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Sean Scully: Die Radierungen (Studio)    Apr 30 - Jun 1, 2013

Barcelona Day
Sean Scully
Barcelona Day, 2005
 
Checker
Sean Scully
Checker, 1994
 
Cut Ground Red
Sean Scully
Cut Ground Red, 2011
 
Mirror Mirror
Sean Scully
Mirror Mirror, 2002
 
Union Grey
Sean Scully
Union Grey, 1994
 
 
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Sean Scully
Die Radierungen

30.04.–01.06.2013
Zur Vorbesichtigung am Samstag, den 27. April 2013 zwischen 11 und 15 Uhr laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.

"When I make a print the fact that it is reduced in size is something that then has to be turned into an advantage. [...] it is the smallness of them that makes them so intensely affecting, at least to me. [...] I mean a painting cannot look visionary because it already is what it aspires to be. But a print in a sense may have a visionary aspect because it implies something bigger. And that can be very affecting."

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Die kleine Ausstellung mit 15 Arbeiten im Studio der Galerie Boisserée ist dem druckgraphischen Spätwerk von Sean Scully gewidmet. Scully hat ein unverwechselbares und absolut zeitlos anmutendes graphisches Oeuvre geschaffen, welches inzwischen international hohe Wertschätzung erfährt. Scullys druckgraphische Arbeiten sind Meisterwerke zeitgenössischer Graphik.

Die Druckgraphik bietet Scully eine Vielfalt an Techniken und Ausdrucksmöglichkeiten. Er lässt sich von der Einzigartigkeit der Materialien inspirieren und findet für jede graphische Technik (Kaltnadel, Pinselätzung, Aquatinta, Zucker- und Kreideaussprengverfahren, Holzschnitt, Lithographie) eine eigene Ausdrucksform.

[...] "When I make a print the fact that it is reduced in size is something that then has to be turned into an advantage. [...] it is the smallness of them that makes them so intensely affecting, at least to me. [...] I mean a painting cannot look visionary because it already is what it aspires to be. But a print in a sense may have a visionary aspect because it implies something bigger. And that can be very affecting." (1)

Die malerische Qualität, der eigentümliche Kontrast des sparsamen formalen Bildaufbaus, die Schlichtheit und der Zusammenklang von Farbstimmungen und Formen faszinieren gleichermaßen. "Ein wahrer Sog geht von den einfachen Farbmustern aus [...]" (2)

Scullys früheste druckgraphische Arbeit stammt aus dem Jahr 1968. Ab 1985 arbeitet er mit Weichgrund und Zuckertusche. Diese Techniken erlauben verschwimmende Ränder und feinere Umrisse. Mit einem Pinsel trägt er die Säure direkt auf die Platte auf, um den Effekt von lavierter Tusche zu erzielen. Für die gebrochenen Hintergründe nutzt er Aquatinta. Am Holzschnitt interessiert ihn das "außerordentlich Körperliche“. Einige wenige Farblithographien entstehen. Sein Hauptinteresse gilt jedoch der Radierung und all ihren Möglichkeiten.

Sean Scullys Arbeiten sind unverwechselbar. "Im landläufigen Sinne würde man sagen, er male abstrakt. Jedenfalls sieht man auf seinen Bildern keine gegenständlichen Motive, wohl aber ebenso einfache wie unverwechselbare Formen. Der Wiedererkennungswert seiner Kompositionen ist daher sehr groß. Ihr prägnanter Charakter und ihre unübersehbare Eigenständigkeit fallen unmittelbar auf, und dennoch weisen seine Werke vielfältige Bezüge zur Geschichte der Malerei. [...] Er verbindet in seinem Oeuvre europäische Bildtraditionen mit ästhetischen Erfahrungen, die ihre Wurzeln in Amerika bzw. in New York haben." (3)

1945 in Dublin geboren, zieht die Familie 1949 aus wirtschaftlichen Gründen nach London. Scully selbst bezeichnet seine Kindheit und Jugend als eine Zeit extremer Anspannung. "Das Arbeiterviertel im Süden von London, in dem ich aufwuchs, war einer der demoralisierendsten und deprimierendsten Orte, die man sich vorstellen kann." Von 1960-1962 absolviert er eine Ausbildung als Drucker. Von 1965-1968 besucht er das Croyden College of Art in London und anschließend von 1968-1972 die Kunstabteilung der Universität von Newcastle. Der Einfluss der Op-Art ist in dieser Phase nicht zu übersehen.

Hatte man sich in den 50er Jahren nach Paris orientiert, war seit den 60er Jahren New York das Ziel vieler europäischer Künstler. Dank eines Stipendiums studiert Scully von 1972-1973 an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Ab 1973 unterrichtet er an der Chelsea School of Art und lässt sich 1975 in New York nieder ohne London ganz aufzugeben. Er pendelt zwischen der Alten und der Neuen Welt, unterrichtet hier wie dort. Seine erste Einzelausstellung hat er 1973 in der Londoner Rowan Gallery, die komplett ausverkauft wird, seine erste Einzelausstellung in New York folgt 1977. In den Jahren danach entstehen meist graue oder schwarze, fast monochrome Arbeiten.

Das intellektuelle Klima New Yorks, die Begegnung mit dem "entsagungsvollen Minimalismus" von Robert Ryman, dem poetischen Minimalismus von Agnes Martin, den puristischen, monochromatischen Arbeiten von Ad Reinhardt, den in einander verschwimmenden, monochromen von Marc Rothko, machen Scully den enormen Einfluss der Minimal Art bewusst und lassen seinen Wunsch nach Veränderung reifen.

"Ich wollte mit meinen Bildern den Minimalismus mitsamt einer unterdrückenden Nüchternheit zerschlagen." Was sich verbal ankündigt, äußert sich in der sukzessiven Auflösung klarer, scharfer Konturen. Die "Grenzen" verschwimmen, werden in Nuancen verwischt, lösen sich aber nicht ganz auf. Die Geometrie dominiert nicht mehr so sehr.

Sean Scully setzt Flächen miteinander in Beziehung. Es gibt einen ganz offensichtlichen Eindruck von Horizontalität und Vertikalität. Es sind die Zwischenräume, die Beziehungen zwischen den Dingen, auch zwischen Menschen, die ihn interessieren. "Meine Bilder erzählen von Beziehungen. Wie Körper zusammenkommen, wie sie sich berühren, sich trennen. Wie sie zusammenleben, in Harmonie oder in Disharmonie. Der Charakter dieser Körper verändert sich ständig in meiner Arbeit, abhängig von der Farbe, von der Undurchlässigkeit und Transparenz der Oberfläche. Das alles verleiht ihnen ihre Eigenart, ihr Wesen. Der Rand definiert die Beziehung zum benachbarten Körper, er setzt sie in einen Kontext. Meine Bilder wollen Geschichten erzählen, die ein abstraktes Gegenstück zu dem Auf und Ab menschlicher Beziehungen sind. [...] Anstatt eine Beziehung zu malen, male ich [...] Felder und setze sie zusammen." (4)

Vertraute, einfache Muster wie Streifen und klare Schachbrettmuster begegnen einem in Scullys graphischen Oeuvre. Auffällig ist nicht nur die Variationsvielfalt des einfachen Bildaufbaus, sondern auch die Beziehung zu frühen handwerklichen Techniken und Kulturen und Scullys Begeisterung für diese: die Streifen marokkanischer Teppiche, Scullys Verehrung für den Dom von Siena mit seinem grünweißen Steinwechsel, sein großes Interesse an präkolumbianischen Kulturen. "Die Einladungskarte zu einer New Yorker Ausstellung im Jahr 1999 macht das anschaulich. Auf ihr sind ein Detail eines präkolumbianischen Zerimonialgewandes aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten und der Ausschnitt eines Gemäldes von Scully unmittelbar nebeneinander abgebildet, so dass die Unterschiede kaum ins Auge fallen." (5) Jedoch: "[ ...] auch wenn wir versuchen sollten – an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten – dasselbe zu tun, es ist unmöglich. Ganz gleich wie universell ein Motiv auch ist, es hat, wenn wir es aufgreifen, seine Wurzeln in unserer Zeit und in unserer Welt." (Sean Scully) (6)

Die Farbwahl ist für Scully äußerst wichtig, da die Farben einen großen Teil der emotionalen Wirkung erzeugen. Schwarz ist stark präsent. Grau kommt in wärmeren bis kühleren Abstufungen bis hin zur Weißaufhellung vor. Oft herrschen dunkle Farben und erdige Töne vor, gebrochene, verhalten schimmernde Farbtöne. Viele der weißen, cremigen, grauen, und blaugrauen, braungrauen Farben drücken sein Verhältnis zum Himmel aus. Warme Farben, Orangerot, lichtes Blau, zarte Blaugrüntöne, ein warmes dunkles Rot, Olivgrün, sattes Gelbocker. Den Charakter, die Stimmung der Bilder verändert Scully durch die Wahl und Zuordnung der verschiedenen Farbwerte.

Scullys Werk entzieht sich schnell einer einfachen Interpretation. Das scheinbar so Einfache erweist sich als komplex. Titel können Schlüssel zum Verständnis sein. "Deshalb ist es wichtig für mich, dass sie (meine Bilder) Titel haben. Die Titel sollen zwar keine beherrschende Rolle spielen, aber ein Gefühl dafür vermitteln, wie sich ein Bild von einem anderen unterscheidet oder aufgrund seines Titels im Gedächtnis haften bleibt." (7) Einige auch in der Ausstellung gezeigten Arbeiten tragen im Titel die Bezeichnung "Mirror“. "Meine Spiegelbilder, wie alle meine Bilder, zeigen das reflektierte Selbst. Welche Seite aber das Selbst ist und welche die Spiegelung des Selbst, darin liegt das Mysterium des Werks." (8) "Ordnung und Chaos sind kreativ und in derselben Person vereint. Es ist ein Beispiel für das geteilte Selbst." (9)

Die unscharf wirkenden Bildstrukturen verlangen immer mehr danach, genauer hinzusehen, zu differenzieren, sich intensiver mit der Darstellung zu beschäftigen. Die Bilder erweisen sich als überaus fein nuancierte und komplexe "Farb-Form-Gefüge“.

Sean Scully lebt und arbeitet in New York, Barcelona und in der Nähe von München.
(Mona Fossen, Köln April 2013)

(1) Sean Scully zit. n:. Interview mit Julia Klüster in: Sean Scully, Prints, Catalogue Raisonné 1968 – 1999, S. 144
(2) Jürgen Habermas, Eine zur Tradition gewordene Moderne, Glossen und Assoziationen; Ausstellungskatalog: Sean Scully, Sara Hildén Kunstmuseum 13.9.2003-15.2.2004, Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen 13.3.-31.5.2004, S. 67
(3) Ausstellungskatalog: Sean Scully, Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Fotografien 1990-2000, Richter Verlag Düsseldorf 2001, Vorwort S. 7
(4) Sean Scully zit. n.: Ausstellungskatalog: Konstantinopel oder Die versteckte Sinnlichkeit. Die Bilderwelt von Sean Scully, Prestel Verlag München, Berlin, London, New York 2009, S. 19
(5) Ausstellungskatalog: Sean Scully, Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Fotografien 1990-2000, Richter Verlag Düsseldorf 2001, S. 71
(6) ebd.
(7) Hans-Michael Herzog. Die Schönheit des Realen. Gespräch mit Sean Scully, in: Sean Scully.The Catherine Paintings, Kunsthalle Bielefeld, 1995, S. 45 ff
(8) ebd. S. 167
(9) ebd. S. 167

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