Iwajla Klinke 'Ritual Memories'

Iwajla Klinke 'Ritual Memories'

invitation

Invitation

ohne titel by iwajla klinke

Iwajla Klinke

Ohne Titel

ohne titel (mähren) by iwajla klinke

Iwajla Klinke

Ohne Titel (Mähren), 2012

ohne titel (03) by iwajla klinke

Iwajla Klinke

Ohne Titel (03), 2011

ohne titel (02) by iwajla klinke

Iwajla Klinke

Ohne Titel (02), 2011

ohne titel (01) by iwajla klinke

Iwajla Klinke

Ohne Titel (01), 2011

Friday, January 17, 2014Saturday, March 1, 2014

Mühlengasse 3
Düsseldorf, Germany

Vernissage: Freitag, 17. Januar 2014, 19 - 21:30 Uhr Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (64 Seiten mit einem Text von David Galloway).

Mit einer Besetzung schillernder Charaktere, die jeder Repertoirebühne gerecht wären, füllt Iwajla Klinke die Fotografie mit der Magie und Eleganz ihrer frühen Jahre, in denen eines der fundamentalen Ziele das Dokumentieren und Zelebrieren ritueller Momente im Leben eines Individuums war. Die Schnappschuss-Ästhetik des letzten Jahrhunderts sowie die heutige Allgegenwart digitaler Bilder hat den zeremoniellen Aspekt von Photographieren stark vermindert – zu Gunsten von William Egglestons „demokratischer Kamera.“ Im Gegensatz dazu bildet Zeremonie den Kern von Klinkes Ansatz. Ihre Kamera hält Sujets fest, deren Kleider schon auf Individualität, sogar Exzentrizität deuten und in denen Ritual implizit ist. Diese Studien sind alle auf eine traditionelle Art und Weise dargestellt, die manchmal an die Konventionen des gemalten Porträts erinnert. (Die Tatsache, dass Klinkes Arbeiten mit Pigmenten auf Büttenpapier gedruckt sind, verstärkt weiter die Verbindung zu klassischen Traditionen der Bildherstellung.) Mit minimalistischen Mitteln schafft sie Ergebnisse großer visueller Autorität. Die elegante Gelassenheit dieser Kompositionen lässt die komplizierten Umstände kaum ahnen, die ihre Produktion in abgelegenen Dörfern in den Karpaten oder im deutschen Schwarzwald begleiten. Allein im Jahr 2013 war Klinke unterwegs in Europa, Kanada und Brasilien.

Ihre Arbeit kann in der Tradition des reisenden Künstlers gesehen werden, der neue Impressionen suchte und festhielt – so wie jene deutschen Künstler, die die Neue Welt im 19. Jahrhundert besuchten, um die verschwin-denden Stämme der „Native Americans“ zu dokumentieren. Für ein einziges Motiv in ihrer eigenen „Settimana- Santa“-Serie reiste Iwajla Klinke einst 20 Stunden lang mit dem Bus, um eine kleine Gemeinde in Sizilien am Oster-morgen zu erreichen. Als sie ihr junges Sujet ausfindig machte, blieb weniger als eine Minute bis zum Beginn der Messe – genug Zeit allerdings, um ein einfaches Tuch an eine Sakristeitür zu befestigen und den als Engel verkleideten Jungen zu fotografieren. Derartige Dreiviertelporträts mit einem neutralen schwarzen oder braunen Hintergrund benutzen natürliches Licht, um Sepia-Effekte zu erzeugen, die auf verblüffende Weise an Gemälde von Vermeer erinnern. Jedoch ist das Licht, das hier ausstrahlt, auch ein inneres Licht, eine Art Erleuchtung, tief verwurzelt in Ritualen, deren Ursprünge vergessen sein mögen, doch deren spirituelle Energie fortdauert. Obwohl Klinke auch theatralische Studien von jungen Männern mit bizarren Accessoires oder in zeitge-nössischen „Kostümen“ von Fechtern und Athleten mit den überdimensionierten Schulter-polstern vom amerikanischen Football produziert, befindet sich ihre wahre Signatur in Studien von Kindern im aufwendigen traditionellen Gewand, oft reich bestickt.

Für diese Studien arbeitet die Künstlerin ausschließlich im Kontext der religiösen Zeremonien, bei denen solche Kleidung tatsächlich getragen wird. Es gibt kein einstudiertes Posieren, keine Kostümierung. Diese, glaubt sie, würde die Authentizität, die sie sucht, nur unterminieren. Oft mag ein Projekt als Wettlauf mit der Zeit erscheinen, weil das Tragen eines bestimmten Kopfschmucks in einem einzigen Bergdorf wohl die letzte fragile Spur antiker Zeremonien sein mochte, die ansonsten verloren geht. Solche Arbeit hat eine offensichtlich dokumentarische Dimension, obwohl Klinke dies als sekundär bewertet. „Ich suche Themen nicht für ihren anthropologischen Wert aus,“ betont die Künstlerin. „Ich wähle sie für ihre Schönheit.“ Dennoch mag die Suche nach einem Motiv beträchtliche Forschung und interkulturelles Know-how benötigen. Spürsinn kann aber auch eine Rolle spielen – wie bei der jüngsten Entdeckung in Toronto von altmodischen Schaufensterpuppen in Kommunionsanzügen und Spitzenschleifen mit dem Namen „Jesus“ neben einem Kelch. Bei dem Versuch Klinkes vielschichtiges Oeuvre zu entziffern, ist es interessant zu wissen, dass sie in der DDR aufgewachsen ist, wohin die Familie ihrer Mutter nach dem Zweiten Welt- krieg zog in der Hoffnung, einen Traum zu verwirklichen. Ihr Vater, ein bulgarischer Opernsänger, starb als Iwajla erst sechs Jahre alt war. „Ich hatte keine religiöse Erziehung,“ erzählt Klinke, „war aber von religiösen Ritualen fasziniert – vor allem, wenn es um Kinder ging. Diese haben stets etwas mit dem Sieg über den Tod zu tun und sind häufig von Fruchtbarkeitssymbolen wie der Krone begleitet.“

Die Faszination, die von solchen Ritualen ausgeht, wurde vertieft durch die Entdeckung von Der goldene Zweig, Sir James Frazers vergleich- ende Studie von Mythologie und Religion. In einem Text, der zu den einflussreichsten des letzten Jahrhunderts gehört, betrachtete der Autor Religion als kulturelles Phänomen und nicht aus einer theologischen Sichtweise. Eigentlich alle Religionen, argumentierte er, stammen aus Fruchtbarkeitskulten, die sich um die Anbetung und periodische Aufopferung eines heiligen Königs drehten. Als derartige Zeremonien sich entwickelten, ersetzte häufig die Figur eines Kindes – als Märtyrer oder als Bräutigam – die antiken Helden. Es war in Berlins rauem, multikulturellen Bezirk Kreuzberg, dass Klinke anfing, interessante Figuren aus lokalen Parks und Kneipen zu fotografieren. Sie war besonders fasziniert von Personen mit Tätowierungen von Kopf bis Fuß – übersät mit „magischen Texten,“ wie sie diese nannte, in Anlehnung an Frasers Opus. Zusätzlich lud sie junge Menschen ein, Modell zu stehen, verkleidet nur in Fragmente von Spitzen, Halsketten aus Papierdeckchen, Federbällen oder weißen Mäusen, selbst mit Epauletten aus triefenden Kerzen. In jüngster Zeit hat sie drei Bilder von jungen Männern geschaffen, die mit Hilfe von Körperbemalung das blau-weiße „Musselmalet“ Muster (angelehnt an das Meißner Zwiebelmuster) tragen, das die Royal Copenhagen Porzellanmanufaktur im 18. Jahrhundert einführte. Wie feinstes Porzellan haben die zärtlichen Figuren dieser drei jungen Männer, die jene kobaltblaue Ornamentik vorführen, eine rührende Zerbrechlichkeit. (Sie sind gleichzeitig eine Erinnerung an Stammeskulturen, wo Körperbemalung die Riten des Erwachsenwerdens, der Jagd und des Krieges häufig begleitete.)

Die Zartheit der „Musselmalet“-Figuren ist noch dramatischer im Vergleich zu den stämmigen Kadetten in voller schottischer Gala-Aufmachung aus der Serie „White Crowned Sparrow.“ (Als Schüler eines kanadischen Internats deuten die hier abgebildeten Kadetten an, dass das äußere Zubehör des Rituals auch wirkungsvoll „übertragen“ werden kann.) Was derartige Arbeiten gemeinsam haben und auch sogar mit den Porträts von Diakoninnen in ihren adretten weißen Hauben und Schleifen teilen, ist die Tatsache, dass alle eine Art Uniform tragen. Die Uniform ihrerseits bedeutet gemeinsame Werte und Ziele. Statt individuelle Identität zu unterdrücken, wird diese hier sogar von der Uniform betont. Im Falle von Klinkes erstaunlichen Porträts von „Bee Kings“ ist der Helm nicht nur lebendig, sondern auch potenziell tödlich. Trotz der imponierenden Bandbreite ihrer letzten Arbeiten liegt Klinkes wahres Kennzeichen in den atemberaubenden Porträts von Kindern in zeremoniellen Gewändern. Die meisten davon stammen aus dem 19. Jahrhundert und symbolisieren Glauben, „der in Form von Ritualen weiterlebt,“ wie die Künstlerin sagt. Trotz der knappen Zeit, die für manche Sitzungen zur Verfügung gestanden haben mag, spürt man eine spezielle Beziehung zwischen der Künstlerin und ihren Modellen. Wie alt auch immer, scheinen sie sich dem prüfenden Auge der Kamera gern hinzugeben, während sie wiederum ihren Modellen eine beeindruckende Würde verleiht.

David Galloway