Galerie Henze & Ketterer

ARCHITEKTURZEICHNUNGEN KIRCHNERS. Reformarchitektur und "Brücke"

ARCHITEKTURZEICHNUNGEN KIRCHNERS. Reformarchitektur und "Brücke"

Saturday, September 6, 2014Friday, February 27, 2015

Kirchstrasse 26
Wichtrach/Bern, 3114 Switzerland

Die Entwicklung des Expressionismus insbesondere der „Brücke“-Künstler wird wie zuletzt in der Ausstellung im Kunsthaus Zürich oft nur vor dem Hintergrund der französischen Kunst des Fauvismus und des Postimpressionismus van Goghs und Gauguins gesehen. Weniger bekannt ist, dass die vier Gründungsmitglieder der „Brücke“ kurz nach der Jahrhundertwende Studenten der Architektur beim Reformarchitekten Fritz Schumacher in Dresden waren.

Die Reformarchitektur gehört in den grösseren Kontext der Lebensreform, einer Reaktion auf die widrigen Lebens- und Arbeitsbedingungen, die im Zuge der Industrialisierung entstanden. Vorbild ist dabei die englische Arts and Crafts Bewegung, von der auch der Anspruch übernommen wird Architektur, Design und Kunst wieder zu einer Einheit zusammenzufügen. Als Architekturstudenten konnten sich die späteren „Brücke“-Künstler vor diesem Hintergrund in der Nachfolge Behrens` und van de Veldes sehen, die von der Bildenden Kunst zur Architektur und zum Design gewechselt waren. (Hofmann) Zusammen mit der parallelen Ausstellung zum Verhältnis der „Brücke“ zur Lebensreform möchten wir mit dieser Ausstellung zeigen, inwiefern die Entwicklung des „Brücke“-Expressionismus auf den umfassenden künstlerischen und sozialen Anspruch der Reformarchitektur zurückführbar ist.

Gegen den eklektischen Historismus, in Form des wilhelminischen Barock, oder der „sächsische(n) Pseudorenaissance“ (S.102 Fritz Schumacher) setzt die Reformarchitektur eine reduzierte Ornamentierung und den Bezug auf lokale Bauweisen. (dem sogenannten Heimatstil z.B. in Bern die Monbijoustrasse und die Pauluskirche im Länggassquartier, allgemein die typische Architektur aller Berner Quartiere ausserhalb der Altstadt) Aus diesem Prozess der Reduzierung gehen Architektur und Design des von Schumacher, Behrens und Olbrich (Erbauer des Gebäudes der Wiener Sezession) gegründeten Werkbundes hervor, einem Vorläufer des Bauhauses.

Gegen die miserablen Wohnbedingungen in überfüllten Mietskasernen mit bis zu sechs Hinterhöfen, in die kaum noch Tageslicht drang, wurden Gartenstädte wie Hellerau in der Nähe Dresdens gebaut. Hellerau diente nicht nur den Arbeitern der deutschen Werkstätten für Handwerkskunst als Wohnstatt, im Festspielhaus wurden mit der rhythmischen Gymnastik auch musische und körperliche Erziehung unterrichtet und aufgeführt. Hellerau ist damit auch ein Geburtsort des Ausdruckstanzes. Im Rahmen der Baukunst wird hier also eine Ganzheitlichkeit angestrebt, die Leben und Arbeit, Stadt und Natur, Erziehung und Kunst zusammenbringt. (in Bern die Gartenstadt Liebefeld in Köniz.)

Durch Fritz Schumacher wurde den „Brücke“-Gründern nicht nur die neue Architektur vermittelt, sondern auch das Freihandzeichnen und Entwerfen von Ornamenten. Letzteres auf der Basis von Vereinfachung und Typisierung von Naturformen, eines der wesentlichen Prinzipien der „Brücke“-Kunst. Beim Freihandzeichnen wurde dagegen auch das schnelle Erfassen eines Gegenstandes geübt. Aus englischen Kunstzeitschriften der Arts and Crafts Bewegung wie „The Studio" unterrichteten sich die späteren „Brücke“-Künstler darüber hinaus über das Zeichnen von Menschen in Bewegung. Dies führt zum typischen „Brücke“-Stil, der mit wenigen, anscheinend wild, aber in Wirklichkeit mit sicherer Hand hingeworfenen Linien. In denselben Kunstzeitschriften konnten die „Brücke“-Künstler auch die Holzschnitte der Präraffaeliten finden. Die Körperkraft und die Verlangsamung, die beim Schneiden des Holzes nötig sind, führen zu einer Konzentration auf das Wesentliche und einem intensiven Materialerlebnis, das die „Brücke“-Künstler an den Betrachter vermitteln, indem sie die Struktur des Materials durch grobe Bearbeitung im Druck sichtbar lassen. In der Malerei wird die Vereinfachung, die der Holzschnitt aufzwingt, noch weitergetrieben, was zu einer für damalige Verhältnisse schockierend brutalen und primitiven Malweise führt. Hier trifft sich die Malerei der „Brücke“ mit der Befreiung der Farbe aus der Form, um die es dem Fauvismus in Frankreich ging.

Deutliche Spuren hinterlassen hat auch der Innenausbau, der von Schumacher an der Dresdner Technischen Universität eingeführt wurde. Im lebensreformerisch schlichten Innenraum mit Liege deutet sich die ästhetische Durchgestaltung des Alltagslebens in den Ateliers der „Brücke“-Künstler an, wie auf zahlreichen Bildern und Fotos Kirchners in der Parallelausstellung zu sehen sein wird. Auf diesen Bildern kommen zu den selbsthergestellten Möbeln und Gebrauchsgegenständen noch eigene Holzskulpturen und Bilder sowie bemalte Wandbehänge hinzu, um wiederum die Bühne abzugeben, vor der Kirchner seine zahlreichen Besucher oft auch nackt und tanzend porträtiert. Es sind Bilder, in denen die Kunst, die kunstvolle Gestaltung der Innenräume und das Leben in ihnen nicht mehr zu unterscheiden sind.

Der Einfluss des Innenausbaus zeigt sich aber auch in Kirchners Wandgemälden der Sonderbundkapelle und in seinen intensiven aber vergeblichen Bemühungen um weitere Aufträge dieser Art wie in Essen. Realisieren konnte er lediglich eine Wandmalerei im Sanatorium Kohnstamm. Wie die Arbeit der Sonderbundkapelle ist diese heute nur noch auf Fotos erhalten, die wir in der Parallelausstellung zeigen. Eine weitere Möglichkeit seine raumgestalterischen Fähigkeiten anzuwenden hatte Kirchner in seiner Davoser Zeit mit seinen Bühnenbildern für volkstümliche Stücke.

Das einzige Wandgemälde der „Brücke“, das sich erhalten hat, ist der George-Raum von 1922 im Angermuseum, Erfurt. Nach Heckels eigener Aussage entstand das Werk auf der Basis „der einstigen Künstlergemeinschaft und neuer menschlicher Gemeinschaft.“ Mit Max Pechstein, Student der Wandmalerei bei Gussmann, hat Heckel das sächsische Palais für die 3. Deutsche Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906 gestaltet. Diese Ausstellung, Ausgangspunkt der Gründung des deutschen Werkbundes, hatte laut Schumacher das Ziel einen Überblick über die Reformbewegung im Kunstgewerbe zu geben. Die „Brücke“-Künstler befanden sich also nicht nur in ihrer Zeit als Studenten, sondern auch als Künstler im Zentrum der Reformarchitektur.

Mit der Ausstellung von Kirchners Architekturzeichnungen im KUNST-DEPOT, erbaut von Gigon und Guyer, schliesst sich ein weiterer Kreis: In Hamburg, wo Schumacher später Stadtbaumeister war, haben die beiden Architekten den Fritz Schumacher-Preis erhalten. Zumindest hinsichtlich des KUNST-DEPOTS lässt sich sagen, dass sie Minimalismus mit Bezug auf lokale Bauweise verbinden und damit in der Tradition der Reformarchitektur stehen.

Kai Schupke

Text zur 106. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern