Galerie Thomas Schulte

Alice Aycock: Untitled Delight (Wavy Enneper)

Alice Aycock: Untitled Delight (Wavy Enneper)

wavy enneper by alice aycock

Alice Aycock

Wavy Enneper, 2011

Price on Request

wavy enneper by alice aycock

Alice Aycock

Wavy Enneper, 2011

Price on Request

Friday, April 29, 2011Saturday, June 25, 2011


Berlin, Germany

ALICE AYCOCK | Untitled Delight (Wavy Enneper)

Eröffnung: Freitag, 29. April, 16-21 Uhr
Opening: Friday, 29 April, 4-9 pm

Zum diesjährigen Gallery Weekend Berlin (29. April bis 1. Mai) eröffnet am Freitag, den 29. April von 16 bis 21 Uhr die amerikanische Bildhauerin Alice Aycock ihre zweite Ausstellung in der Galerie Thomas Schulte. Die Künstlerin ist während der Eröffnung anwesend.
Alice Aycock ist eine der einflussreichsten und erfinderischsten Künstlerinnen ihrer Zeit. Mit dem Beginn ihrer Laufbahn in der umtriebigen New Yorker Kunstszene der frühen Siebziger muss man sie als Vorkämpferin einer ganzen Anzahl von Künstlerinnen sehen, die in der bildenden Kunst die Linien männlicher Vorherrschaft durchbrochen haben. Zugleich gehört sie wie Gordon Matta-Clark und Robert Smithson zu einer jüngeren Künstlergeneration, welche die technizistische und positivistische Haltung der westlichen Zivilisation in Frage stellte und paraphrasierte. Sie versuchen, eine Weltsicht jenseits dieser Haltung zu eröffnen und setzen sich dabei gleichzeitig mit den Traditionen in Architektur, Wissenschaft und Künsten auseinander.
Die für die Ausstellung geschaffene Skulptur „Wavy Enneper“ ist eine dreidimensionale Visualisierung eines aus Gleichungen von Alfred Enneper abgeleiteten abstrakten mathematischen Konzepts. Sie ist somit der rationale Versuch, eine Theorie zu visualisieren. Der entstandenen Form scheint eine organische Struktur zugrunde zu liegen, die der einer Blume, eines Insekts oder einer Unterwasserkreatur ähnelt. Sie hat eine starke ikonische Präsenz und ist genau deshalb interessant, weil sie eine dreidimensionale Umsetzung einer Form ist, die als mathematische Theorie existiert. In der Landschaft vermittelt sie den Eindruck von etwas Außerirdischem – eine Art galaktischer Blume oder Raumschiff, das auf der Erdoberfläche landet. Es hat eine starke formale architektonische Präsenz, ist aber allgemein und nicht spezifisch.
Die neuen Zeichnungen für die Berliner Ausstellung erwuchsen aus dem Nachdenken über ein Diagramm namens „Sum Over Particle Histories“, das die Theorie des Physikers Richard Feynman beschreibt, der zufolge subatomische Partikel auf einer unendlichen Anzahl von Bahnen durch Raumzeit reisen können. Diese Partikel haben zudem die Fähigkeit, zeitlich sowohl vorwärts als auch rückwärts zu gehen. Dies inspirierte Aycocks Vorstellung, dass es auch eine unendliche Anzahl von Bahnen in einem Leben von der Geburt bis zum Tod ge-ben könnte, und dass man zeitlich zurückgehen und ein komplett anderes Leben führen könnte.
In diesem Sinne bieten die Zeichnungen eine theoretische Al-ternative zur Enneperfläche, die allerdings eine komplett theo-retische, klare präzise Form darstellt, welche versucht, der Natur eine Struktur zu verleihen. So könnte die Enneperfläche das Raumfahrzeug sein, von dem aus man die Trümmer aller Versuche überblicken kann, mit rationalem Denken zu verstehen. Es ist ein architektonisches Lusthaus, das eine kurze Zuflucht von den ständigen Attacken willkürlicher Unordnung bietet. Die Enneper ist verführerisch und verlockend, aber letztendlich illusorisch und unerreichbar.
Die Zeichnungen verweisen auf eine unendliche Zahl von Bahnen, die in der Zeit vorwärts und rückwärts führen: parallele Leben, sich überschneidende Zeitleisten, Sackgassen, willkürliche Paarungen, zufällige Begegnungen, seien diese künstlich oder natürlich und die chaotische und unvorhersehbare Folgen haben – all dies kodiert in bewegten Bändern, durchsetzt mit Gängen und Klingen und Strudeln von Energie. In den Zeichnungen aus der Serie „Sum Over Histories“ wurde jede der sich überschneidenden Konfigurationen auf ein anderes Terrain aufgelegt: ein zerbombtes Rollfeld, eine halbrunde Stadt in der Wüste, die Oberfläche von Europa (einem der Monde Jupiters), die polaren Eiskappen von Triton, einem der Monde Neptuns, die bergige Oberfläche des Pazifischen Ozeans ohne Wasser. Dies sind mögliche Terrains, über welche die Bewohner der Zeitachsen wandern. Doch die Erzählungen, die jeder dieser Zeitachsen zugrunde liegen, können nicht entziffert werden. Sie sind zutiefst verschlüsselt und bleiben letztendlich geheim. Man kann sie sich nur vorstellen.
Vorstellbar ist aber auch, dass die Linien ohne Bedeutung sind, dass sie bedeutungslose Kratzer auf einem Holzboden sind, zufällige Reifenspuren im Schnee, Traktorspuren auf einem gedroschenen Weizenfeld oder die flüchtigen, sich überschneidenden Muster von Luftbewegungen, wenn das Flattern eines Vorhangs in der Brise auf den letzten Atemzug eines sterbenden Mannes trifft. Vielleicht sind die Konfigurationen einfach Spuren von Eintagsfliegen.
Alice Aycock wurde in Harrisburg, Pennsylvania, geboren und lebt und arbeitet in New York City. Ihr Werk wurde u.a. in Einzelausstellungen im Museum of Modern Art, New York, im Museum of Contemporary Art, Chicago, und im amerikanischen Pavillon bei der Biennale in Venedig (1980) präsentiert. Zu ihren wichtigeren Gruppenausstellungen gehören die Whitney-Biennalen von 1979 und 1981 in New York und im Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Washington D.C. In Deutschland wurde Aycock erstmals im Rahmen der Documenta 6 (1977) ausgestellt, 1983-84 dann in einer umfassenden Wanderausstellung im Württembergischen Kunstverein, Stuttgart, im Kölnischen Kunstverein und im Skulpturenmuseum, Marl.

----------------------------------------------

Coinciding with this year’s Gallery Weekend Berlin, Galerie Thomas Schulte will open the exhibition, Untitled Delight (Wavy Enneper), by American sculptor Alice Aycock on Friday, April 29, from 4 to 9 pm. The exhibition is Alice Aycock’s second exhibition with the gallery. She will be present during the opening.
Alice Aycock is one of the most influential and inventive art-ists of her time. Starting her career in the lively art scene of New York in the early seventies she must be seen at the helm of a number of women artists breaking the lines of male domination in visual arts. At the same time she belongs to a young generation of artists like Gordon Matta-Clark and Robert Smithson who question and paraphrase the technological and positivistic attitude that western civilisation had taken on. They try to open up an alternative view of the world beyond that, while at the same time dealing with the traditions of architecture, science, and the arts.
The Wavy Enneper is a three dimensional visualization of an abstract mathematical concept derived from equations by Alfred Enneper. As such it is a rational attempt to visualize a theory. The form itself appears to reveal an underlying organic structure analogous to that of a flower, an insect, or some undersea creature. It has a strong iconic presence and it is interesting precisely because it is a three dimensional realization of a form that exists as a mathematical theory. In the landscape it gives the impression of something that has arrived as an extra-terrestrial – a kind of galactic flower or spaceship that alights on the surface of the earth. It has a strong formal architectural presence but is generic and non-specific.
The new drawings for the Berlin show developed out of thinking about a diagram called “Sum Over Particle Histories” that describes the physicist Richard Feynman’s theory that subatomic particles can travel on an infinite number of paths through space-time. Moreover, these particles have the potential to go forward as well as backward in time. This inspired the artist’s fantasy that there might be an infinite number of paths in a lifetime from birth to death and that one might be able to go back in time and live a com-pletely different life.
As such the drawings offer a theoretical counter to the ma-thematical and rational certainty of the wavy enneper. The enneper is a clear concise form albeit totally theoretical which attempts to give structure to nature. The drawings explode that theoretical certainty. In a sense the wavy enneper could be the space vehicle in which one surveys the wreckage of all attempts to understand with rational thought. It is an architectural folly that offers a brief refuge from the constant attack of random disorder. The enneper is seductive and tempting but ultimately illusive and unattainable.
The drawings allude to an infinite number of pathways travelling back and forth in time - parallel lives, intersecting timelines, dead ends, major events, random couplings, chance encounters be they man-made or natural – that have chaotic unpredictable outcomes – all encoded in ribbons of move-ment interspersed by gears and blades and vortexes of energy. In the drawings from the series entitled Sum Over Histories each of the intersecting configurations have been overlaid on a different terrain – a bombed airfield, a semi-circular city in the desert, the surface of Europe (one of Jupiter’s moons), the polar icecaps of Triton, one of Neptune’s moons, the mountainous surface of the Pacific Ocean devoid of water. These are possible terrains over which the inhabitants of the timelines wander. But the narratives underlying each of the timeline configurations cannot be deciphered. They are deeply encoded and ultimately remain secret. They can only be imagined.
But perhaps the configurations of lines are really nothing at all – meaningless scratches on a wooden floor, random tracks of tires in the snow, the paths of a tractor after a wheat field has been threshed, or the momentary, intersecting patterns of air movement as the fluttering of a curtain in the breeze encounters the last breath of a dying man. Perhaps the configurations are simply traces of the countless markings of ephemera.
Alice Aycock was born in Harrisburg, Pennsylvania, lives and works in New York City. Her work was presented in solo shows a.o. at the Museum of Modern Art, NYC, the Museum of Con-temporary Art, Chicago, and the United States Pavilion at the Venice Biennale (1980). Major group exhibitions include the 1979 and 1981 Whitney Biennials in NYC and The Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Washington D.C. In Germany Aycock was first presented at Documenta 6 (1977) and in 1983-84 in a comprehensive travelling exhibition at Württem-bergischer Kunstverein, Stuttgart, Kölnischer Kunstverein, Cologne, and Skulpturenmuseum, Marl.

------------------------------------------------

Allan McCollum 'Each and Every One of You'

Die Masse als ein aus Individuen bestehendes Ganzes: Dieser Idee folgt die jetzt in der Galerie Thomas Schulte präsentierte Installation „Each and Every One of You“ (2004) in besonderer Weise. Insgesamt 1.200 gleichartig ausgeführte und gerahmte Blätter mit den im Jahr 2000 staatlich ermittelten beliebtesten Männer- und Frauennamen der USA bemächtigen sich des 9 Meter hohen Eckraums der Galerie. Wie in einer wissenschaftlichen Systematik sind die Namen von Mary bis Janine und von James bis Quinton in einem dichten Raster aufgehängt und in engen Reihen aufgestellt und erzeugen in einem für Allan McCollum typischen, präzisen Spiel mit Individualität, Identität und Masse beim Betrachter Erinnerungen, Emotionen und Assoziationen, die sich für jeden individuell mit diesen Namen verbinden. Zugleich weist er auf eine hier künstlich hergestellte Mehrheits- und Minderheitenhierarchie hin, indem diese Gruppierung genau nicht "each and every one of you" erfasst.

The mass as a whole consisting of individuals: this concept is pursued in a distinctive way by the installation Each and Every One of You (2004) now on view at Galerie Thomas Schulte. A total of 1.200 prints, each one identically executed and framed, with the most popular American male and female names in the year 2000 (according to government statistics) take over the gallery's Corner Space, nine meters in height. As in a scientific system, the names are hung in a dense grid - from Mary to Janine, from James to Quinton - and placed in narrow rows, generating in the beholder memories, emotions, and associations in a play with individuality, identity, and the mass that is typical of Allan McCollum's work. At the same time, he points to an artificial hierarchy of majorities and minorities, for this grouping precisely does not include "each and every one of you."