Galerie Henze & Ketterer

Daniel Spoerri: SKULPTUREN-GARTEN (Dauerausstellung im Garten der Galerie)

Daniel Spoerri: SKULPTUREN-GARTEN (Dauerausstellung im Garten der Galerie)

gocciolatoio di tritacarne - fleischwolfbrunnen by daniel spoerri

Daniel Spoerri

Gocciolatoio di tritacarne - Fleischwolfbrunnen, 1962–1991

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mir raucht der kopf by daniel spoerri

Daniel Spoerri

Mir raucht der Kopf, 1999

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das massengrab der klone by daniel spoerri

Daniel Spoerri

Das Massengrab der Klone, 200

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gli otto incubi magri - acht magere albträume by daniel spoerri

Daniel Spoerri

Gli otto incubi magri - Acht magere Albträume, 2002

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tintin l'elefante - tintin elefant by daniel spoerri

Daniel Spoerri

Tintin l'elefante - Tintin Elefant, 1993

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Saturday, October 6, 2012Thursday, December 31, 2015

Kirchstrasse 26
Wichtrach/Bern, 3114 Switzerland

Daniel Spoerri
SKULPTUREN-GARTEN

Dauerausstellung

- PLEASE SCROLL DOWN FOR ENGLISH VERSION -

Bronzen von Daniel Spoerri im neuen SKULPTUREN-GARTEN der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach/Bern

Die Bronzeplastik als vierte Stufe des „Tableau Piège“

Am 17. Juli 1998 hat Daniel Spoerri auf seinem Landgut „Il Giardino“ bei Seggiano in der Toskana einen Park von vielen Hektaren der Öffentlichkeit übergeben, in welchem Skulpturen, teilweise sogar begehbare, seiner Freunde und von ihm selbst als Kunstgebilde der bukolischen Natur der Toskana gegenübergestellt sind. Ein Skulpturenpark, welcher mit heutigen künstlerischen Mitteln die 1499 von Francesco Colonna publizierte „Hypnerotomachia Poliphili“, den „Liebeskampftraum des Polyphil“ visualisieren soll. Dies in der Nachfolge des Skulpturen- und Architektur-Parkes des nahegelegenen Bomarzo, dem berühmten „Parco dei Mostri“ von 1580. Selbst der dortigen „Casa inclinata“ - einem kleinen Haus, in dem schwindelerregend nichts in der Waage- oder Senkrechten ist - hat Spoerri ein Pendant gewidmet und zwar mit dem Bronzeabguss seines ersten Pariser Zimmer-Ateliers, den er schräg an einen Hang gestellt hat. Viele seiner Bronzen sorgen in diesem Park für ständig neue Überraschungen. Ein faustisches Unterfangen, das Daniel Spoerri dort begonnen hat und an dem er ständig noch weiter arbeitet. Im Sommer und Herbst desselben Jahres haben wir den Bronzen von Daniel Spoerri aus diesem Anlass eine erste Ausstellung gewidmet, im jetzt neu eingerichteten SKULPTUREN-GARTEN unserer Galerie in Wichtrach zeigen wir nun eine zweite zu diesem Faszinosum seiner Kunst, zur vierten Stufe seines „Tableau-Piège“.

Die stetige Bewegung der Musik, ihr dauerndes Fliessen von Rhythmus und Ton, das letztlich Flüchtige dieser Kunst setzte Daniel Spoerri in räumlich erlebbare Formen um, als er in jungen Jahren Tänzer am Berner Stadttheater war. Er fixierte sozusagen den Klang optisch. Musik ist ganz und gar nicht in einem „Still“ einzufangen. Sie existiert allein in der Zeit. Schon aber die Bewegung des Tanzes kann im „Still“ einer fotografischen Momentaufnahme festgehalten werden, wenn auch unvollkommen. Das Flüchtige aber wurde Spoerri suspekt und das Unvollkommene ebenso.

Also ging Daniel Spoerri auf die Suche nach einer Möglichkeit des Einfangens, des Festhaltens, einer vollkommeneren Fixierung von Realität. Einfangen wollte er sie, die Realität, und er fing sie mit einer Falle, dem Fallenbild, „Tableau Piège“, in Paris, dem Ort seiner Erfindung, so benannt. Was seinem Auge, seiner Vision zu-fiel, so entschied er im entscheidenden Falle, sollte auf Ewigkeit so bleiben, z. B. der Angebotstisch eines Spezialisten auf dem Flohmarkt, welcher ausschliesslich mit alten eisernen Bügeleisen angefüllt war - oder der Arbeitstisch eines Künstler-Kollegen - oder ganz einfach der abgegessene Tisch nach einem guten Abendmahl in ebenso guter anregender Gesellschaft. Alles wurde angeklebt und konserviert, wie es war. Daniel Spoerri fixierte den Zu-Fall - wenn es ihn denn überhaupt in diesem Sinne gibt. Er liess den Zu-Fall zu-fallen. Er legte der Realität mit einem „Zeit-Still“ die Falle einer Momentaufnahme, der sie nicht mehr entrinnen konnte.

Nun war dies zwar eine Fixierung der Realität, aber noch keine künstlerische Umsetzung oder Verfremdung. Diese erfolgte auf ebenso geniale wie einfache Weise: der Tisch, diese tabula Spoerris, einmal fixiert, wurde lediglich um 90 Grad gedreht und an eine Wand gehängt. Der Effekt dieser Verfremdung ist immer wieder verblüffend. Liegt nämlich ein solcher Tisch Spoerris flach, so erscheint er wie ein – interessanter vielleicht - jedoch künstlerisch aussageloser, manchmal gar banaler Angebots-, Arbeits- oder Esstisch. Wenn dieser nun aber aufgehoben und langsam in die Senkrechte gedreht wird, ändert dieser Tisch seinen Charakter total. Er gewinnt eine andere Existenz. Er wird zum Bild, das sich einprägt, einbrennt, uns nicht mehr loslässt, auch uns in die Falle lockt, wird zum Augenwurm, wird zum faszinierenden Kunstwerk.

In einer zweiten Entwicklungsstufe des Fallenbildes steuerte Spoerri dann den Zu-Fall. Er gestaltete die Esstische und bestimmte die Gäste, Ursprung seiner Eat-Art, die zu einem eigenen Restaurant in Düsseldorf führte. Tischdecke, Geschirr, Besteck und Tischschmuck sowie Speisen und Gäste wurden von Spoerri ausgewählt. Was daraus im Laufe eines Essens entstand, bestimmte dagegen noch der Zufall und die Gäste, die allerdings bereits wussten, das sie an einem Kunstwerk mitgestalteten. In einem bestimmten Augenblick fiel dann Spoerris Falle zu.

In einer dritten Entwicklungsstufe des Fallenbildes überlässt Spoerri scheinbar nichts mehr dem Zufall. Er gestaltet Assemblagen nach freier Erfindung aus vorgefundenen Gegenständen der immer noch reichlich bestückten Flohmärkte von Paris. Oder - ist das freie spielerische Komponieren der Gegenstände doch wieder Zufall? Künstlerische Imagination gehorcht nicht dem Kalkül, wohl aber einer eigenen Logik. Vor allem aber kann der Künstler, könnte Spoerri, an der Assemblage immer weiterarbeiten. Bei ihr ist der Augenblick des Zufallens der Falle nicht eindeutig sinnfällig bestimmbar, weil die Fremdbestimmung fehlt.

Aus diesem Grunde bedurfte es einer weiteren, einer vierten Entwicklungsstufe des Fallenbildes, die - ich gebe es zu - auch ich zunächst missverstand und für eine reine wenn auch legitime Möglichkeit der Vervielfältigung hielt. Nachdenklich wurde ich durch folgende Geschichte: Als wir vor zwanzig Jahren unsere neue Galerie in Wichtrach/Bern mit der Gegenüberstellung der Werke von Alfonso Hüppi und Daniel Spoerri eröffneten, buk unsere Bäckerei für das Buffet ein grosses ovales Brot, in welchem, von einem Zopf eingefasst, der Anlass geschrieben stand. Wir beschlossen, dieses Brot nicht zu essen, sondern aufzuheben. Jedoch war es plötzlich verschwunden. Als wir die Geschichte schon fast vergessen hatten, kam unerwartet ein schweres Paket von Daniel Spoerri. Es war das in Bronze gegossene Brot. Es hängt jetzt an der Wand unseres Hauses.

Diese Geschichte liess mich nicht los. Das war etwas anderes als Vervielfältigung durch Bronzeguss. Das war eine besondere Form der Fixierung von Zeit - der Augenblick der Gegenwart gerinnt zur Ewigkeit, dauert zumindest an. Spoerris Bronzen stellen die vierte - bisher letzte - Entwicklungsstufe des Fallenbildes dar. Über die assemblierten Gegenstände fällt die Abform-Masse des Bronzegiessers und in die entstehende Hohlform die flüssige Bronze. Dieser Fixierungsvorgang erinnert an die Versteinerungen der Natur, welche uns viele Millionen Jahre alte Existenz überliefern oder an das Leben in Herculaneum und Pompeii, das durch Asche und Lava in einer Momentaufnahme fixiert wurde. Bei Spoerri ist dies aber nicht nur ein technischer sondern ein künstlerischer Vorgang. Auch hier spielt, wie schon beim Ursprung des Fallenbildes, die Auswahl eine wichtige Rolle. Die Wahl der zu fixierenden Realität ist Angelpunkt im kreativen Prozess Spoerris. So hat er denn - und auch hieran kann man erkennen, dass es ihm nicht um Vervielfältigung geht - seit der ersten Bronze im Jahre 1970, dem „Santo Grappa“, lediglich rund 40 Bronzen in einer Auflage von jeweils 8 + 1 Exemplaren geschaffen, und zwar jeweils nach Realitäten, welche ihm einer „Verewigung“ wert erschienen. So kommt denn auch in seinen Titeln das Wort „eterno“, ewig, des öfteren vor. Hiervon handelt die erste Ausstellung in unserem neuen SKULPTUREN-GARTEN.

Wolfgang Henze

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Daniel Spoerri - SCULPTURE GARDEN

October 6, 2012 - September 21, 2013

Bronzes by Daniel Spoerri in the new SCULPTURE-GARDEN of the Henze & Ketterer Gallery in Wichtrach/Berne

On 17th July 1998, Daniel Spoerri made available to the public a park comprising several hectares of his country estate "Il Giardino" near Seggiano. It is a park in which works of sculpture made by his friends and also by Spoerri himself - some of them even being large, walk-through sculptures - stand in the midst of, and in harmonious contrast to, the idyllic countryside of Tuscany. It is a park that, with the artistic means of our modern times, is meant to visualize the book Hypnerotomachia Poliphili (Poliphilo's Strife of Love in a Dream), published by Francesco Colonna in 1499, and also to be a sequel and complement to the sculpture and architecture park in near-by Bomarzo, the famous "Parco dei Mostri" of 1580. Even the latter's "Casa inclinata" - a small yet vertiginous house in which nothing is vertical or horizontal - has its equivalent in Spoerri's park, namely a bronze casting of his first studio in Paris - a hotel bedroom - perched on a steep incline. Many of his sculptures in this park make for ever new surprises. Indeed, it is a Faustian enterprise that Daniel Spoerri began in Seggiano and has been constantly working upon ever since. In the summer and autumn of that same year we celebrated this occasion with our first exhibition of his bronzes. And now, in the new SCULPTURE GARDEN of our own gallery at Wichtrach, we are showing a second exhibition dedicated to this fascinating aspect of Spoerri's art - the fourth phase of the "Snare Picture".

As a young dancer at the municipal theatre of Berne, Daniel Spoerri had become used to translating the continual movement of music, the flow of its rhythm and sound, indeed its very fleetingness, into spatially experienceable forms. He fixed the sound visually, so to speak, notwithstanding the fact that music cannot in any way be captured in space, for music is a phenomenon of time. The movement of a dance can of course be captured in a photograph, but only as a fleeting moment and hence incompletely, and it was precisely this fleetingness and incompleteness that Spoerri considered dubious as an expression of artistic vision.

Consequently, Daniel Spoerri set out in search of a more complete, more perfect way of capturing reality. He sought to capture it not just figuratively, but literally, physically. The solution was his "Tableau Piège" - "Snare Picture" -, which he invented while still in Paris. What captured his eye at the decisive moment was then to be captured for eternity, typical examples being a table at a flea market full of antique flat irons - or a fellow artist's tabletop - or simply a dining table after a good evening meal in the equally good and inspiring company of friends. Everything was stuck down and preserved exactly as it was. It was the ensnaring of a moment. Reality was suddenly trapped in time, trapped in a momentary present from which there was no escape.

While Spoerri's idea did indeed fix reality, it was still far from having an artistic or alienating effect. The desired effect was achieved in the conceivably simplest and most ingenious way: once everything was fixed, the table top was simply tilted upright and then hung on the wall. The alienating effect thus created never ceases to astonish. Laid flat, Spoerri's table tops may perhaps be interesting but they lack the artistic appeal one normally expects to find in an art work, indeed they are no more appealing than an ordinary sales counter, worktop or dining table. But when they are raised slowly into their vertical position, they assume a completely different character. Each and every one of them becomes a picture in its own right, an image that leaves its mark on us, gets a hold on us, is forever in our mind's eye, entices us and, last but not least, is a fascinating work of art.

Spoerri then developed the idea of the "Snare Picture" towards the next, second phase, in which chance played an important part, though not without a certain degree of control. He designed the dining tables and chose the guests. This was the origin of his Eat-Art actions in his own restaurant in Düsseldorf. While the tablecloth, crockery, cutlery and table decoration, as well as the meals and the guests themselves, were chosen by Spoerri, what happened in the course of a meal was determined both by chance and by the guests themselves, the latter already being aware of the fact that they were taking an active part in the creation of an art work. At a certain moment during the meal Spoerri would then trigger the snare by telling his guests to stop eating.

In the next, third phase of development of the "Snare Picture", Spoerri left nothing at all to chance. His freely invented assemblages comprised found objects from the still richly stocked flea markets of Paris - or were these playfully composed arrangements of objects fortuitous after all? Probably not, for although the artistic imagination does not bide by any rules it nevertheless obeys a logic of its own. Moreover, and above all, the artist could always continue working on the assemblage as long as he wished, for the moment of capture is not fortuitous inasmuch as it is not determined extraneously but by the artist himself.

Consequently Spoerri saw a need for a further, fourth phase of the "Snare Picture", a phase that I myself - I must admit - failed to understand at first, thinking it was purely a means of mass duplication, albeit in itself legitimate. It was not until the following happened that I began to think about it more deeply: When we opened our new gallery in Wichtrach/Berne twenty years ago with a complementary exhibition of the works of Alfonso Hüppi and Daniel Spoerri, our local bakery baked a large oval loaf of bread for the buffet, decorating it with the name of the occasion trimmed with a plaited border of dough. We decided not to eat the bread but to keep it as a souvenir. But then the loaf suddenly disappeared. Time went by and we had almost forgotten the incident when we received a heavy parcel from Daniel Spoerri. It was the loaf of bread cast in bronze. It now hangs on one of the walls of our house.

I just could not get this story out of my head. The bronze casting had nothing to do with mass duplication. It was something else, a particular way of fixing time - the present moment is perpetuated, if not to eternity, then at least for a long, long time. Spoerri's bronzes represent the fourth, and so far the last, phase of development of the "Snare Picture". The casting mass is poured over the assembled objects to produce the negative mould, into which the molten bronze is then poured. It is a fixing process reminiscent of nature's fossils that have survived for many millions of years, or of life in Herculaneum or Pompeii, which was instantly fixed in time through the all-engulfing volcanic ash and lava. In Spoerri's case, however, this process is not just a technical one but also an artistic one. Here, too, as with his very first "Snare Picture", it is choice that plays an essential role. Choosing the reality to be fixed - the actual point in time - is central to Spoerri's art. Thus it is that since his first bronze in 1970, his "Santo Grappa", Spoerri has produced only around 40 bronzes in small editions of 8 plus 1 artist's proof - again an indication that his bronzes have nothing at all to do with mass duplication. They all depict realities considered worthy of being "eternalized". Indeed, the word "eterno" frequently appears in the titles of his works, and it is also the theme of the first exhibition in our new SCULPTURE GARDEN.

Wolfgang Henze