Michael Wesely

Michael Wesely

the museum of modern art new york (7.8.2001 - 7.6..2004) by michael wesely

Michael Wesely

The Museum of Modern Art New York (7.8.2001 - 7.6..2004)

palast der republik, berlin (28.6.2006 – 19.12.2008) by michael wesely

Michael Wesely

Palast der Republik, Berlin (28.6.2006 – 19.12.2008)

Friday, October 19, 2012Sunday, November 25, 2012


Berlin, Germany

(Please scroll down for English version)

Michael Wesely
Ausstellungsdauer: 19. Oktober — 25. November 2012

Das architektonische Projekt in den Bildern von Michael Wesely
Vorstellungen von Raum und Zeit sind menschliche Konstrukte, deren morphologische Daten jenseits ihrer Veranschaulichung der physischen Dimension auch eine gesellschaftliche Wertung beinhalten. In diesem Zusammenhang ist ein Vokabular entstanden, an das sich ein schöpferisch Arbeitender tunlichst halten muss, wenn ihm daran gelegen ist, dass andere sein Werk einordnen können. Jede Abweichung von der festgelegten Formensprache weist dementsprechend auf die Entstehung eines neuen Wahrnehmungsmechanismus hin. Sie ist um so bedeutsamer, wenn sie in der kreativen Zusammenarbeit zwischen dem Architekten und dem Fotografen stattfindet, bei der ersterer dem Gebäude, letzterer dessen Abbild seine Konturen verleiht. Denn das Bauen und das Fotografieren sind immer mehr oder weniger gesellschaftlich bedingte und eingebundene Aussagen.
Michael Wesely hinterfragt bestehende Strukturen des Bildes und will die Wahrheit der Fotografie entdecken, indem er die Architektur als ein Medium benutzt, mit dem er fotografische Experimente anstellen kann. Durch Verlängern der Belichtungszeit stellt er einen Kontext her, in dem Architektur unter Einbeziehung der Menschen und der umliegenden Stadt definiert werden kann. Er schafft damit auch die Voraussetzung dafür, dass die „Geburt eines neuen Hauses“ als ein poetischer Moment festgehalten wird. Weselys Bilder regen den Betrachter dazu an, sich mehr auf das Wesentliche eines Bauvorhabens zu konzentrieren als auf dessen morphologische Ästhetik.
Die Architektur versucht mit vielen verschiedenen Mitteln, Zeit zu verwalten, indem sie im Prozess des Gestaltens Vorschläge zum räumlichen Umgang mit ihr macht. Das architektonische Vorhaben beginnt als ein Gedanke, der in Abwesenheit des menschlichen Körpers ausgestaltet wird, ist aber erst vollendet, wenn das Gebäude vom nutzenden Subjekt in Besitz genommen wurde. In Weselys Arbeit wird die Gegenwart des Menschen nun im selben Moment zurückgewiesen, indem man als Betrachter das Konzept der „Langzeitbelichtung“ verstanden hat, denn damit ist auch klar, dass nicht diese Gegenwart als solche aufgenommen wird. Weselys Fotografien „beinhalten“ die Anwesenheit von Menschen eher, als sie zu zeigen.
Zugleich wird hier die architektonische Arbeit als ein Organismus verstanden, der aus Abwesenheiten und Anwesenheiten im städtischen Umfeld erwächst und dessen Bild, nach einer gewissen Zeit, Bestandteil der schon bestehenden Strukturen in der Stadt wird. Die Zeit erscheint nicht nur am Gebäude selbst, sondern auch in dem Prozess, der es zu einem Teil des städtischen Umfelds macht. Aus ein- und demselben Bild, das die Entstehung eines Gebäudes festhält, können wir außerdem das Verschwinden eines anderen herauslesen, und zwar an Hand der Phantomhülle, die eine vorangegangene Gegenwart voraussetzt,. Weselys Bilder beschreiben eine Kette von Vorgängen in der Stadt, die von der Zeit diktiert werden und sich der Erinnerung erschließen, weil er einen Weg gefunden hat, sie in ihrem jeweiligen Zeitabschnitt festzuhalten. Diese Vorgänge fordern zu einer kritischen Lesart heraus und wären in keiner anderen Form zu beobachten gewesen (oder wären nicht für wichtig genug erachtet worden, überhaupt festgehalten zu werden).
In diesem Zusammenhang verweisen Weselys Bilder nicht nur auf verschiedene Schichten von Zeit, sondern erzeugen auch verschiedene Schichten von Präsenz – vom menschlichen Körper bis hin zum städtischen Umfeld, die zusammengenommen eine gesellschaftliche Struktur bilden.
Ebenso wie er eine neue Wahrnehmung der Zeit an das gebaute Vorhaben und sein Abbild heranträgt, führt Wesely auch eine neue Zeit ein, die sich auf die Lesart seiner Fotografien bezieht. Die Ereignisschichten erschließen sich dem Betrachter in Abhängigkeit von der Zeit, die er vor dem Bild verbringt. „Details sind die wesentlichen Dinge. Sie erzählen die Geschichte, und deshalb ist es wichtig, genau hinzusehen“, betont Wesely. Das Architekturfoto ist schwer lesbar und in gewissem Sinn „Zeit raubend“ geworden, ebenso wie es „Zeit raubend“ ist, im Umhergehen zu einem verkörperten Betrachter zu werden, um ein Gebäude seinem Wesen nach zu erkunden, anstatt es nur als Form und ästhetische Summe seiner Fassaden zu sehen. Wesely zufolge ist dieser Vorgang des Lesens wichtig, da er den Ansatz zu einem anderen Blick und eine Motivation für den Betrachter bietet, über das Abbild hinaus zu sehen.
Einiges spricht dafür, dass dieser Ansatz dem Grundgedanken von Architektur und ihren Bedeutungen eher entspricht als das spiegelnde, reaktive Abfotografieren architektonischer Außenhäute.
Jeder kann potenziell Teil des Bildes sein, das Wesely erzeugt. In einer Gesellschaft, die sich mit rasendem Tempo bewegt, ist ein so grundsätzlich anderer Umgang mit der (Belichtungs-) Zeit sicher kein Zufall. Er verleiht dem fotografischen Bild eine räumliche und zeitliche Tiefe, eine neue fotografische Dimension, und kommt darin dem Wesen der Architektur vielleicht ein kleines Stück näher. Im Akt des Fotografierens strebt Wesely über die Grenzen des Mediums hinaus, um das Verhältnis des Bildes zum Betrachter und zu allem, was es umgibt, neu zu bestimmen. Er tut dies, indem der die Fotografie als einen Prozess, nicht als einmalige Handlung versteht.
In Abkehr von der Vorstellung, Gebäude als autonome Objekte abzubilden, kann er sich so dem Prozess ihrer Entstehung zuwenden. Das Ergebnis ist nicht nur ästhetisch interessant als simultane Darstellung verschiedener zeitlicher Momente eines Bauvorhabens, sondern verdeutlicht auch das von Wesely so genannte „anthropologische Herangehen“ an seine Bilder. „Durch die lange Belichtungszeit“, so der Künstler, „wird der Kontext der Menschheitsgeschichte ergänzt, und wir sehen nun auch die großen geopolitischen und ökonomischen Veränderungen, die sich im Wiederaufbau der geteilten Stadt, des geteilten Landes, der geteilten Welt nach dem Ende des Sozialismus manifestieren. Wirtschaftliche Veränderungen finden normalerweise ihren Ausdruck in Architektur.“
Weselys Bildern gelingt es am Ende, Architektur neu zu bestimmen, ihre gesellschaftlichen und politischen Strukturen aufzuzeigen, städtische Umwälzungen zu dokumentieren. Er findet einen Zugang zum „Menschen, der seine Stadt baut und immer wieder umbaut“, indem er den Akt des Fotografierens als einen tätigen, von Meinungen, Haltungen und kritischen Gedanken begleiteten Eingriff in das Geschehen herausstellt. „Obwohl jede Kamera ein Beobachtungsposten ist“, schreibt Susan Sontag, „ist der Akt des Fotografierens mehr als nur tatenloses Beobachten.“

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Michael Wesely
Exhibition: 19 October — 25 November 2012

The architectural project in Micahel Wesely’s pictures
The concept of space and time are human constructions, of which the morphological data, beyond the representation of their natural dimension, imply their social evaluation. In that context, there has been established a vocabulary which should be used by the creator, in order for his work to be decoded. Any declination from the already defined language indicates the birth of a new mechanism of perception. The creative act of the Architect and the Photographer, while the first delimit the edifice and the other the image, constitutes always a statement that is more or less socialized.
Michael Wesely questions the existing structure of the image and by using architecture as a medium on which he may experiment photographically, attempts to discover the truth of photography. By the lengthening of exposure time, he forms a context in which architecture may be defined according to people and the city, and he creates a condition that will record the ‘birth of a new building’ as a poetic moment. Wesely’s pictures serve as a stimulant so that the viewer may focus on the real essence of the architectural project, rather than its morphological aesthetic.
Architecture tries, in many different ways, to organize time, through the design process, by proposing its spatial management. The architectural project starts as an idea, which is designed based on the absence of the human body, and is completed only when has been inhabited by the subject. In Wesely’s work, the presence of the human is rejected the same moment that the concept of ‘long exposure’ is captured, as we know from the beginning that will not be recorded. His photographs ‘contain’ human presence, rather than present it.
In the same time, the architectural work is being understood as an organism that is constituted from the absence as wells as from the presence in the urban environment, where its image, in a duration of time, will become part of the already existing structures of the city. Time doesn’t only appear on the building itself but also in the process that renders the building to be a part of the urban environment. In the same picture that the birth of a building is captured, we are also capable to read the death of another, through its phantom that implies a previous presence. Wesely’s pictures indicate a sequence of urban procedures that are defined by time and become memorable because he decided to capture them in that particular period. A procedure, that calls for a critical reading and wouldn’t have been observable in any other way, (or wouldn’t have been considered so important so as to be recorded).
In that context, Wesely’s pictures, except from referring to different layers of time, introduce also different layers of presence: from the human body to the urban environment, which together form a social structure.
In the same way that he introduces a new perception of time upon the constructed project and its image, introduces as well, a new time that concerns the reading of the photograph. The layers are revealed to the viewer according to the time he spends in front of the image. ‘The details are the essensial things that tell the story, and for that reason it is important to look closely’, stresses Wesely. The architectural image becomes hard to read and becomes, in a sense, a ‘time-consuming’ procedure, as ‘time-consuming’ is for someone to walk and become an embodied viewer, in order to understand the architectural project in its real essence, instead of just perceiving it as a shape and a aesthetic total of its faces. For Wesely, the reading process is important, as it indicates a point of redefining the gaze and a motive for the viewer to look beyond the image.
Someone may support that such an approach is more real to the architectural idea and its meanings, than photographing architectural faces which seems a reflexive reaction.
Wesely creates an image where potentially anybody may be part of it. In a society that moves in frantic pace, the redefinition of (exposure) time seems anything but coincidence. Thereby, the depth of time and space in the photographic image creates a new dimension in the photograph and comes, maybe, a little closer to the real essence of architecture. Wesely’s act of photographing aims towards the excess of the medium, with the purpose to renegotiate the relationship with the viewer and everything that surrounds the picture, by viewing photography as a process and not a single act.
The deviation from the result, as an autonomous object, allows him to work on the process, which apart from the interesting aesthetic result, as a concurrent capture of different moments of the architectural project, presents also what Wesely calls ‘anthropological approach’ within his pictures: As he points out:
Through the scale of the exposure time, the context of human history is added, and we are looking at the big geopolitical and economic changes that manifested also in the reconstruction of the divided city, the divided country, the divided world, the end of socialism. Economic changes usually express in architecture.
Finally, Wesely’s pictures, manage to re-define architecture, to indicate social and political structures, to present urban changes and to approach ‘the man who builds and transform the/(his) city’, by proving that the act of photographing constitutes an active process which is accompanied by meanings, statements and critical thought. ‘Although the camera is an observation station, the act of photographing is more than passive observation’, states Susan Sontag.