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Marcel Odenbach '6 x Odenbach'    Jun 29 - Sep 12, 2013

Installation view Galerie Crone 2013
Marcel Odenbach
Installation view Galerie Crone 2013
 
  
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Marcel Odenbach
6x Odenbach

29. Juni bis 12. September 2013
Eröffnung am 28. Juni 2013, 19.00 bis 21.00 Uhr

Galerie Crone freut sich, anlässlich des 60. Geburtstags von Marcel Odenbach sechs ausgewählte Filme aus den letzten 30 Schaffensjahren des Künstlers zu zeigen. Marcel Odenbach begann bereits sehr früh, sich mit dem Medium Film als Kunstform auseinanderzusezten. Seine ersten Videoarbeiten datieren aus den 1970er Jahren. Inzwischen ist er einer der bedeutendsten deutschsprachigen Viedokünstler und ist seinem Medium bis heute treu geblieben. Seine Arbeiten sind unter anderem vertreten in den Sammlungen des MoMA, New York; Centre Pompidou, Paris; Hamburger Bahnhof, Berlin; Ingvild Goetz, München.

1.
Vorurteile oder die Not macht erfinderisch, 1983
Farbe, Ton; 8 min

Im Video „Vorurteile“ werden deutsche Landschaftsbilder, Archivaufnahmen der voranschreitenden Industrialisierung in Fabriken und Szenen aus Hitchcocks „Stranger on the Train“ aneindanergereiht. Sie werden immer wieder unterbrochen von „Ausblicken“ auf totemhafte Objekte. Auch die Hintergrundgeräusche stehen in einem ähnlichen Kontrast: ruhig-beschwingte Klänge einer Bach-Komposition wechseln sich mit den Geräuschen knallender Gewehrsalven ab. So steht die Sehnsucht nach einer Naturidylle im Gleichklang mit der Sehnsucht nach immer weiter voranschreitender Automatisierung von Arbeit, die - ähnlich wie die Orte der Sehnsucht - immer abstrakter wird. Odenbach stellt somit eine Identitätsfrage, die das Persönliche, Kulturelle und Soziale mäanderartig zusammenflechtet. Formal gesehen bedient sich der Künstler einer Bild-im-Bild Montage, die einerseits offenbart und andererseits verbirgt.

2.
Niemand ist mehr dort, wo er anfing, 1989
Farbe, Ton; 6 min

„Niemand ist mehr dort, wo er anfing“ beschäftigt sich mit den Umbrüchen der Wendezeit. Odenbach montiert hier ZDF-Übertragungen der sogenannten „Jubeldemonstration“ vom 6. Oktober 1989 in Ost-Berlin mit Dokumentaraufnahmen der Paraden von SS-Truppen. Lange Sequenzen von Maueraufnahmen werden vom Frauenchor der Matthäuspassion unterlegt. In einem Bild-im-Bild Verfahren lässt Odenbach zitierend zudem Hitchcock zu Wort kommen und präsentiert somit dem Betrachter gewissermaßen mahnend ein vergiftetes Milchglas aus „Suspicion“. Diese Arbeit wurde 1990 erstmal bei Galerie Crone in Hamburg gezeigt.

3.
Hitzefrei (mit Rosemarie Trockel), 2000
Farbe, Ton; 5 min

„Hitzefrei“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Marcel Odenbach und Rosemarie Trockel, das eigens für ihre Ausstellung in der Galerie Crone im Jahr 2000 realisiert wurde. Das in diesem Screening gezeigte Video „Hitze“ von Marcel Odenbach ist jedoch lediglich ein Element der ursprünglichen Kooperationsarbeit. Gustav Mahlers fünfte Sinfonie - Soundtrack der legendären Verfilmung von „Tod in Venedig“ aus den siebziger Jahren – zieht sich wie ein roter Faden durch das Video, das sich scheinbar bloß der deutschen Bade- und Freizeitkultur widmet. Hier vermischen sich Szenen aus Tatis „The Vacation of Monsieur Hulot“, Badeszenen aus Viscontis „Tod in Venedig“, Odenbachs Footage vom Wannsee und dem Rhein mit Privataufnahmen von Eva Braun. Vor diesem Hintergrund beleuchtet Odenbach das heutige Freizeitverhalten in Deutschland. Dabei zieht er Verbindungen zwischen der „FKK-Kultur“, die von den Nationalsozialisten gefördert wurde und später auch in der DDR massenhaft Anhänger fand, und der exhibitionistischen Unbekümmertheit, mit der sich Sonnenhungrige etwa am Wannsee zur Schau stellen. „Es ist ein merkwürdiges Phänomen in der heutigen Zeit, dass sich die Leute nicht nur körperlich, sondern in jeder Hinsicht ausziehen“, stellt der Künstler fest. Als Beobachter, der sozusagen von außen auf das deutsche Strandleben blickt, taucht immer wieder ein afroamerikanischer Freund von Odenbach im Video auf: Kevin. Eine weitere Brechung im schillernden Filmzusammenschnitt des Künstlers ist, dass auch die Wandlung des Urlaubs vom Priviligiertenspaß zum Massenvergnügen thematisiert wird.

4.
Das große Fenster, 2001
Farbe, Ton; 12:20 min

„Das große Fenster“ untersucht unseren Blick auf Geschichte. Das Video zeigt historische Filmaufnahmen von Soldaten und zerstörten Städten, und von Adolf Hitler im Kreis seiner engsten Vertrauten. Dazu ertönen Stubenmusik, Vogelgezwitscher und Wagnerklänge. Odenbach hat eine Videocollage komponiert, die an dem Ort verankert ist, an dem sich der Diktator am allerliebsten aufgehalten hat: vor dem großen Alpenpanoramafenster auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Einem Kasperletheater gleich öffnet sich in Odenbachs Video ein rosaroter Samtvorhang. In mehreren Aufzügen führt der Blick durch die Sprossen eines der größten jemals gebauten Panorama-Fenster auf die grandiose Berglandschaft Berchtesgadens. Dazu ertönt zunächst folkloristische Musik, dann eine Kinderstimme: „Du bist der Führer, Deutschlands Retter, Du bist die Treue, Du bist die Liebe, unser Glaube, ich liebe Dich aus Herzensgrund, Dein will ich sein, Dir will ich dienen, jeden Tag und jede Stunde als treuer Kämpfer, tapferster Soldat.“

5.
Deutschstunde, 2006
Farbe, Ton; 7 min

In diesem Video lässt Marcel Odenbach jüdische Schülerinnen und Schüler aus München Textausschnitte aus Werken von W.G. Sebald, Victor Klemperer und Amos Oz lesen. Die vorgelesenen Texte werden von einem gedrehten Dreidel (jüdischer Kreisel) unterbrochen. Das Video entstand für das Projekt „Jüdisches Leben in München“ (gemeinsam mit Irit Hemmo und Stefan Römer). Bei diesem Gemeinschaftsprojekt ging es jedoch nicht um den Holocaust als solchen, nicht um das Zeigen von Gewalt und Leid und auch nicht um die Einteilung der Menschen in Täter und Opfer, sondern um die Folgen des NS-Rassismus: Nämlich um den Verlust jedes einzelnen jüdischen Menschen für die Gesellschaft genauso wie für das alltägliche Umfeld. „Es geht um den Verlust im Kleinen, den Verlust des Details, den Verlust der Vielfältigkeit“ (Odenbach, 2006). Mit dem persönlichen Erzählen und Aufschreiben beginnt die Überlieferung. Es gilt, Vergangenes sichtbar zu machen und damit dem Vergessen zu entreißen. Marcel Odenbach widmet seine Erinnerung der 1944 ermordeten Aenne Nöcker, geborene Apfel.

6.
Im Schiffbruch nicht schwimmen können, 2011
Farbe, Ton; 8:15 min

„Drei Männer unterschiedlichen Alters aus Schwarzafrika kommend, sogenannte Migranten, besuchen das Museum Louvre in Paris und betrachten ein Gemälde: Das Floss der Medusa von Théodore Géricault von 1819. Das Bild ist nicht nur, neben der Mona Lisa, das bekannteste Bild im Louvre, sondern es vereint auch die ganze Misere des französischen Kolonialismus in sich. Das Scheitern der Europäer an sich selbst. Unter der Flagge der Grand Nation, der Idee von Revolution, Freiheit und Brüderlichkeit werden die Menschen zu Kannibalen.
Für diese Arbeit habe ich mit den drei Afrikanern sehr lange Interviews über ihre Ausreise – sprich Flucht –, ihre Motivation und ihr Leben geführt. Sie haben mir über Heimweh, Sorgen, Ängste und Fremdsein im eigenen Land berichtet. Sie haben Dinge verschwiegen und auch bereitwillig kritisch erzählt. Aus diesen langen Abhandlungen habe ich wenige Aussagen herauskristallisiert und mich dazu entschlossen, sie nicht verbal zu nutzen, sondern schriftlich. Vor dem monumentalen Bild schweigen sie. Am Meer sitzen und von der Ferne träumen. Aber was ist, wenn die Ferne zur Heimat wird? Das Meer in meiner Arbeit ist das Meer vor meinem Haus in Ghana, das ich dort täglich betrachte. Das Meer, das endlos erscheint, mal friedlich, mal voller Gefahren. Das Hoffnung und Heimat, das für mich als Deutscher auch immer Rettung und Flucht bedeutet.“ (Marcel Odenbach)

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