Bill Beckley 'Neue Arbeiten' - Nuno Sousa Vieira 'Haben Gegenstände ein Gedächtnis?'

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Bill Beckley

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Nuno Sousa Vieira

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Thursday, September 2, 2010Friday, October 15, 2010


Düsseldorf, Germany

Bill Beckley 'Neue Arbeiten'
2. September – 15. Oktober 2010

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Nuno Sousa Vieira
3. September – 15. Oktober 2010

Neu gedacht—angebracht
Haben Gegenstände ein Gedächtnis?

Vor zehn Jahren verlegte Nuno Sousa Vieira sein Atelier in eine verlassene Kunststofffabrik außerhalb von Lissabon. Sein Vater hatte dort lange Zeit gearbeitet und den Kontakt zu den Eigentümern vermittelt. Der portugiesische Künstler war auf der Suche nach neuen Räumen und wohl auch auf der Suche nach neuen Wegen, denn bislang hatte er sich vornehmlich der Malerei verschrieben. Mit dem Umzug „gewann mein Werk eine andere Dynamik und einen anderen Rahmen“, erzählte Nuno Sousa Vieira unlängst in einem Interview. Der Ort hatte wohl nicht zuletzt aufgrund der familiären Anbindung eine Kraft und eine Präsenz, die ihn einfing. Anfangs begnügte er sich mit Kopien der Dinge, die er in der aufgelassenen Fabrik vorfand. Doch dann entdeckte er, dass es nicht die Nachbauten der vorgefundenen Gegenstände waren, die ihn interessierten, sondern die Gegenstände selbst. „Sie hatten eine Geschichte, sie waren es, die benutzt worden waren, sie hatten einen Zweck. Es ist diese emotionale und symbolische Fracht, die sie mit sich tragen, die grundlegend wichtig ist.“

Erinnerung wurde ein Teil seiner Arbeit, jene Erinnerung, die Fenster, Türen, Arbeitstische vielleicht in sich tragen. Das schließt immer auch die Berührung von Menschen Hand mit ein, die sie zu Geschichte werden lassen. Das Präfix „er“ drückt normalerweise in Verben aus, „dass etwas erfolgreich abgeschlossen wird, zum gewünschten Erfolg führt, dass man eine Sache bekommt, erreicht wie in den Tätigkeitsworten ersingen, erspurten, erklatschen.“ So definiert das Duden Universal Wörterbuch. Doch was kommt zum Abschluss, wenn man sich in einer Landschaft ergeht oder sich an Vergangenes „er“- innert? „Er“-gehen ist wohl eher ein Zustand der Bewegung, als das „Er“-reichen eines Ziels; oder ist der Flaneur am nicht geplanten Endpunkt schon längst angelangt? Wann ist Erinnerung vollendet? Wann hat die Rückbesinnung auf einen Zustand, eine Zeit, Menschen und Umstände, Ereignisse, Gefühle, Handlungen ihr Ziel erreicht? Ist Erinnerung endlich?

Nuno Sousa Vieira hält eine andere Sichtweise dagegen: „Diese Gegenstände haben ihre ursprüngliche Funktion verloren. Sie waren Sessel, Stühle, Fenster und Türen, die sich einst öffneten, schlossen und Räume trennten. Sie erlaubten jemanden, darauf zu sitzen und zu arbeiten. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurden sie verworfen, nicht weil sie defekt oder zerbrechlich waren, sondern weil soziale und ökonomische Entwicklungen sie dem Verfall anheim fallen ließen.“ Dieser Gedanke, dass einst vertraute Gegenstände aus dem alltäglichen Leben überflüssig und einfach ersetzt werden, nur weil es einfacher ist neue herzustellen als die vorhandenen neu zu überdenken, neu zu benutzen und den Räumen und ihrer Ausstattung ein neues Leben einzuhauchen, bewegte Nuno Sousa Vieira. Denn, so sein Gedanke, wo funktionsfähige Produktions- und Investitionsgüter zwar profitorientiert, aber dennoch sinnlos verschrottet werden, folgen auch bald die Menschen diesem Schicksal.

Wie kann ein Künstler auf diese ökonomischen und sozialen Geschehen reagieren? Nuno Sousa Vieira hat seinen Weg gefunden: Er bricht Fenster, Türen, Arbeitstische aus ihrem Kontext und bringt sie in eine neue Form. Pablo Picasso faltete einst seine Klappskulpturen aus schierer Freude, um zu sehen, welche neuen räumlichen Möglichkeiten sich aus verbogenen Löffeln oder Gabeln entwickeln könnten. Nuno Sousa Vieria geht anders vor. Wenn er eine Tür aus einem Durchgang in der Kunststofffabrik herausmontiert, nach Skizzen, Modellen gestaltet und wie mit dem Skalpell seziert und abkantet, dann schafft er eine andere, quasi sozialhistorische Skulptur. Die wiederum lässt sich auf eine spezifische Eingangssituation modelieren und als ganz normale Eingangstür verwenden. Die Installation kann beliebig eingesetzt werden, hier in einem Museum, dort in einer Galerie. Die Funktion als Eingangsbarriere mögen Metall und Glas noch beibehalten und den Besucher im ersten Moment schlicht verwirren. Aber die Tür bleibt eine Tür und Fenster bleiben Fenster, egal wie sie bearbeitet werden, und dennoch bleiben Tür und Fenster, was sie sind: Verbindungselement zwischen innen und außen. Sie büßen ihre Funktionalität nicht ein, gewinnen jedoch dazu. Sie bleiben jenes Element, das einst von Händen im alltäglichen Leben so selbstverständlich bewegt wurde, dass ein Gedanke daran wie Verschwendung schien. Heute, da sie ihrer ursprünglichen Funktion enthoben sind, werden sie jedoch zum Außergewöhnlichen, zum Einzigartigen, zum Artefakt, das wohlgemerkt die Erinnerung an das Alltägliche in der Vergangenheit nie verloren hat. Damit gewinnt ein Fenster, das vielleicht einmal jahrelang von einem Menschen bedient wurde, den Charakter des Fensters schlechthin. Nicht weil ein Fenster ein Fenster, eine Tür eine Tür ist, sondern weil dieses Fenster, diese Tür, oder dieser Handlauf tausende von selbstverständlichen Berührungen erfahren hat. Diese Gegenstände sind über Jahre aufgeladen worden durch den Hautkontakt mit Menschen. Und bleiben doch immer Tür, Fenster, Handlauf, egal wie Nuno Sousa Vieira sie bearbeitet.

Nuno Sousa Vieira geht über den Ursprung und die Historie seiner Objekte hinaus: Er schneidet Türen oder Fenster aus ihrer begrenzten Dimensionalität und versetzt sie in Raum greifende Skulpturen. Natürlich haben diese Türen und Fenster Höhe, Tiefe, Breite. Doch in ihrer früheren Existenz erschienen sie im Alltag schlicht zweidimensional, flach. Oder nehmen wir die Arbeit Posto de transormação PUCBET, 2010. Das Ausgangsmaterial sind Gitterkäfige, die früher wahrscheinlich mit fertigen Kunststoffteilen oder Halbfertigprodukten gefüllt wurden. Diese Käfige kantet er in absonderlichen Winkeln ab und kombiniert sie mit orange gestrichenen Holzplatten, enthebt sie so ihrer Funktion und transzendiert sie. Das merkwürdige daran: Er fügt sie in eine rechteckige Form, die wiederum industrieller Produktion entspricht. Das Wort „transzendiert“ ist bewußt gewählt, denn die Käfiggitter tragen noch immer die Bezeichnung ihrer ursprünglichen Funktion und sind doch überhöht. Sie ihrer ursprünglichen Bestimmung als Industrievehikel zurückzuführen: unmöglich. Durch den Eingriff des Künstlers sind sie längst zu Werken erhoben, die sich der industriellen Produktion oder dem alltäglichen Gebrauch entziehen. Doch die Erinnerung lebt, an die Produktion von Kunststoffteilen, an Arbeiter, die tagaus, tagein mit diesen Gitterkäfigen umgingen, sie hin und her schoben. Wie sagte Nuno Sousa Vieira in dem eingangs zitierten Interview: „Es ist einfacher [die Dinge] neu zu bauen oder neu zu produzieren, als sie zu überdenken, ihnen eine andere Verwendung zuzuführen oder diese Räume und Gegenstände neu zu bewerten.“ Nuno Sousa Vieira ist ein Neubewerter; er unterwirft sich dieser Anstrengung und transformiert Räume und Gegenstände aus der Fabrik in Skulpturen, die mit ihrer Geschichte zu ganz neu Gedachtem, neu Empfundenem geworden sind.

Christian Sabisch, 2010