Hanne Darboven / Channa Horwitz. Liest Du mich?
Kuratiert von Michael Müller und Julian Malte Schindele
24. März bis 21. April 2012
Eröffnung am 23. März 2012, 19.00 bis 21.00 Uhr
Die Schau Hanne Darboven / Channa Horwitz – Liest du mich? in der Galerie Crone präsentiert erstmalig
Arbeiten der beiden Künstlerinnen in einer gemeinsamen Ausstellung.
Der Satz 'Liest du mich?', einem kleinen Gedicht entnommen, das Lawrence Weiner Hanne Darboven widmete,
ist Frage, Bitte und Aufforderung zugleich. Er spiegelt eine Intimität, die ein Verständnis zu bedürfen
scheint, das über das unmittelbar zu Lesende hinausgeht. Gleichzeitig suggeriert er jedoch eine Lesbarkeit,
die über die idiosynkratische Bildsprache postmoderner Ergüsse (Poesie) hinausgeht und eine gemeinsame
Sprache zwischen Künstler und Betrachter aufsucht. So ist der Akt des Schreibens der fundamentale
Wechsel von der freien Linienführung zum Code.
Die Gegenüberstellung der beiden Künstlerinnen – einer Künstlergeneration angehörig und doch mit gänzlich
verschiedenen Lebenswegen – eröffnet neue und fruchtbare Perspektiven auf ihr Werk und erzählt
im gleichen Moment über wichtige Entwicklungen der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Möchte man
das Schaffen von Strukturen als das zentrale Motiv der Konzeptkunst ausmachen, ließe sich sagen, dass
wir es mit zwei Konzeptkünstlerinnen zu tun haben, die ihre eigenwilligen Grammatiken beide Mitte/Ende
der sechziger Jahre entwickelten. Darboven (*1941) während ihres zweijährigen Aufenthalts in New York,
Horwitz (*1932) in Los Angeles.
Beide Werke weisen relativ einfache, rational nachvollziehbare Grundstrukturen auf, die erst im Vollzug ihre
Komplexität entfalten. So sind in Horwitz’ Werk die Deklination und Permutation der Zahlen 1 bis 8 und
im späteren Werk die Zuordnung eines bestimmen Farbwertes zu jeder Zahl sowie die Variation geometrischer
Grundfiguren stets Ausgangsbasis. Viele dieser Kompositionen lassen sich als Handlungsanweisungen
für Bewegungsabläufe lesen oder musikalisch interpretieren. Darboven entwickelt von den Zahlen
1 bis 9 ausgehend und aus dem Bilden der Quersummen von Jahreszahlen ihr logisches System. Später
kommen zu den Zahlen, als das Moment des Festschreibens von Zeit, weitere Dokumente, Abschriften
lexikalischer Einträge, Fotos und Zeichnungen hinzu.
Beide Künstlerinnen eint, dass Sie sich biographisch recht früh auf einen Pfad, bestehend aus festen,
selbstgeschaffenen Regeln, Vorgaben und Grenzen begeben haben, diesen stets erweiterten, jedoch nie
wirklich verließen. Diese Erfahrung beschreibt Horwitz mit folgenden Worten: „Durch die Begrenzungen
und Struktur, die ich meinen Werken auferlege, erfahre ich Freiheit. Denn nur scheinbar sind Limitation
und Struktur das Gegenteil von Freiheit. Ich bin dahin gekommen, sie als Synonyme und als Grundlage
der Freiheit aufzufassen.“ Weitere Gemeinsamkeiten sind, dass die Kompositionen und Konstruktionen,
einem festen Code folgend, zwar ein serielles Moment aufweisen – allein der Gebrauch von Millimeterpapier
bildet für beide Künstlerinnen eine gewichtige Bezugsstruktur –, sich im Gegensatz zu vielen ihren
männlichen Kollegen das subjektive Moment der eigenen (Hand-)Schrift aber bewahren. Wollten sich die
Minimalisten und Konzeptkünstler gerade vom hypertrophen Subjektivismus des abstrakten Expressionismus
befreien und dies u. a. durch seriell-maschinelle Produktionswege erreichen, spielen bei Horwitz und
Darboven das Ausführen und Schreiben und die damit potentiell vorhandene Fehlerhaftigkeit dieser Prozesse
eine große Rolle.
In der nun zu sehenden Ausstellung findet sich eine Vielzahl von Werken unterschiedlicher Schaffenszeiten
der beiden Künstlerinnen.
Viele Überlegungen Hanne Darbovens münden in der 416-blättrigen Arbeit Wende 80, datiert auf den Tag
der Bundestagswahl eben jenes Jahres. Die Künstlerin tritt als parteiische Citoyenne auf; „denn als Demokrat
muss man an der Geschichte teilnehmen.“ Die Arbeit, in 14 Stücke gegliedert, eröffnet ein literarisch
anmutendes Referenzsystem, das erstmalig um Musik erweitert wird. So wird Darbovens System der Visualisierung
von Zeit, den Konstruktionen, in Musik transkribiert, ein Interview der beiden Kanzlerkandidaten
Strauß und Schmidt, Gedenken an Alfred Döblin, eigene Jugendzeichnungen, Bilder Harburgs aus einer
verloschenen Zeit finden Einzug. Den Abschluss bildet die Frage nach der Verantwortung des Künstlers
am Beispiel De Chiricos, der sich nur allzu gut in den italienischen Faschismus eingliederte – 1976 erhielt
er das Verdienstkreuz der BRD.
Des Weiteren erhält der Besucher über die ausgestellten geometrischen Perforationen, die als Vorgänger
und Grundstein für die Konstruktionen gelten können, wertvolle Einblicke in die Entwicklung ihres Systems.
Die Arbeiten von Channa Horwitz könnte man als platonische Räume bezeichnen. Sie stellen die Frage:
Was sind die Möglichkeiten einer Deklination und Bewegung unter den vorher definierten Bedingungen?
Die Kompositionen der Serie Sonakinatography (in der Ausstellung ist u. a. die Arbeit Sonakinatography
Composition XXII Number 2 von 2002 zu sehen) sind daher nicht auf ein bestimmtes Moment oder Medium
ausgelegt, sondern können sowohl choreographisch und musikalisch interpretiert als auch in ihrer
Diagrammstruktur als Gemälde betrachtet werden.
Die 16-teilige Arbeit Variation and Inversion on a Rhythm von 1976, die wiederum Teil einer größeren,
dreiteiligen Serie ist, basiert auf Zahlen, die logisch durch acht vorher fertig gestellte Zeichnungen ermittelt
wurden. Bei jeder folgenden Zeichnung variiert die Künstlerin alle Segmente der ersten Zeichnung um einen
Zählimpuls. Zu der nachfolgenden 64-teiligen Arbeit schrieb Horwitz: „Die Struktur des Rhythmus’ innerhalb
der Zeichnungen resultiert aus der Spaltung zwischen einer primären und einer sekundären Bewegung.
Der primäre Rhythmus entsteht aus der Anwendung einer logischen Zahlensequenz. Der sekundäre
Rhythmus entsteht aus der Anwendung einer Inversion, wobei in jeder aufeinander folgenden Zeichnung
eine andere Zeile um eine Leerstelle umgestellt wird. In der ersten Zeichnungsserie verschiebt sich diese
Umstellung in den aufeinander folgenden Zeichnungen jeweils in einer anderen Zeile um eine Leerstelle
nach hinten, so dass sich 64 Zeichnungen ergeben.”
Zeit ihres Lebens bewunderte Channa Horwitz, die dieser Tage ihren 80. Geburtstag feiert, das Werk
Hanne Darbovens. Nun, nach der späten Entdeckung von Horwitz’ Werk haben wir die Möglichkeit, diese
beiden in einen Dialog zu setzten, Unterschiede und Parallelen herauszuarbeiten und die außergewöhnlichen
Positionen zu würdigen.
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