst. Bei dieser Suche berief man sich von allen Seiten auf Nietzsche als Propheten des neuen Menschen, der gemäss seinem Programm „der Umwertung aller Werte“ statt vom Geist vom Körper aus philosophiert. In Bezug auf Nietzsches „Zarathustra“ ist die „Brücke“ auch als Übergang zu diesem neuen Menschen verstanden worden.

In diesem Kontext zeigt die Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ die Bedeutung der Lebensreform für die „Brücke“-Künstler. Formal zeigt sich diese Bedeutung in der Darstellungsweise. Nach dem Vorbild der Präraffaeliten, die der Arts und Crafts Bewegung nahestanden, wenden sich die „Brücke“-Künstler dem Holzschnitt zu. Die Körperkraft und die Verlangsamung, die beim Schneiden des Holzes nötig sind, führen zu einer Konzentration auf das Wesentliche und einem intensiven Materialerlebnis, das die „Brücke“-Künstler an den Betrachter weitergeben, indem sie die Struktur des Materials durch grobe Bearbeitung sichtbar lassen. Im Sinne von Nietzsches „Ringen mit sich selbst“ wird der Künstler durch das zähe Material gezwungen seine Intuition durch Reflexion im Wesentlichen zu erfassen und zu gestalten. Ergebnis ist eine Typisierung und Vereinfachung der Darstellung. Eine Konzentration aufs Wesentliche ergibt sich bei den „Brücke“-Künstlern auch aus der Zeichnung, durch schnelles Erfassen im "Viertelstundenakt" oder noch mehr im Zeichnen von Menschen in Bewegung. In der Automatisierung des schnellen Erfassens durch permanente Übung bildet sich dabei wiederum im Sinne Nietzsches mit der Zeit der individuelle Ausdruck bzw. Stil des Künstlers heraus.

Inhaltlich zeigt sich die Lebensreform in den Motiven der „Brücke“-Bilder. Diese sind oft um aus dem Leben gegriffene Situationen, wie in den Bildern mit Badenden, die die „Brücke“-Künstler und ihre Entourage bei Aufenthalten an den Moritzburger Teichen oder auf Fehmarn zeigen. Im Sinne der lebensreformerischen Freikörperkultur wurde dabei nackt gebadet. In der Darstellung Jugendlicher ging es den „Brücke“-Künstlern gegenüber dem akademischen Akt um die ursprüngliche, noch unverbildete Körperhaltung. Die exotischen Motive sind Ausdruck der Faszination für eine ursprüngliche Lebens- und Ausdrucksweise, die die „Brücke“-Künstler aber ebenso in Motiven der Heimat wie Bauernhäuser, Dörfer, Bauern, Fischer oder eben beim Nacktbaden finden.

In den Ateliers der „Brücke“-Künstler kommen diese Formen und Inhalte schliesslich zusammen. Die selbstgestalteten Möbel, Gebrauchsgegenstände und Wandbehänge, ergeben mit den eigenen Skulpturen und Bildern ein Gesamtkunstwerk. Hierbei konnten die „Brücke“-Künstler auf ihr Architekturstudium zurückgreifen konnten, zu dem auch der Innenausbau gehörte. In den Bildern der „Brücke“-Künstler wird diese Inneneinrichtung durch die Künstler selbst und ihre Frauen und Freunde belebt (oft nackt und tanzend), sodass hier Leben und Kunst im selben Bild verschmelzen.

Nach den traumatisierenden Erlebnissen der Grossstadt Berlin und des ersten Weltkriegs kehrt vor allem Kirchner zur lebensreformerisch orientierten Motivwelt der „Brücke“-Zeit zurück. In Davos stellt er das Leben der Bauern und immer wieder Nackte badend am Bergbach oder tanzend im Wald oder in seinem Atelier dar. In diese Zeit fallen auch die Darstellungen von Aufführungen des Ausdruckstanzes von Mary Wigman, Gret Palucca oder Rudolf von Laban, mit denen die Kunst der „Brücke“ die Stilisierung und Typisierung des körperlichen Ausdrucks verbindet.

Vor diesem Hintergrund wird der Tanz als Kunstform ins tägliche Leben integriert, wie die Fotos Kirchners in der Ausstellung bezeugen, mit denen er seit seinen ersten „Brücke“-Tagen sein Leben in Bildern festhält. Obwohl Kirchner selbst seine Fotos nicht als Kunst betrachtete, zeigt sich auch hier das künstlerische Prinzip der Vereinfachung und Typisierung im Festhalten von Posen und Figurenkonstellationen, die dann durch die verschiedenen Bilder wandern. In diesem Kreisen von Formen und Motiven aus einem auch schon gestalteten Leben durch die verschiedenen Werke und die unterschiedlichen Medien wird die Kunst in jedem Moment zur Vermittlerin zwischen Utopie und Wirklichkeit eines zu gestaltenden Lebens.

Im Kontext der Lebensreform zeigt sich damit, dass die „Brücke“ nicht nur kunstgeschichtlich und historisch, sondern auch für Fragen unserer Gegenwart relevant ist. Das lebensreformerische Ideal einer neuen Körperlichkeit ist unter dem Zeichen des Kapitalismus zur Selbstoptimierung im Sinne der Effizienzsteigerung geworden: Der Mensch wird sich selbst zur Ressource, die er selbst ausbeutet. Die „Brücke“-Künstler zeigen dagegen nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Art und Weise ihres immerhin achtjährigen Bestehens als Künstlergruppe und darüber hinaus ein selbstbestimmtes Leben in einer selbstgestalteten Welt.

Kai Schupke

Text zur 105. Ausstelung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern