Patricia Waller 'Broken Heroes'

Patricia Waller 'Broken Heroes'

spiderman by patricia waller

Patricia Waller

Spiderman, 2010

Friday, April 20, 2012Saturday, September 1, 2012


Berlin, Germany

Ernie als versoffener Penner mit gelbem Quietschentchen, Spiderman, der sich in seinem eigenen Netz verfangen hat, und Spongebob als Selbstmordattentäter mit um den Körper geschnalltem Sprengstoff – und das alles gehäkelt! Was zum Teufel geht hier vor sich? Wieder einmal schafft es Patricia Waller, uns mit einer neuen Serie ihrer Häkelarbeiten zu überraschen, diesmal unter dem bezeichnenden Titel: „Broken Heroes“, was frei übersetzt so etwas wie „abgestürzte Helden“ bedeutet.
Wie so oft, sind Wallers Arbeiten beim ersten Anblick zunächst einmal zum Brüllen komisch, denn sie präsentiert uns diese „Helden“ in einer Art und Weise, wie wir sie noch nie gesehen haben. Dieser komische Effekt wird dadurch überhöht, dass die Figuren allesamt gehäkelt sind, d.h. in einer Technik hergestellt, die eher freundliche Omas suggerieren. Aber das Lachen – und auch das ist typisch für Wallers Arbeiten – bleibt einem schnell im Halse stecken, wenn man sich die Figuren etwas näher ansieht. Denn Waller scheut nicht davor zurück, für ihre Aussage die Grenzen des bürgerlichen guten Geschmacks zu überschreiten. Der unbeholfene Spiderman mag noch tollpatschig erscheinen, aber beim Anblick einer vergewaltigten und blutenden Minnie Mouse denkt niemand mehr an Slapstick. Aber um Spaß geht es auch nicht bei diesen Arbeiten, die Heimeligkeit der Technik täuscht nur kurz über die grundlegende Ernsthaftigkeit des Themas hinweg.
Die Figuren, die sich Waller für diese Serie ausgesucht hat, sind allesamt bekannte Ikonen der Popkultur, sie entstammen Comics, Cartoons, Fernsehserien und ähnlichen Produkten unseres zeitgenössischen kollektiven Bewusstseins. Sie sind uns vertraut als eindimensionale Projektionsflächen für bestimmte positive Eigenschaften. Die Möglichkeit ihres Scheiterns ist in ihnen von vorneherein gar nicht angelegt, was ihre Darstellung in dieser Serie um so überraschender oder schockierender macht. Aus unserer eigenen Lebenserfahrung sind wir alle mit dem Phänomen des Scheiterns vertraut, sei es das grandiose Scheitern eines Lebensentwurfs oder einer Beziehung, oder das alltägliche kleine Scheitern. „Jeder Erfolg trägt in sich die Möglichkeit und das Risiko des Scheiterns,“ schreibt Waller dazu, „des nicht Erreichens, oder des nicht Gelingens, und es zeigt sich, dass das Leben eine ‚Schule der Ernüchterung und der Desillusionierung’ ist.“
Waller selbst sieht in den Arbeiten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Starkult unserer Gesellschaft, wobei der Star als zeitgenössischer Ersatz für den Helden dient. „Sie sind Vorbilder und Hoffnungsträger, spiegeln unsere Sehnsucht nach dem Besonderen wider. Helden tauchen nicht einfach auf, sondern werden erschaffen,“ schreibt sie, „sie sind Ergebnisse außerordentlich vielfältiger Interessen und komplizierter Einflussfaktoren, Macht -und Marktkonstellationen.“ Das hat für sie zwei Seiten. Auf der einen Seite führt der aufgeblähte Ruhm oft zu Persönlichkeitsstörungen. „Prominenz ist eine professionelle Schizophrenie: Der Zwang gut auszusehen, die Pflicht immer gut drauf zu sein und das Wissen, immer beobachtet zu werden, bringt Identitätsstörungen mit sich, vor allem wenn der Ruhm früh einsetzt, bevor sich eine klare Vorstellung von der eigenen Identität gebildet hat.“ Und je höher man steht, um so tiefer kann man stürzen. Rammt sich Hello Kitty in traditioneller Samurai-Manier deswegen den Säbel in den Bauch, weil sie ihre eigene gnadenlose Vermarktung nicht mehr ertragen kann?
Auf der anderen Seite hat der Starkult Auswirkungen für den Fan: „Er bekommt durch die Beziehung zu seinem Lieblingspromi mehr Selbstwertgefühl. Da virtuelle Beziehungen zu einem Star nicht enttäuscht werden können – etwa durch Zurückweisung –, bieten sie Menschen mit geringem Selbstwertgefühl die Möglichkeit, die eigenen Widersprüche und Unzulänglichkeiten zu kompensieren. Man muss sich nicht mit der eigenen Bedeutungslosigkeit auseinandersetzen.“ Man kann Wallers neue Serie „Broken Heroes“ aber auch weiter gefasst als satirische Reflexion über die Diskrepanz zwischen einer von Medien und Werbung geschaffenen Idealwelt und unserer eigenen imperfekten Lebensrealität lesen. Diese Diskrepanz bewirkt eine ungesunde Wahrnehmungsverzerrung: Geschicktes Marketing erzeugt Produkte mit Kultstatus, die fast schon als Religionsersatz fungieren, zu obsessiver Besitzgier verführen und völlig unkritisch hinsichtlich ihrer eigentlichen manipulativen gesellschaft-lichen Wirkung verehrt werden. Werbung gaukelt uns vor, wir müssten ganz bestimmte aber austauschbare massenproduzierte Waren kaufen, um uns unsere eigene unverwechselbare Individualität zu beweisen und sexy und „in“ sein zu können. Die Flut von Photoshop-nachbearbeiteten Aufnahmen von Models suggeriert jungen und nicht mehr so jungen Mädchen und Frauen, dass ihre eigenen natürlich geformten Körper nicht schlank genug sind, ihre Haut nicht gebräunt genug, ihre Brüste oder Lippen nicht voll genug oder ihre Nasen nicht gerade genug sind, und führt zu Magersucht, Bulimie, Minderwertigkeitskomplexen und einem Boom von plastischer Chirurgie für immer größere und jüngere Klientenkreise. Die übersteigerte und problemfreie Romantik eines oberflächlichen Hollywoodfilms nach dem anderen lässt uns mit unseren wirklichen Beziehungen immer unzufriedener werden und ständig nach etwas besserem, idealerem, frischerem Ausschau halten. Das ständige mediale Vorgaukeln einer künstlich beschönigten Welt führt zu immer größerer Unzufriedenheit mit einer im Vergleich dazu allzu imperfekt erscheinenden Wirklichkeit.
Während die Figuren in Wallers neuer Serie diese Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung und den tatsächlichen Gegebenheiten überhöhen und parodieren, verweisen sie doch gleichzeitig auch auf einen Lösungsansatz: nämlich den des Antihelden. Denn dieser ist ein Held, der auch Schwächen zeigt, und dessen Charakter infolgedessen nicht nur tiefer und vielschichtiger gezeichnet ist, sondern auch menschlicher und wirklichkeitsnaher. Denn wir haben alle bereits die Erfahrung des Scheiterns gemacht. Ein wirklicher Held ist aber nicht der, der niemals scheitert, sondern derjenige, der in der Lage ist, sich nach jedem Sturz wieder zu erheben und seinen Weg weiterzuverfolgen.