Gary Kuehn
Selected Works – Four Decades
10. Februar 2011 - 26. März 2011
In der Ausstellung »Selected Works – Four Decades« präsentiert Häusler Contemporary
erstmals in München das Werk des New Yorker Künstlers Gary Kuehn (*1939 New Jersey).
Gary Kuehn ist ein bedeutender Vertreter der Process Art, die in den 1960er Jahren von
der Minimal Art ausgehend den traditionellen Skulpturenbegriff radikal erneuert hat.
Die Schau präsentiert eine exklusive Auswahl an Skulpturen und Zeichnungen aus 40
Schaffensjahren Gary Kuehns, darunter Objekte, die in der legendären Ausstellung
»When Attitudes become Form: Live in your Head« von Harald Szeemann (Bern 1969)
zu sehen waren.
Gary Kuehn entwickelte seine Bildsprache aus dem Vokabular der Minimal Art. Geometrische Grundformen
wie Kreis, Quadrat, Dreieck bilden in Verbindung mit seinem Interesse an den materiellen Eigenschaften
von Schaumstoff, Eisen, Metall etc. die Basis künstlerischer Untersuchungen seit den 1960er Jahren.
Charakteristisch für das Werk ist jedoch ein emotionaler Aspekt, der über das rein Formale hinaus eine
Gefühlswelt assoziiert. Diese enge Verbindung von Form und Inhalt bleibt prägend für Gary Kuehns Werk.
Materialien werden Veränderungen ausgesetzt, die häufig unter Einwirkung von äußerem Druck
geschehen. Weiche, biegsame oder organisch geformte Elemente wie Schaumstoffmatten werden durch
starre Stahlstäbe, Klammern oder Drähte in Form gezwungen. Analogien zu Veränderungen der menschlichen
Psyche durch die Bedingungen der Umwelt sind vom Künstler durchaus intendiert. Die Materialität mit
ihren verborgenen, expressiven Qualitäten steht dabei formal im Vordergrund. Inhaltlich ermöglicht
Kuehns Werk Assoziationen zu den Grundfragen menschlicher Erfahrungen und Gefühle – besonders dem
steten Bemühen, trotz Beschränkungen, übermächtiger Autoritäten sowie innerem und äußerem Druck
persönliche Entfaltung zu erreichen.
Ein scharfkantiger, genau messbarer Quader erliegt in Melt Piece, 1966 dem künstlerischen Prozess und
offenbart ein weiches, organisches Inneres. Die unantastbare Autorität der Form wird untergraben, ihre
scheinbare Stärke denunziert. Auch die Arbeit Mattress Piece von 1969 demonstriert Willkür von Außen,
wenn weicher, biegsamer Schaumstoff durch die augenscheinliche Überlegenheit von Stahlstäben in Form
gezwungen wird. In der Serie der Twist Pieces, 1987, sind es zwar keine Gegensätzlichen Materialien,
dennoch werden zwei Elemente durch äußere Macht in einem schmerzlichen Prozess verbogen und verdreht.
Die unwiederbringliche Verbindung wird hier jedoch zur harmonischen Einheit.
Ende der 1960er Jahre entstanden aus der Auseinandersetzung mit Themen wie Freiheit und Begrenzung,
Besitz und Verlust, Gewalt und Sanftmut auch zweidimensionale Arbeiten. Die seit den 1970er Jahren
entstehenden Gesture Pieces können als Ausdruck menschlichen Freiheitsstrebens gelesen werden. Der
Pinsel- oder Bleistiftstrich versucht hier, die Fläche zu beherrschen und bemüht sich darum, aus dem
vorgegeben Rahmen auszubrechen. Fremdbestimmtheit von Außen zwingt die Linie zur Anpassung. Die
Gebärde entwickelt sich dabei stets innerhalb des menschlichen Maßes einer Armlänge. Die zwischen 1976
und 1977 entstandenen Copper Pieces sind der Höhepunkt der Beschäftigung mit Freiheit und Begrenzung
der Linie in der Fläche. Die Kupferplatte diktiert die Line zunächst wie eine Schablone und überlässt sie
schließlich ihrer freien Entfaltung. Geprägt von der Formung durch die Schablone setzt sich die Linie jedoch
kaum verändert auf dem offenen Papier fort. Der bewegten Linie tastet das Auge nach, räumliche Strukturen
in der Fläche treten hervor, auch Bezüge zu persönlichen sozialen und psychologischen Erfahrungen sind möglich.
Gary Kuehn, der sich selbst als Bildhauer versteht, sagt sein Werk handle von der „Verwundbarkeit der Struktur“.
Innerhalb der zeitgenössischen Kunst spricht er damit seit über 40 Jahren eine unverwechselbar eigenständige
Bildsprache von zeitloser Aktualität.
Bei Häusler Contemporary bietet sich die Gelegenheit, einen weit gefächerten Einblick in das Werk Gary
Kuehns zu gewinnen und seine frühen Arbeiten neu zu entdecken.
Gary Kuehns Werk wurde u.a. in New York, Berlin, St. Gallen, und 1977 auf der Dokumenta 6 in Kassel gezeigt.
Er ist Professor für Bildhauerei an der Rutgers University in New Jersey.
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