Alberto Giacometti und Fritz Glarner 'Arbeiten auf Papier'

Alberto Giacometti und Fritz Glarner 'Arbeiten auf Papier'

alberto giacometti and fritz glarner: installation view

Alberto Giacometti and Fritz Glarner: Installation view

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Wednesday, March 24, 2010Friday, July 9, 2010


Zurich, Switzerland

Die Kunst verschwiegener Beziehungen
Alberto Giacometti 1901 – 1966 und Fritz Glarner 1899 – 1972

Arbeiten auf Papier
27. März bis 9. Juli 2010

Zwei einflussreiche Eidgenossen auf zwei unterschiedlich eigenwilligen Lebenswegen, mit viel Applaus begleitet: Alle Weltmuseen hofieren heute den höchstkotierten Superstar Alberto Giacometti, und in keinem seriösen Buch über konstruktive Kunst darf eine Würdigung des malerischen Werkes von Fritz Glarner fehlen. Beide, fast gleich alt, liessen sich anfangs der zwanziger Jahre in Paris nieder. Sie haben sich gekannt und in den gleichen Cafés den Apéritif genommen, befreundet waren sie aber nicht. Zu viel Zigarettenrauch legte sich über ihre Gespräche, falls sie stattgefunden haben, und zu stark waren sie mit ihren eigenen Welten beschäftigt. Ihre Arbeit polarisierte sich zusehends. Glarners Bildsprache wurde immer strenger und reduzierte sich schliesslich- dank Freundschaft mit Piet Mondrian- auf horizontal und vertikal organisierte, rot-gelb-blaue Variationen von Rechtecken und Kreissegmenten, während Giacometti mit einer immer schärferen, fast beängstigenden Raumlogik existenzielle Befindlichkeiten grau in grau untersuchte. Der in Zürich geborene Maler agierte im Umkreis der Gruppe Abstraction-Création, der Bilderhauer aus dem Bergell schöpfte voll aus der Thematik der Surrealisten. Eine sinnvolle Kommunikation zwischen den Querköpfen schien fast unmöglich: kein Grund zum Dialog. Nun aber liegt im Glarners Nachlass im Kunsthaus Zürich ein Foto einer Giacometti-Plastik aus dem Jahre 1924. Ein Zufall oder ein gezinkter Köder?
Im zeichnerischen Werk der zwei ungleich Gesinnten sind seltsamerweise noch andere Signale zerstreut. Die akademisch geschulten jungen Männer wählten zur Befreiung von ästhetischen Konventionen krass unattraktive Themen. Sie stellten die sichtbare Welt nicht auf den Kopf, beobachteten aber die Umgebung aufs Genaueste und hielten Beziehungen zwischen Sachen und Fragmenten fest: Eine Tischecke, ein banaler Stuhl, eine Wand mit Vogelkäfig. Beide bleiben in ihren Zimmern und nehmen deren Luftraum wahr. Die frühen Zeichnungen von G. und G. strahlen eine sachliche, aber auch fast magische Übereinstimmung aus. Räumlich sinnliche Erfahrungen liegen auf der Schwelle zur abstrahierten Harmonie oder zum thematisierten Abgrund. Die Teilung in „ungegenständlich“ und „figurativ“ gilt nicht mehr. Es gibt nur eine Kunst. Mit wachsender Berühmtheit der Werke vergrössert sich die menschliche Distanz. Energetische Berührungspunkte verschwinden. Fritz Glarner übersiedelt 1936 mit seiner amerikanischen Frau nach New York. Seine monumentalen Wandmalereien im UNO-Gebäude sind längst fertig, als Alberto Giacometti drei Monate vor seinem Tod ein erstes und letztes Mal die U.S.A. besuchte und im Museum of Modern Art frenetisch gefeiert wird. Bei der Rückfahrt mit der MS France fühlt sich der Nichtschwimmer total verloren im immensen Raum des Ozeans. Fritz Glarner, so erzählen die Freunde, war ein exzellenter Koch und begnadeter Gärtner. Vom Parterre bis zum Dachboden hat er alles begrünt und seinem Werk den letzten Farbakzent gesetzt. Der amerikanische Bürger starb in Locarno. Der Weltruhm nahm ungestört seinen nicht programmierten Gang.

24. März 2010
Ludmila Vachtova