23 März 2013 – 11 Mai 2013
Eröffnung: Freitag, 22 März 2013, 19-21 Uhr
Was macht der Hund hinter dem Vorhang? Wundern sich die zahlreichen Freunde und Sammler des
Künstlers Stephan Balkenhol, der seit 1988 in der Galerie Rüdiger Schöttle ausstellt und bisher immer
klassische Einladungsmotive seiner skulpturalen Werke wählte. Der Sinn erschließt sich, betrachtet
man die Ausstellung im Erdgeschoss der Galerie. Drei Skulpturen und sieben Zeichnungen werden hier
präsentiert. Im zentralen Hintergrund, auf einem runden Tisch ähnlichen Sockel, steht die größte
Skulptur, Femme burlesque, in aufreizender Pose ihre Nacktheit zur Schau stellend, Haupt- und
Schamhaar in der lila Farbe des Feminismus akzentuiert. Dem gegenüber stehen zwei kleinere
männliche Figuren am Eingang des Raumes. Ein Mann mit roter Jacke und entblößtem Unterkörper,
der sich schamhaft die Hand vors Gesicht hält. Er steht vor dem Hintergrund eines mit prähistorisch
anmutender Malerei versehenen Reliefs, das einen Krieger auf einem Wagen zeigt (1) , als Nacktheit noch
als etwas 'Normales' und als Attribut des Helden galt. Die dritte Skulptur, eine frei stehende Stele mit
kleiner männlicher Figur darauf, ist von Kopf bis Fuß in einen schlichten grauen Anzug gesteckt. Den
Kragen hält der Mann mit der Hand fest verschlossen. Umgeben wird dieses skulpturale Wechselspiel
aus nackter Zurschaustellung und verklemmter Hochgeschlossenheit von zwei seitlich platzierten
Gruppen von drei respektive vier Zeichnungen. Die dargestellten Männer und und Frauen wirken wie
Betrachter der Szene und variieren im Ausdruck zwischen leichter Verblüffung, Skepsis, entspanntem
Desinteresse oder Nachdenklichkeit.
Einmal mehr ist es Stephan Balkenhol gelungen, aus mehreren individuellen skulpturalen und
zeichnerischen Einzelwerken ein in sich stimmiges Ensemble zu gestalten, das sich subtil dem Thema
Ent- und Verhüllung und deren Rezeption in der Gesellschaft widmet.
Der in Hamburg bei Ulrich Rückriem studierte Bildhauer widmet sich seit den 1980er Jahren der
figürlichen Skulptur. Im Zentrum von Stephan Balkenhols Motivwelt stehen der Mensch, Tiere und
phantasievolle Hybridwesen. Immer wieder variiert der Künstler die Körper von Männern und Frauen,
zeigt sie häufig in neutraler Kleidung und ruhiger Gestik, manchmal aber auch ausgefallen inszeniert
und mit unerwarteten Attributen ausgestattet. Obwohl keine Figur der anderen gleicht, erscheinen ihre
Gesichter in ihrem Ausdruck rätselhaft typisiert, über dem Individuellen stehend, bewegt und still
zugleich. Sie verweisen auf keine bestimmten Persönlichkeiten, illustrieren nicht und erzählen keine
Geschichten. Ihre Deutung soll offen bleiben. Sie wirken zeitlos modern und zeigen sich unbeeindruckt
vom hektischen Drang zum ständig Neuen und Spektakulären um sie herum. Kaum ein anderer
zeitgenössischer Bildhauer findet ein modellhafteres Abbild des modernen Menschen.
Dieser Ausdruck steht in einem gewissen Widerspruch zu der von Splittern, Kerben und Fugen
übersäten Oberfläche, die von einem expressionistischen Schaffensprozess zeugt: die Figuren werden
mit Motorsäge und traditionellen Holzwerkzeugen grob aus dem Holz gesägt, gehauen und geschnitzt.
Gerade diese scheinbare Diskrepanz verleiht den Skulpturen und Reliefs ihre Faszination und macht
sie so unverwechselbar.
Neben kleinformatigen Holzskulpturen und Wandreliefs für den Innenraum nehmen die Arbeiten für den
öffentlichen Raum im Schaffen Stephan Balkenhols eine hohe Stellung ein. So wird im Mai 2013 in
Leipzig das neue Richard-Wagner Denkmal, gestaltet von Stephan Balkenhol, eingeweiht. 2012
bespielte Stephan Balkenhol mit seinen Werken die Kasseler Kirche Sankt Elisabeth.
Stephan Balkenhol (*1957) lebt und arbeitet in Meisenthal, Frankreich, und in Karlsruhe, wo er seit
1992 eine Professur für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste inne hat.
(1) Frei nach einer prähistorischen Höhlenmalerei im heutigen Libyen, Tadrart Acacus, 12.000 v. Chr. - 100 n. Chr.
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Stephan Balkenhol’s roughly carved, coloured wooden sculptures are unmistakable and world renowned. His world of motifs revolves mainly around the human being, but it is also populated by animals and fantastic hybrid creatures. Men and women are shown in constant variations, often dressed in nondescript clothing and hardly gesturing, but sometimes in surprising postures and with unexpected attributes. While no two figures are the same, the expressions on their faces, at once unmoved and moving, have a typically enigmatic quality that reaches beyond the individual. They make no reference to any specific persons, they do not illustrate anything and narrate no stories. They are freely open to interpretation. Seemingly modern in outlook, they are unimpressed by the hectic hustle and bustle around them, with its constant demands for new and spectacular sensations. Hardly any other sculptor of our time is able to depict the modern human being more exemplarily than Stephan Balkenhol.
The facial expressions of his sculptures seem to contradict the splinters, notches and cracks that cover their entire surfaces and testify to the artist’s expressionist style of sculpture: the figures are roughly sawn, hewn and carved out of massive tree trunks with a chainsaw and other traditional carpenter’s tools. It is precisely this apparent discrepancy that makes his sculptures and reliefs so fascinating and unmistakable.
While he also produces relatively small wooden sculptures and wall reliefs for presentation indoors, Stephan Balkenhol’s mainstay are his sculptures for display in public spaces. One example is the new Richard Wagner Memorial, created by Stephan Balkenhol, which will be unveiled in Leipzig in May 2012. Another is the artist’s large-scale presentation at the Church of Saint Elizabeth in Kassel in 2012.
Stephan Balkenhol (*1957) lives and works in Meisenthal, France, and in Karlsruhe, where he has been professor of sculpture at the State Academy of Fine Arts since 1992. He has been exhibiting regularly at the Rüdiger Schöttle Gallery since 1988.
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