Caroline Bachmann & Stefan Banz 'Alive Has No Sound'

Caroline Bachmann & Stefan Banz 'Alive Has No Sound'

alive has no sound: a commotion (lutte et sentence) by bachmann/banz

Bachmann/Banz

Alive has no sound: a commotion (lutte et sentence), 2011–2012

Tuesday, June 26, 2012Saturday, August 11, 2012


Berlin, Germany

Wir freuen uns, Sie zur Eröffnung der Ausstellung "Alive Has No Sound" von Caroline Bachmann & Stefan Banz am Samstag, 23. Juni 2012, von 18:00 bis 21:00 Uhr einzuladen.

„Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ schrieb Joseph Beuys im Jahr 1964 mit Schokolade auf ein Plakat. Obwohl die Aktion in einem Studio des ZDF stattfand, sind keine bewegten Bilder von dem Auftritt des Künstlers erhalten. Lediglich 18 Fotografien dokumentieren Beuys’ Happening. Sie zeigen nicht nur die entstandenen Kunstwerke, sondern auch die Handlungsabläufe der Aktion. Viereinhalb Jahrzehnte später untersagte die Witwe von Beuys eine Museumspräsentation dieser Bilder, da sie Dokumentation und Ausstellung als unerlaubten Eingriff in sein Werk empfand. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat diese Entscheidung vor einigen Monaten in zweiter Instanz bestätigt.

Im vollen Wortlaut haben Stefan Banz und Caroline Bachmann dieses Urteil nun an die Wände des Obergeschosses der Galerie Crone appliziert. Denn es hat nicht nur unmittelbare Auswirkung auf die Ausstellungspraxis, sondern wirft eine Reihe urheberrechtlicher Probleme auf, die zum Teil im krassen Gegensatz zur Freiheit der Kunst stehen: Wann hört die bloße Dokumentation auf? Wann fängt eine journalistische oder künstlerische Herangehensweise an? Wann wird ein Zitat zur Kopie? Wie weit reicht ein Kunstwerk, und wie kann ich es fassen?

Stefan Banz und Caroline Bachmann beziehen sich in ihrer Arbeit auch direkt auf Marcel Duchamp, dem Pionier des Readymade. Im Raum des Urteilsspruchs finden sich lebensgroße Metallskulpturen, montiert auf fahrbare Untersätze, so dass die eigentlich schwer und massiv wirkenden Objekte plötzlich leicht und beweglich erscheinen. A Commotion (lutte et sentence) sind dreidimensionale Umsetzungen der Neun männischen Gussformen aus Duchamps Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblösst, sogar (Das Große Glas, 1915–1923, Philadelphia Museum of Art). Die bizarren Figuren, die im Großen Glas einer maschinellen Braut zu Leibe rücken, sind in der Installation von Banz und Bachmann zu Schachfiguren geworden, die auf einem imaginären Schachbrett hin- und hergezogen werden können. „Bei Duchamp sind die Figuren“ – so die Künstler – „zuerst nur Zeichen und stehen etwa für Totengräber, Briefbote, Diener oder Gendarm. Jetzt aber werden sie plötzlich reale Figuren im Kontext eines Gerichtsurteils und dadurch zu einer Metapher auf Individuen, die auch einfach herumgeschoben werden können, wenn sie nicht aufpassen. Die Performance von Joseph Beuys und das Gerichtsurteil waren für uns Anlass, grundsätzliche kulturpolitische Fragen zu stellen. Schließlich hat Beuys seine Arbeit damals auch nur im Rückgriff auf Duchamp machen können, ohne ihn oder seine Nachkommen zu fragen.“ Banz und Bachmann begreifen ganz klar Zitat, Recycling und Ersatz als Kulturtechniken, um aus der mutigen Aneignung und freien Wiederverwendung neue künstlerische Erkenntnisse zu entwickeln.

Auch die Werkgruppe Tenderness and Temperature ließe sich in einem ähnlichen Sinne lesen. Die Fotos von Friedhöfen mit Grabbepflanzungen und Sepulkralplastiken im Erdgeschoss der Galerie fokussieren auf die Ästhetik mit der wir einerseits den Toten gedenken wollen, aber den physischen Ort der Fäulnis und Verwesung auch mit Blumen- und Figurenschmuck verkleiden, um ihn gleichzeitig zum Erholungsraum zu machen. In Verbindung mit Klebestreifen, auf denen Rückstände von Malerei zu sehen sind, thematisiert die Serie digitaler Fotocollagen die visuelle Repräsentation von Abwesenheit.

Mit den Noten d, e, a, und d kann man nur Tod spielen – Alive Has No Sound. Caroline Bachmann und Stefan Banz entwickeln ihren spielerischen Ernst aus den Paradoxien, die unser Leben bestimmen, aber auch aus der Geschichte der Kunst.

Caroline Bachmann und Stefan Banz arbeiten seit 2004 zusammen. Sowohl das Einzelwerk als auch die gemeinsamen Projekte umfassen Installation, Fotografie, Malerei und Text. Besonders ihre Soloausstellungen gelten daher als multimediale Tausendsassa-Schauen, zu sehen unter anderem im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart, im Kunstmuseum Luzern; im Migros Museum in Zürich oder im Musée d’Art moderne et contemporain (MAMCO) in Genf.

Bachmann ist seit 2007 Co-Leiterin der Abteilung für Malerei und Zeichnung an der HEAD in Genf, Banz war Gründungsdirektor der Kunsthalle Luzern und verantwortete den Schweizer Pavillon an der 51. Biennale in Venedig. Zusammen gründeten sie die Kunsthalle Marcel Duchamp in Cully am Genfer See. Eine üppige Publikationsaktivität begleitet beider künstlerisches Schaffen. Bachmann und Banz leben und arbeiten in Cully und Berlin.