Katharina Fritsch / Alexej Koschkarow

Katharina Fritsch / Alexej Koschkarow

11. postkarte (essen) by katharina fritsch

Katharina Fritsch

11. Postkarte (Essen)

Friday, September 7, 2012Saturday, November 3, 2012


Düsseldorf, Germany

Katharina Fritsch / Alexej Koschkarow
7. September - 3. November 2012

Ausstellungseröffnung: Freitag, 7. September 2012, 18-21 Uhr

1999 stellten Katharina Fritsch und Alexej Koschkarow in der Ausstellung Damenwahl in der Kunsthalle Düsseldorf erstmals gemeinsam aus. Für die aktuelle Ausstellung in der Galerie Rupert Pfab haben sich die beiden international renommierten Künstler erneut auf eine gemeinsame Präsentation eingelassen. Beide zeigen Skulpturen und grafische Werke. Inhaltlich kreisen diese um ein geschichtliches, semi-öffentliches und auch privates Erinnern. Dabei greifen sie auf allgemein zugängliche Motive zurück und sprechen so das kollektive Gedächtnis an.

Katharina Fritsch, 1956 in Essen geboren, studierte bis 1984 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Fritz Schwegler. Seit 2010 ist sie Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf.
Mit ihren ikonischen, lebensgroßen Skulpturen ist sie international bekannt geworden. Die Künstlerin generiert einprägsame Bilder, die zwar jedem verständlich, nicht aber auf Anhieb zu verstehen sind, denn es gibt immer mindestens eine Bedeutungsebene hinter dem Offensichtlichen. Durch die monochrome Farbgebung werden die Skulpturen auf ihre Form reduziert. Die Farbe dient als Stimmungsträger und Metapher für bestimmte Eigenschaften. Als Motive dienen Bildthemen aus der Konsumwelt, außerdem Anspielungen auf Träume und Mythen. Dabei findet ein Rückgriff auf Vorstellungswelten statt, die im Unterbewusstsein fixiert sind, wie etwa auf die Kindheit.
Katharina Fritsch zeigt in der Ausstellung ein skulpturales Stillleben mit einer Knochenhand, einer Muschel und der Büste eines Mädchens. Die Gegenstände sind Erinnerungsfragmente, auch Dekorationsobjekte einer sterbenden Generation. Die Hand verweist auf anatomische Modelle und direkt auf den Doktor 1999 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen). Wie die Skeletthand sind auch der Kopf und die Muschel Details vorhandener Skulpturen, der Gartenskulptur (Torso) 2006-2008 und Frau mit Hund 2004. Die in der Ausstellung gezeigten Multiples werden als Stillleben zu einer Gruppe zusammengestellt.
Muschelfiguren waren in zahlreichen deutschen Haushalten zu finden, entweder als Mitbringsel der Enkel, oder als Erinnerung eines Urlaubs am Meer. Die Büste der jungen Frau ist angeregt von einer Skulptur aus dem Hof von Verwandten, die Katharina Fritsch als Kind oft besuchte. Durch die Reduzierung auf die Büste wird diese zum autonomen Werk, das aus dem Zusammenhang gelöst die Historizität ahnen lässt. Die Büste verweist auf Biographisches und ist gleichzeitig eine Huldigung an den unbekannten Bildhauer, der das ursprüngliche Artefakt geschaffen hat. Die Farben der Skulptur-Fragmente stehen ihren Referenzen gegenüber im Widerspruch, denn die Farbigkeit hat gewechselt, ist scheinbar falsch.
Neben dem Stillleben zeigt die Künstlerin Siebdrucke, die als Viererblock auf der Wand präsentiert werden. Es handelt sich um Motive, die über Katharina Fritsch's Kinderbett hingen. Neben Donald Duck und einer Illustration aus einem Märchen, hängt auch der berühmte Hase Albrecht Dürers von 1502.
Der Siebdruck 11. Postkarte (Essen) 2006 verbindet die Skulptur mit der Wandarbeit. Mit der Serie der Postkarten greift die Künstlerin auf bestehende Ansichtskarten zurück. Den gefundenen Motiven entzieht sie die Farbe und druckt sie vergrößert monochrom, oder auf wenige Farben begrenzt auf einen dünnen Bildträger. Somit wird das Motiv zum Bild. Das in der Ausstellung gezeigte Werk bildet die Geburtsstadt der Künstlerin ab und repräsentiert die privat-historische Annäherung an abstrakte Bezugspunkte wie den ,Heimatort'.

Auch der 1972 in Minsk geborene Bildhauer Alexej Koschkarow studierte in Düsseldorf, 1993-1999 bei Fritz Schwegler. Inzwischen lebt und arbeitet er in New York. Schtetl 2012 ist seine erste Skulptur, die er dort geschaffen hat. Es handelt sich um das Modell einer Idealstadt, in der sich die Menschen ,zu Hause' fühlen. Um den zentralen Platz herum ordnen sich die kleinen Häuser an, ganz im Gegensatz zur Planstadt New York.
In der Mitte der flachen Skulptur steht ein Baumstupf, in dem mittig eine eiserne Axt steckt. Das Monument auf dem zentralen Platz verweist somit auf den Entstehungsprozess des Städtchens. Das Holz, das der Künstler verwendete, sind Bodenbretter aus seinem Atelier. Neben dem Ursprung des Materials ist ebenso die Verortung des Ateliers in Brooklyn von Bedeutung, da es sich in einem chassidischen Viertel befindet und somit der Arbeit eine weitere historische Komponente hinzufügt.
,Schtetl' bezeichnet Siedlungen mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil, Dörfer, Kleinstädte, oder manchmal auch Stadtteile, wie sie in Osteuropa bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts zu finden waren. Der Künstler schlägt hier den Bogen zurück zu seinem Geburtsort in Weißrussland und nimmt Bezug auf eine romantisierende Vorstellung von Heimat.
Bei seinen Smearings befasst sich Alexej Koschkarow mit Ornamenten, Mustern und Zeichen, die Gebäude im öffentlichen Raum zieren. Er nennt sie ,Schmierereien', was der exakten Ausarbeitung der an Zeichnungen erinnernden Werke begrifflich keineswegs entspricht. Mit den Abriebmalereien auf ein spezielles Trägermaterial (eine Papier-Leinwand Mischung) verortet er sich in der amerikanischen Weltmetropole. Es sind "Fotografien ohne Kamera". Die Motive die er in der Ausstellung präsentiert, sind aus dem architektonischen Zusammenhang entnommen - der Stadt und dem Umfeld entrissen, werden sie zu eigenständigen Motiven, mit eigener Aussage. Sie fangen zwar die Stimmung der Großstadt ein, doch ist es kaum möglich, diese im Stadtbild auszumachen. Der Künstler unternimmt zusammen mit Assistenten zum Teil erhebliche Anstrengungen, um die hoch an Fassaden zu findenden Motive abzunehmen.
Durch das Verfahren des manuellen Abreibens, das der Künstler eigens entwickelte, wird jedes Smearing zu einem Unikat. Die Spuren des Prozesses sind als Abdrücke oder Schlieren der Hände noch vorhanden. Die Bildhaftigkeit der architektonischen Motive findet sich dann auch in den beschreibenden Bildtiteln, wie Pavian 2012.
Die Verschränkung von Geschichte und aktueller Lebenswirklichkeit ist ein zentrales Merkmal in Koschkarows Kunst, sowie auch die Arbeiten von Katharina Fritsch persönliche Erfahrungen bergen, die stellvertretend für das kollektive Erinnern stehen können. In der Ausstellung der Galerie Rupert Pfab rekurrieren beide Künstler auf autobiografische Bezüge, stellvertretend für historische und allgemein-private Erfahrungen. Repräsentativ für die gegenwärtige Generation vermitteln sie ein Zeitgefühl, unter dem Rückgriff auf archaische Vorstellungswelten, die im Unterbewusstsein fixiert sind.

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Katharina Fritsch / Alexej Koschkarow
September 7 - November 3, 2012

Opening: Friday, September 7, 2012, 6-9 pm

In 1999, Katharina Fritsch and Alexej Koschkarow presented their works together for the first time in the exhibition Damenwahl (Ladies' Choice) in the Kunsthalle Düsseldorf. For the current exhibition in the Galerie Rupert Pfab, these two internationally renowned artists have once again conceived a joint presentation. Both artists are presenting sculptures and works on paper, which explore the theme of historical, semi-public and private memory. For their works, they make use of generally accessible motifs and thus address the issue of collective memory.

Katharina Fritsch was born in 1956 in Essen and studied under Fritz Schwegler from 1977 through 1984 at the Academy of Art in Düsseldorf. Since 2010, she is professor for sculpture at the Academy in Düsseldorf. She gained international acclaim with her iconic, life-sized sculptures. The artist generates memorable images, which, although they can be understood by everyone, are not completely understandable at first glance, since there is always at least one level of meaning in addition to the most obvious one. As a result of the monochrome coloration, the sculptures are reduced to mere form. The colour serves as a bearer of mood and emotion and functions as a metaphor for particular characteristics. The artist finds her motifs in images from the consumer world, as well as in allusions to dreams and myths. Here, she makes use of mental pictures that are fixated in the subconscious, such as, for example, the idea of childhood.
In the exhibition, Katharina Fritsch presents a sculptural still life with a skeleton hand, a mussel and the bust of a girl. The objects are fragments of memories, as well as being decorative objects of a generation which is dying out. The hands were part of a petty bourgeois German "family altar". The skeleton hands also refer back, however, to the famous drawing of praying hands by Albrecht Dürer from circa 1508. The mussel on the commode could also be found in numerous German households, either as a small present from a grandchild or as a souvenir from a vacation on the seashore. The bust of the young woman is inspired by a sculpture from the farm of relatives, whom Katharina Fritsch often visited as a child. By reducing the sculpture to merely the bust, it becomes an autonomous work, which, taken out of its original context, merely suggests its historical character. The bust points to the biographical and, at the same time, serves as a reference to the unknown sculptor who created the original artefact.
In addition to the still life, the artist is also presenting four silkscreen prints from the series Nachttisch (Bedside Table) from 2009, which are presented together on the wall as a block. The prints depict motifs appropriated from the walls of the artist's own children's room.
The silkscreen print 11. Postkarte (Essen) (11th Postcard, Essen) from 2006 connects the sculpture with the wall piece. With her "Postcards" series, the artist appropriates existing picture postcards. She strips the ready-made motifs of their colours and prints them as enlargements on thin plastic in one monochrome colour or, in some cases, limited to only a few colours. The motif thus becomes a picture. The work on view in the exhibition depicts the artist's hometown and thus represents her private-historical approach to abstract points of reference such as the concept of "place of origin".

The sculptor Alexej Koschkarow (born in 1972 in Minsk) also studied under Fritz Schwegler in Düsseldorf, from 1993 through 1999. He now lives and works in New York. Schtetl, 2012, is the first sculpture that he created there. The work is the model of an ideal city, in which people feel "at home". Small houses are concentrated around the central town square, quite in contrast to the planned, gridded city of New York.
In the centre of the flat sculpture is a tree stump, in the middle of which an iron axe is stuck. The monument on the main town square thus refers to the process of origin of the schtetl. The wood that the artist uses here comes from the floor of his studio. In addition to the origins of the material, the localization of the studio in Brooklyn is significant here, since it is located in a Hasidic neighbourhood, thus providing the work with a further historical component.
"Schtetl" is the Yiddish word for a settlement with a large Jewish population - villages, small towns or, in some cases, also neighbourhoods - which could be found in Eastern Europe up into the first third of the 20th century. The artist thus comes full circle back to his place of birth in Belarus and makes reference to a romanticizing concept of "home".
With his Smearings, Alexej Koschkarow addresses ornaments patterns and symbols, which decorate buildings in the public space. Although he calls these drawing-like works Smearings, their precise compositions have nothing to do with the term for which they are named. With these frottage works on a special support material (a mixture of paper and canvas), he positions himself within the American metropolis. They are "photographs without a camera". The motifs presented in the exhibition are taken out of their architectural context - wrested from the city and their usual surroundings, they become independent motifs with their own statement. Although they do indeed capture the mood and atmosphere of the metropolis, it is almost impossible to spot them within the cityscape. In some cases, the artist and his assistants have to go to great efforts to be able to rub the ready-made motifs high up on facades of the city's buildings.
Through the process of manually rubbing the motifs, which the artist developed himself, each Smearing becomes a unique work of art. The traces of the working process remain evident as imprints or schlieren of the hands. The pictorial nature of the architectural motifs is underscored by the descriptive titles of the works, such as Pavian (Baboon), 2012.

The interweaving of history and contemporary life is a central theme in Koschkarow's art, just as the works of Katharina Fritsch harbour personal experiences that can be seen as exemplifying collective memory. In the exhibition in the Galerie Rupert Pfab, both artists refer back to autobiographical aspects, which stand in for historical and universal-private experiences. Representative for the current generation, they convey a sense of time, which is based on archaic perceptions and fixated within the subconscious.