Galerie Henze & Ketterer

FRAUEN. Grandes Dames - Petites Fleurs

FRAUEN. Grandes Dames - Petites Fleurs

a. n. (portrait asta nielsen) by erich heckel

Erich Heckel

A. N. (Portrait Asta Nielsen), 1919

sitzende by karl hartung

Karl Hartung

Sitzende, 1948

spielende badende by ernst ludwig kirchner

Ernst Ludwig Kirchner

Spielende Badende, 1928

Saturday, May 18, 2013Saturday, November 16, 2013


Wichtrach/Bern, Switzerland

FRAUEN
Grandes Dames - Petites Fleurs

18. Mai - 16. November 2013

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Baselitz, Basso, Beckmann, Bourgeois, Brodwolf, Büche, Cannella, Dokoupil, Eble, Faucheur, Grosz, Hartung, Heckel, Hofer, Hüppi, Kirchner, Klümpen, Lüpertz, Mueller, Müller-Oerlighausen, Munch, Nolde, Panayotidis, Pechstein, Peiffer Watenpuhl, Purrmann, Rohlfs, Schmidt-Rotluff, Spoerri

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, sah sich kürzlich zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasst, weil er in einer Rede eine Dame für ihre beruflichen Leistungen enorm gelobt hatte jedoch anschliessend noch ergänzte, sie sei zudem noch eine besonders gut aussehende Frau. Tatsächlich ist es auch heute noch schwer vorstellbar, dass umgekehrt z. B. die deutsche Bundeskanzlerin, die derzeit mächtigste unter den Frauen der Welt, das Umgekehrte bezüglich eines Mannes tun könnte. Für uns stellt sich aber die Frage, ob es nicht wünschenswert sein könnte, dass Frau Merkel über das gute Aussehen eines Mannes auch mal eine Zwischenbemerkung machen könnte. Kämen wir nämlich zu dem Schluss, eine solche Randbemerkung dürfe weder aus männlichem noch aus weiblichem Mund kommen, dann hätten wir in der Kunst der Menschheit ein Problem - von der Venus von Willendorf bis heute.

Nun ist auch die ebenmässige Schönheit des männlichen Körpers durchaus Thema der bildenden Künste gewesen, spätestens seit den Kuroi des alten Griechenland, jedoch beherrschte der Mann die Darstellung in den Künsten eher (bekleidet) als Mächtiger in Politik, Religion und Krieg, Gebiete, in welchen die Frau nur selten in den Vordergrund trat. Dagegen wurde die Frau zum Inbild körperlicher Schönheit, eben von der Venus von Willendorf bis heute und dies keineswegs allein in erotischem Sinn. Sie war (und ist ?) in der Kunst und für die (zumeist immer noch) Künstler Modell, Muse, aber auch (früher vereinzelt und heute immer mehr) auch Malerin. Alle drei "M" zugleich sein, das erreichten und das erlitten nur wenige Frauen. Die parallel zu dieser thematischen Ausstellung bei uns gezeigte Ausstellung zu Ursula (Schultze-Bluhm) bezeugt einen solchen Fall von Modell, Muse und Malerin, einer "Grande Dame" der Kunst.

Beginnen wir also bei den selteneren und jüngeren Beispielen, den Malerinnen, den Künstlerinnen, etwa bei Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Giorgia O'Keeffe. Schon bei Lee Krasner tritt aber wieder das "Pollock" im Namen hinzu wie bei Ursula das "Schultze" vor ihrem Mädchennamen "Bluhm". Und auch die beiden erstgenannten ordnen sich sogleich die Namen Kandinsky und Jawlensky zu. Unter diesem "Schicksal" soll heute Isa Genzken leiden, wie kürzlich im "Spiegel" berichtet. Den ihr zugeordneten männlichen Namen nenne ich hier nicht, wusste ich doch davon auch gar nicht, als ich z. B. ihren Beitrag im deutschen Pavillon der Biennale vor Jahren sah. Uninformiertheit kann sehr heilsam sein und das Gerede "Schüler/in von dem und dem" oder "Frau von dem und dem" hat im Netzwerk des Kunstbetriebes seinen (oft auch fatalen) Stellenwert wie jedes Gerede. Für die Kunst bedeutet es gar nichts. Alle genannten Künstlerinnen schufen und schaffen Kunst von höchster Qualität und Eigenart auf voller Augenhöhe mit ihren jeweiligen männlichen Kollegen, machen also keine "Frauenkunst", eine schreckliche Un-Wortschöpfung - ich glaube - der Akademie Düsseldorf. Männlichen Künstlernamen ordnen sich uns doch auch bisweilen unwillkürlich andere Namen zu wie etwa Raphael bei Michelangelo, ohne dass das irgendwelche wertenden Konsequenzen hätte. Was zählt, ist allein das Werk, das künstlerische Werk, das sowieso über den Schöpfer hinausweist, aber keineswegs geschlechtslos sein muss oder sollte, ganz und gar nicht.

Da hier von der Frau in der Kunst die Rede ist, kommen wir jetzt zur "Muse" zur inspirierenden Begleiterin des Malers, die ihn mit ihrer Persönlichkeit und Weiblichkeit an- und erregt und zur Darstellung in allen Möglichkeiten drängt: Vom distanzierten Gegenüber im Porträt bis zur innigen Vereinigung im Liebes-Akt. Das Porträt als Kopfstück oder in ganzer Gestalt hat in gleicher Weise, ob männlich oder weiblich, seinen Ursprung in der Darstellung, in der Charakterisierung von Göttinnen und Göttern, von Heldinnen und Helden, von Heiligen beiderlei Geschlechts, von Herrscherinnen und Herrschern, denen die Künstler (meist waren sie eben männlich, bisher) unterschiedlich nahe, jedoch im Laufe der Zeit, sowohl in der Antike wie in der Neuzeit immer näher kamen, bis zum Porträt der Gefährtin in Leben und Kunst, der Muse, wie die von uns hier gezeigten Porträts von Max Beckmann oder Theo Eble, den Porträts von Künstlerinnen wie Heckels Asta Nielsen oder Kirchners "Sängerin am Piano". Beide setzten sich ein Leben lang in ihrer Kunst mit ihren Lebensgefährtinnen Siddi und Erna auseinander, eine unendliche Version der Maler-und-Modell-Situation vom Porträtkopf bis zum Akt.

Im Akt wird auch die Muse zum Modell. Hier vollzieht sich die so eigenartige und bis heute rätselhafte Umsetzung von erotischer in künstlerische Energie, wie ich das zunächst einmal etwas salopp formulieren möchte. Zweifellos ist dies aber die nachhaltigste Energiequelle der Künste an der Schnittstelle von Sublimierung des Animalischen und Fixierung des Flüchtigen. Nicht erst der alternde Picasso hat gegen seine verrinnende Zeit in immer neuen Maler-und-Modell-Szenen angemalt, das haben alle anderen Künstler und Künstlerinnen schon immer getan. So entstanden unendliche Hymnen an den schönen Körper eben bei Kirchner aber auch in Jürgen Brodwolfs Tubenfigur, die aus frühen Akt-Darstellungen seiner ersten Frau und Muse erstand. Sublimierte reine Erotik und Fixierung ihrer und des Lebens Flüchtigkeit war auch bereits der Beginn von Allem, die Venus von Willendorf.

Wir haben nun die Frauen in der Kunst von heutiger Künstlerin, Malerin, in völliger Gleichstellung mit dem Künstler, dem Maler, rückwärts bis zur Venus von Willendorf kurz betrachtet. Von diesen frühen Figürchen wissen wir übrigens nicht, ob sie ein Mann oder eine Frau geschaffen hat. In frühen matriarchalischen Zeiten könnte dies doch durchaus auch eine Frau gewesen sein, oder? Die Männer mussten doch jagen und die Frauen hüteten Herd und Familie, hatten vielleicht mehr Musse. Möge diese kleine Ausstellung, die ja nicht frei aus dem Gesamtfundus der Kunst ausgewählt werden konnte, sondern den Zufälligkeiten der uns zur Verfügung stehenden verkäuflichen Werke ihre Zusammenstellung verdankt, doch zu einigem Nachdenken und Überdenken der Situation der Frau in der Kunst und im Kunstbetrieb anregen.

Ich plädiere - um zur eingangs gestellten Frage zurückzukommen - also bezüglich Frau und Mann (und das hoffentlich nicht nur, weil ich die Frage notwendigerweise aus der Sicht des Mannes sehe) gegen eine verengende und für eine erweiternde Gleichberechtigung, in der es möglich ist, dass Alle auch über die Schönheit eine Bemerkung fallen lassen dürfen, wie ich überhaupt für eine stärkere Berücksichtigung ästhetischer Fragen in unserem gesamten Leben plädiere, das doch arg in uns umgebender Architektur (wenn man die überhaupt so nennen darf) in Wohnungseinrichtung (vor allem an den Wänden) und in Kleidung (vermeintliche Freizeit-) von einer oft deprimierenden optischen Umweltverschmutzung heimgesucht wird, weil deren Ästhetik nicht thematisiert wird, sie also "ungestaltet" ist. Wir können aber nur in einer (von uns) gestalteten Umgebung glücklich und erfüllt leben.

Wolfgang Henze

Text zur 100. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

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WOMEN
Grandes Dames - Petites Fleurs

May 18, 2013 - November 16, 2013

The President of the United States of America, Barack Obama, was recently obliged to make a public apology. In a speech praising the professional accomplishments of California's top law enforcement officer he added that she was also "the best-looking attorney-general in the country". It is indeed, even today, still difficult to imagine the reverse happening. It would be unthinkable, for example, for the Chancellor of the Federal Republic of Germany, currently the most powerful woman in the world, to make a similar public remark about a man's appearance. We might ask ourselves, however, whether it would not in fact be desirable for a woman like Frau Merkel to make such a throwaway remark about an attractive male. If we in fact came to the conclusion that such remarks may be spoken neither by men nor by women, we in the art world would have a problem, and one that would run like a thread through the entire history of art, from the Venus of Willendorf right through to the present day.

While the ideally proportioned beauty of the male body has been the theme of the visual arts since the Kouroi of ancient Greece, if not even earlier, artistic representations of the male figure have been dominated rather by men of power - fully dressed - in politics, religion and war, areas of activity in which the woman hardly ever came to the fore. On the contrary, it is the woman who has been the embodiment of physical beauty, indeed ever since the Venus of Willendorf, and not just in an erotic sense. In the world of art she has been (and still is) the model and muse for most male painters, and on top of that she has become a painter herself, more commonly today than ever before. Being all three - muse, model and paintress - has been the accomplishment, and woe, of only a very few women. The exhibition running parallel to this theme exhibition, which is devoted to the works of Ursula (Schultze-Bluhm), testifies to one such case: Ursula, a veritable "grande dame" of art.

Let us begin with those rare women artists of the more recent history of art, such as Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Giorgia O'Keeffe - or Lee Krasner, whose surname was later hyphened with "Pollock", just as Ursula's maiden name "Bluhm" was double-barrelled to include "Schultze". And the two first-named artists are never far from being mentioned in connection with Kandinsky and Jawlensky. According to a recent article in "Der Spiegel", Isa Genzken is suffering the same fate. I shall not mention the male half of her surname, in fact I did not even know anything about it when I saw her contribution to the German Pavilion at the Venice Biennale some years ago. Being uninformed may at times be quite a healthy attribute, and all the promotional talk about "student of this or that professor" or "wife of this or that artist" can often backfire in the art world and even have much the same (fatal) effect as idle gossip or rumour. It means absolutely nothing in terms of the artist's work. All the aforementioned women artists produced, or still do produce, art of the highest quality and individuality that can match anything produced by their respective male counterparts. Their art is not "women's art" - a ghastly term, its German equivalent, Frauenkunst, having been coined, I believe, by the Düsseldorf Art Academy. But artist's names inevitably become associated with those of others, even among the males of the species - Raphael with Michelangelo, for instance - without any negative consequences for the one or the other. What counts is the work itself, the work of art that reaches beyond its creator anyway, but it should not be sexless, not at all.

As our theme is the woman in art, let us now turn to her role as "muse", as that inspiring companion of the artist, as that inciting and exciting example of womanhood that sparks artistic vision for every imaginable form of representation, from the distant aloofness of the portrait through to the intimate act of sexual union. The portrait, whether head-and-shoulders or full-length, whether male or female, has its origin in the representations and characterizations of gods and goddesses, heroes and heroines, holy men and holy women, emperors and empresses, to whom the artist (in most cases male, to begin with) at first had a more or less distant relationship, but then this relationship became closer and closer, both in Antiquity and from the Renaissance onwards, until he could finally paint portraits of his muse, of the woman of his life, the woman of his art, culminating in works like the ones shown in this exhibition, portraits by Max Beckmann or Theo Eble, portraits of female artistes like Heckel's Asta Nielsen or Kirchner's "Singer at the Piano". Both of these last-named artists were inspired throughout their lives by their lifelong companions, Siddi and Erna, in a never-ending version of the painter-and-his-model theme, painting them in every imaginable pose, from the head-and shoulder portrait through to the full-length nude.

It is in the genre of the nude that the muse also becomes the model. This is where that enigmatic process takes place in which - to put it simply and bluntly - erotic energy is converted into creative energy. There is no doubt, however, that this is the most sustainable form of energy in the arts, for it is the energy that hovers excitingly at the interface, at the point of transition, between the sublimation of our animal instincts and the capturing of the ephemeral. The ageing Picasso was not the first to wield his paint brush against the merciless passage of time in ever new painter-and-model scenarios. All other painters, male and female, have done that as well: paintings as visual odes to the beauty of the human body - the works of Kirchner, for example, or even the paint-tube figures of Jürgen Brodwolf, which evolved from the early nude paintings of his first wife and muse. Indeed, the sublimation of the purely erotic and the capturing of its - and life's - ephemerality is what marked the beginning of everything: the Venus of Willendorf.

We have now taken a brief look at women in art throughout its history, from the women artists of today, who are equal in every respect to their male counterparts, backwards in time to the Venus of Willendorf. Of those early figures it is not known whether they were made by men or by women. In early matriarchal times it is indeed possible, one might argue, that their creators were women rather than men. After all, the men had to spend their time hunting while the women looked after hearth and home and perhaps had more time to spare. This small exhibition, the exhibits of which could not be chosen freely from the vast pool of art history but rather fortuitously from our own stock of available works, may perhaps encourage the visitor to give some thought to the situation of the woman in art and the art world.

Returning to the question I posed at the beginning - about the same going for women as for men - I should like to plead (and I trust I am doing so not just from the standpoint of a male) for a more extensive equality than a more restrictive one, that is to say, an equality that makes it possible for us all to pass a remark on anyone's attractiveness, irrespective of their gender, just as I also plead for a more aesthetic approach to all things that surround us in our daily lives, not least to the architecture (if you can call it that) in which we live and work, to the way we furnish and decorate our interiors (especially the walls) and to the (supposedly casual) way we dress, all of which are haunted by an often depressing optical pollution, simply because their aesthetic possibilities have been totally disregarded, not to say scorned. We are left with an environment that is "undesigned", while it is common knowledge that only our own personally designed environments can make us happy and contented.

Wolfgang Henze

Text accompanying Exhibition No. 100 at the Henze & Ketterer Gallery, Wichtrach/Bern