Galerie Barbara Weiss

Thomas Bayrle 'Alle Kamele sind ein Kamel (Schopenhauer)' (ground floor)
Suse Weber 'Tanzschule für eine Marionette' (first floor)

Thomas Bayrle 'Alle Kamele sind ein Kamel (Schopenhauer)' (ground floor)
Suse Weber 'Tanzschule für eine Marionette' (first floor)

performance 'tanzschule für eine marionette' by suse weber

Suse Weber

Performance 'Tanzschule für eine Marionette', 2010

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tanzschule für eine marionette (ausschnitt) by suse weber

Suse Weber

Tanzschule für eine Marionette (Ausschnitt), 2010

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san pellegrino by thomas bayrle

Thomas Bayrle

San Pellegrino, 2009

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Saturday, June 12, 2010Saturday, July 31, 2010


Berlin, Germany

Thomas Bayrle 'Alle Kamele sind ein Kamel (Schopenhauer)' (ground floor)

Suse Weber 'Tanzschule für eine Marionette' (first floor)

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Thomas Bayrle
Alle Kamele sind ein Kamel (Schopenhauer)

12. Juni – 31. Juli 2010
Eröffnung Freitag, 11. Juni, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten Di – Sa, 11 – 18 Uhr

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Ein PKW-Reifen aus Holz, in dessen Profil die ersten Worte des bekannten Rosenkranzgebetes eingefräst sind, der sich wie eine Gebetsmühle zu drehen beginnt, wenn man ihn leicht berührt... ein manipulierter Porschemotor, kombiniert mit einer Soundmontage (Kooperation mit Bernhard Schreiner), die den satten Sound eines Porsche-motors mit dem Sing-Sang einer Gruppe betender Frauen mischt... ein isoliertes Paar Scheibenwischer, das sich vor weißer Wand menetekelartig bewegt und rhythmisch zu den schwingenden Wischern einen peitschenden Singsang: “Bitt für uns“ skandiert... ein Siebdruck, der die labyrinthische Struktur des bekannten Fußbodenmosaiks aus der Kathedrale von Chartres wiedergibt und in eine Wasser-Abfüllmaschinerie verwandelt...

In der Ausstellung führt Thomas Bayrle, der sich seit den 1970er Jahren mit Massenphänomenen jeglicher Art beschäftigt, die zentralen künstlerischen wie geistigen Stränge seines Werks im übergeordneten Sinn zusammen. Formale Aspekte wie Monotonie und Repetitivität, durchgängiges Konstruktionsprinzip beispielsweise seiner bekannten Collagen und Siebdrucke, treffen in einer Art maschinenhafter Parallelschaltung als Sound-Mischung auf die Themenkomplexe Religion, Massenmobilität und Ökonomie, die Bayrle in seinen Arbeiten bereits seit vielen Jahren kommentiert und interpretiert.

Dank an: Peter Bayrle / Anton Schwinghammer / Andreas Funkenhauser / St. Josefs Gemeinde Frankfurt - Eschersheim

"Die „westliche“ Entsprechung der „östlichen“ Meditation war über lange Zeiten das Gebet. Seine Formen reichen von tiefster Inbrunst bis zu literarischer Winkeladvokatie – im Hader mit Gott. – Im Halbdunkel der Kirche sitzen alte Frauen und beten den Rosenkranz. Dicht gedrängt – auf Bänken – murmeln sie wie ein unheimlicher Bach. Sind sie summender, kollektiver Leib, der – endlos langsam – Kugel für Kugel durch seine Hände bewegt. Sie arbeiten am großen „Geweb“ und murmeln und weben stundenlang. (das hatte ich fast vergessen) Im rasenden Lärm einer Fabrikhalle – der Weberei Gutmann in Göppingen – kam das Gemurmel der Frauen im Sing-Sang der Maschinen auf mich zurück. Die Kurbelwellen der Webautomaten sangen bei einer bestimmten Frequenz „menschlich“. Wie 2 Kupplungsscheiben gingen die Gesänge aufeinander zu und schlossen sich kurz. So kamen die Stimmen von Innen heraus … das Gemurmel als Bässe verschmolz mit dem jammernden Metall zu einer Einheit. So singsang ich die Stunden und Tage durch – und konnte 1 Jahr überwintern. – Auch in den Discos – oder beim Autofahr’n – schlich dieser geheime Sing-Sang mit … als wären die Frauen tief im Getriebe eingeschlossen und drängten durch die Vibration nach außen. Oder als Unwucht der Reifen – die begreifen – dass – VA TER UN SER DER DU BIST IM HIM MEL als Profil in ihnen steckt – und während sie rasen – sie beten … auf 300 km … 1.244.000 mal."

Thomas Bayrle, A U T O M E D I T A T I O N, 19.2.1987

(aus: Thomas Bayrle 1967 und 1987, Ausstellungskatalog Frankfurter Kunstverein 1987)

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Thomas Bayrle
Alle Kamele sind ein Kamel (Schopenhauer)

June 12 – July 31, 2010
Opening Friday, June 11, 6 – 9 pm
Gallery hours Tuesday – Saturday, 11 am – 6 pm

A wooden car tire, with the first words of the familiar rosary as its tread, that begins to rotate like a prayer wheel when touched lightly... a manipulated Porsche motor, combined with a sound montage (cooperation with Bernhard Schreiner) that mixes the lush sound of the engine with the sing-song of a group of women at prayer ... an isolated pair of windscreen wipers that move like a portent in front of a white wall, while chanting a scourging “Pray for us” in time to the rhythmic back-and-forth... a silkscreen that reproduces the labyrinthine structure of the famous floor mosaic of Chartres Cathedral and transforms it into a water-bottling machine ...

In this exhibition Thomas Bayrle, who has been occupied with mass phenomena of all kinds since the 1970s, brings together in a higher sense the central artistic and intellectual strands of his work. Formal aspects such as monotony and repetition, consistent constructive principles – for example in his well-known collages and silkscreens, come together in a kind of machine-like parallel circuit encompassing the themes of religion, mass mobility and economics, which Bayrle has commented and interpreted in his work for many years now.

Many Thanks to: Peter Bayrle / Anton Schwinghammer / Andreas Funkenhauser / St. Josefs Gemeinde Frankfurt - Eschersheim

“For a long time the ‘Western’ equivalent to ‘Eastern’ meditation was prayer. Its forms range from deep ardour to literary hedging and quarrelling with God. – In the semi-darkness of the church old women say their rosaries. Crowded together on the pews, they murmur like an eerie stream. They are a humming collective body that – endlessly, slowly – moves bead after bead through its hands. They are working a great web and they murmur and weave for hours. (I almost forgot) In the frenzied din of the factory floor – of the Gutmann weaving mill in Göppingen – the murmuring of the women came back to me in the sing-song of the machines. At a certain frequency, the crankshafts of the automatic looms sang ‘humanly’. Like 2 clutch plates, the songs approached and joined with one another. So the voices came from within ... the murmuring as bass line melted into a unity with the wailing metal. So I sing-song through the hours and days – and could hibernate for 1 year. – In the discos too – or drivin’ the car – this secret sing-song crept in ... as if the women were embedded deep within the gearbox and emanating outwards through the vibration. Or as an imbalance of the tires – who understand – that – OUR FA THER WHO ART IN HEA VEN is in their tread – and while they speed – they pray ... in 300 km ... 1,244,000 times.”

Thomas Bayrle, A U T O M E D I T A T I O N, 19.2.1987

(Quoted from: Thomas Bayrle 1967 und 1987, exhibition catalogue Frankfurter Kunstverein 1987)

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Suse Weber
Tanzschule für eine Marionette

12. Juni – 31. Juli 2010
Eröffnung Freitag, 11. Juni, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten Di – Sa, 11 – 18 Uhr

Performance vom 12. Juni – 30. Juni, Di – Sa, 16 Uhr

Für ihre zweite Einzelausstellung in der Galerie Barbara Weiss, Tanzschule für eine Marionette, hat Suse Weber (*1970) – anknüpfend an ihr FORMEL:KONGORAMA#3/Puppet Theatre im Brüssler WIELS – ein bühnenartiges Szenario konzipiert, in dem sie selbst regelmäßig und zu festgelegten Zeiten in Erscheinung tritt.

Ausgehend von ihrem Begriff der emblematischen Skulptur, mit dem die Künstlerin ihre dreidimensionalen Arbeiten bezeichnet, denkt Suse Weber das Publikum als existierende Größe in der Gesamtanordnung mit – neben der Skulptur und dem Raum selbst: das Publikum wird zum Material. Sein Eintritt in den Raum, die Platzzuweisung und die Bestimmung der Betrachtungszeit spiegeln in Webers Anordnungen eine Konditionierung wider, wie man sie auch aus der durch Schilder und Symbole bestimmten Straßenverkehrsordnung kennt. In der Galerie erwartet den Betrachter neben zwei Sitztribünen eine etwa zwei Meter hohe, auf Rollen gestellte Figur aus MDF mit zahlreichen Steckvorrichtungen. An den Wänden des Ausstellungsraumes finden sich folkloristisch anmutende Halterungen aus gestanztem Karton, in die Suse Weber nach einer bestimmten Ordnung etwa 380 farbige Bildbausteine in verschiedenen Größen und unterschiedlichen Formen abgelegt hat. In ihrer Gestaltung finden sich die für die Künstlerin typischen Formeln und Verweise, beispielsweise auf Schnittmuster barocker Kostüme, historische Tanzstile oder politische Symbole. Dieses Material, das großteils auf vorangangene Arbeiten der Künstlerin zurückgeht und auf Recherchearbeiten unter anderem im Tanzarchiv Leipzig basiert, wird in der Tanzschule für eine Marionette handlungsbestimmend. Über die Bedeutungen der Bildbausteine wird der Ausstellungsraum selbst zum gesellschaftlichen Raum.

Wenn Suse Weber am 12. Juni mit einem akustischen Trailer (Zusammenarbeit mit dem belgischen Komponisten Tim Vets) die Tanzstunde eröffnet, setzt sie das beschriebene Szenario nach ihrer Choreografie in Bewegung. Zwischen dem 12. und dem 30. Juni (täglich ab 16 Uhr) entstehen so 14 Marionetten. In einem zweiten Ausstellungsraum wird Suse Weber parallel an einer Notation arbeiten, die die Auswahl und Anwendung der Bildbausteine sowie die täglich neue Choreografie der Marionette im Raum dokumentieren werden.

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Suse Weber
Tanzschule für eine Marionette

June 12 – July 31, 2010
Opening Friday, June 11, 6 – 9 pm
Gallery hours Tuesday – Saturday, 11 am – 6 pm

Performance from June 12 – June 30, Tue. – Sat 4 – 6 pm

For her second solo exhibition at the Galerie Barbara Weiss, Dance School for a Marionette, Suse Weber (*1970) – following her FORMEL:KONGORAMA#3/Puppet Theatre at the WIELS in Brussels – has conceived a stage-like scenario in which she herself appears regularly at set times.

Taking her lead from the concept of emblematic sculpture, as she terms her three-dimensional works, Suse Weber treats the audience as an existing factor in the overall scheme along with the sculpture and the space itself: the audience becomes material. In Weber’s configurations its entrance into the space, the allocation of seating and the determination of the viewing time reflect a conditioning we also know from the signs and symbols of the traffic regulations.

In the gallery the viewer is awaited by two rostra of seats and an approximately two-metre-high MDF figure on wheels, with numerous plug-and-socket devices. On the walls of the exhibition space hang folkloristic holders made from punched cardboard, in which Suse Weber has deposited around 380 coloured visual building blocks according to a certain order. Their composition features Weber’s typical formulas and references, e.g. to the patterns of Baroque costumes, historical dance styles or political symbols. This material, which can largely be traced back to previous works by the artist, and is based on research carried out at the Leipzig Dance Archive and elsewhere, determines the action in the Dance School for a Marionette. And the exhibition space itself becomes a social space through the significances of the visual building blocks.

When Suse Weber opens the dance school with an acoustic trailer (cooperation with the Belgian composer Tim Vets) on June 12, she sets the above scenario in motion according to her choreography. Between June 12 and 30 (every day at 4 pm) 14 marionettes will be created in this way.

In a second exhibition space Suse Weber will work in parallel on a notation to document the selection and application of the visual building blocks, and the new choreography of the marionettes each day.