Vernissage 17. März 2011, 18-20 Uhr
Ausstellung 18. März 2011 - 14. Mai 2011
„Der wahre Kampf ist gegen den ‘duende’“, sagte Federico Garcia Lorca: „Der duende ist ein
Können, nicht ein Arbeiten, ein Kämpfen, nicht ein Denken. […] Es geht nicht um eine Fähigkeit,
sondern um einen wahrhaft lebendigen Stil; […] es ist im Blut; […] aus der allerältesten Kultur,
dem unmittelbaren Schaffensakt.“
Im Schottischen Gälisch sagt man von einem Menschen mit dieser Art kreativer Energie, er habe
‘an conyach’, er sei von einem traurig-sehnsüchtigen Daimon besessen. Andrew Ward hat diesen
conyach. Seine neuen Malereien zeigen uns spannungsreiche Visionen: das Donnergrollen der
immer noch sich auffaltenden Alpen oder die reine Ruhe der unter den Händen des Künstlers wie
Lehm aufgehenden Farbe. In dieser Ausstellung finden Yin und Yang zu dauerhafter Form.
Die Landschaften von Andrew Ward, dem Schotten aus den Highlands, sind das Ergebnis seiner
langjährigen Auseinandersetzung mit Gebirgen – in Schottland und der Schweiz, in Deutschland
und Italien. Sie stehen da in pastos mit den Fingern aufgetragener Farbe, leblos zwar, doch voll
Energie. Sie brechen aus, greifen vorwärts und zurück in der Zeit. Sie sind Teil des Wetters, das
sie – und uns – formt. In diesen Gemälden werden Gestik und Form zu einem Ganzen; Bogen und
Zielscheibe, Inspiration, Absicht und Leistung werden eins. Hier ist ein Künstler, der als Mensch
und in seinem Werk die Gaia-Theorie in Aktion demonstriert: Alles ist Werden. In diesen Gemälden
schwingt etwas Tragisches. Sie enthalten jedoch auch – und das ist wichtiger – ein inneres Feuer,
eine spannungsreiche Energie, die der Künstler eingefangen und freigelegt hat. Hier ist Lebensfreude,
die Leichtigkeit des Seins, der gelebte Augenblick.
Diese gemalten Gipfel – wie Tiere, die sich den Schnee vom Widerrist schütteln – verkörpern
geologische Zeiträume, widerspiegeln jedoch auch die Geschichte der Menschheit und des kommenden
Europa. Wie der Schottische Dichter Hugh MacDiarmid in On a Raised Beach schreibt:
„Es gibt jede Menge verwüstete Häuser auf der Welt, doch keine verwüsteten Steine.“ In diesen
Gemälden ist die Farbe ausgebleicht. Alles ist reduziert – bloss um wieder zu erstehen. Diese Gebirgslandschaften
lassen sich als Dramen des menschlichen Geistes lesen, als Fortsetzungen von
Kämpfen, die der Filmemacher Stephen Macmillan dokumentiert, zum Beispiel in seinem Film von
Andrew Ward, der sich 1999 in den Schweizer Alpen seiner Leinwand und den Elementen stellt.
Die hier gezeigten Gemälde stellen die „terribilità“ elementarer Natur im Sinn der Gothik dar und
hätten John Ruskin gefallen. Denn sie suggerieren „Wahlverwandtschaften“, die alle, besonders
aber die Nordländer, ansprechen. Andrew Wards eigentlicher Habitus ist jedoch auch klassisch,
modern und zufallsreich. Er ist ein Künstler, der Ausblicke auf eine Welt ermöglicht, in der Proportion,
Schönheit, Angemessenheit kämpfen mit dem düsteren dionysischen duende, von dem Lorca
spricht. Zudem: Die offensichtliche Emotion, die in jedem der hier gezeigten Werke mitschwingt,
ist befreit – positiv: Kunst vermag Ordnung ins Chaos zu bringen.
Bei Andrew Wards Schalendarstellungen handelt es sich um etwas anderes. Hier steht die Zeit
still. Hier verbindet sich zeitgenössisches Sehen mit neolithisch klarer Form. Hier wandelt sich
Cezanne’s petite sensation angesichts der Natur in Zen-haftes Staunen und transzendente Ruhe.
Hier zeigt sich auch eine durchaus zeitgenössische künstlerische Abstraktion. Wie in des Künstlers
Gebirgsmalereien sind auch hier der Prozess, das Medium eins mit der Aussage. Diese Malereien
überraschen und sind neu – und doch scheinbar so alt wie das erste Wort. Sie sind sowohl „reine
Form“ wie auch offensichtlich handgemacht, wie beim späten Tizian.
Kunst stellt „dauerhafte Äquivalente“ her. Hier gibt sich Andrew Ward (wiederum) in leidenschaftlicher
Ruhe der Töpferkunst hin, einer der ältesten und menschlichsten aller Handwerkskünste.
„War es hiefür, dass der Lehm hoch gewachsen ist?“, fragte der grosse englische Antikriegspoet,
Wilfred Owen. Hier jedoch ist es das zeitlose Phänomen der Schönheit von Lehm und Farbe, das
uns aus diesen Malereien entgegentritt – in Schönheiten wie in einem sanft dargebotenen Kuss
oder im Geschenk eines Segenswunsches. Hier ist Liebe. Die Liebe überdauert ihre Bewegung nie.
Andrew Ward fängt die Poesie der Bewegung im Lehm ein zaubert sie mit seinen Töpferhänden in
neue Form – als Geschenk, das weiter gegeben werden soll. Wie ein Töpfer arbeitet dieser Maler
mit seinen Handflächen, mit seinen Fingern – und mit liebevoller, ehrerbietiger Intensität.
Die Geburt eines Berges, einer Schale, eines Gemäldes. Jean Renoir sagte, er male mit „seinem
Penis“. Diese Reihe von Schalengemälden ist Andrew Wards Reaktion auf das Entzücken seines
Sohnes Carlin angesichts eines Eis, das er nach Hause gebracht hatte. Hier sind die schlichten
Freuden des Anfangs aller Dinge: „Überraschung und Verwunderung ist der Anfang des
Verstehens.“Das Ei eines wilden Vogels, der Anblick der Erde aus dem All, ein schlafender Kopf
von Brancusi – als bewusst zeitgenössischer Künstler antwortet Andrew Ward auf „den Schock des
Neuen“. Doch seine Vorliebe für „den Schock des Alten“ – für das Zeitlose – ist wohl tiefer.
Diese kontemplativen, heiteren Werke evozieren Figürchen aus der Bronzezeit, Worte von Lao-Tse,
die Namen Morandi und Cy Twombly. Hier sind schwarze Löcher. Hier ist aufgegangener Lehm.
Angesichts dieser Malereien kommt es einem vor, als wäre die Zeit still gestanden, als pulsierten
die Sterne im All, als wären dingliche Formen körperlos. Sehen wird visionär: Hier sind Malereien,
mit denen der Betrachter sich auseinander setzen muss, wenn er glauben will, was er sieht.
Natürlich sind sie nicht vollkommen. Arabische Töpfer sagen: „Nur Allah erschafft vollkommene
Schalen!“ Und gelingt ihnen eine nahezu vollkommene Schale, kerben sie ihr einen Mangel ein.
So arbeitet Andrew James Ward – mit der gleichen Bescheidenheit.
So gibt der conyach den im Anblick des Todes aufquellenden tiefen Leidenschaften formalen
Ausdruck. Und ein mutiger Künstler setzt sich mit den erhebendsten Erscheinungen des Lebens
auseinander und schafft Ausgezeichnetes in einer Tradition höchster Disziplin und grösster Spontaneität.
Timothy Neat
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