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Liam Gillick / Siggi Hofer / Stefan Sandner: Schrift Bild    Jan 17 - Feb 25, 2012

Exhibition view - Stefan Sandner / Siggi Hofer
Exhibition view - Stefan Sandner / Siggi Hofer, 2012
 
  
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Schrift Bild
Liam Gillick / Siggi Hofer / Stefan Sandner

Eröffnung: Dienstag, 17. Jänner, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 18. 1.– 25. 2. 2012

Die Hereinnahme von Text in die Collagen der Kubisten hatte eine Tendenz zur Annäherung von bildender Kunst und Literatur zur Folge und führte zur Herausbildung symptomatischer Mischformen: Idéogrammes lyriques von Guillaume Apollinaire, Merz-Collagen, Alphabet-Texte von Kurt Schwitters, Konkrete Poesie und letztendlich wurden die Collagierungen Jiøí Koláø's zu unentschlüsselbaren Bildern aus Sprachpartikeln.
Bilder sind nicht mehr nur als zweidimensionale künstlerische Werke zu verstehen, sondern unterliegen einer Prozessualität. Künstler konzentrieren sich auf die materiellen Qualitäten von Sprache und beziehen sich explizit auf eine spezifische Geschichte von Gedicht/Objekten und Sprachexperimenten.
Die Ausstellung SCHRIFT BILD versucht anhand dreier signifikanter Positionen – Liam Gillick, Siggi Hofer und Stefan Sandner – ein Update der künstlerischen Möglichkeiten, die in einer Verbindung von bildender Kunst und Sprache begründet liegen. Viele Künstler, beginnend mit den Kubisten, befürchteten in einer gegenstandslosen Moderne, der gänzlichen Aufgabe des Gegenstandes und damit des Begriffes, einen Verlust des Realitätsbezuges und damit der Diskursivität des Bildes.
Erst die Text-Bilder Cy Twomblys eröffneten richtungsweisende Wege aus dem Dilemma einer potenziell strukturellen Bedeutungsarmut des gegenstandslosen Bildes. Die entscheidende Innovation von Twomblys piktorialem Nominalismus lag darin, dass er sich weder in formalen Experimenten noch in den Kategorien der Analogie (mimesis, representation, likeness) erschöpfte, sondern dass er sich im Feld des "Performativen" bewegt. In seinen Graphismen vollzieht er eine nachhaltige linguistische Transformation, bei der Referenz zugunsten von Aktion aufgegeben wird: "I mark you, I name you, I call you 'painting'."

Einen Schritt weiter geht Liam Gillick, der oft als rein konzeptueller Künstler wahrgenommen wird, dessen eigentliche Bedeutung aber Nicolas Bourriaud in einer Wiederentdeckung des Realen sieht. Indem er exakt wiedergibt, was er wahrnimmt, versucht er eine präzise Topologie des Kapitals zu erstellen.
Die in der Galerie Meyer Kainer quasi ortlos hängenden Texte aus Aluminiumguss – allesamt vorgefundenen Typologien der Alltagswelt entlehnt – beziehen sich auf divergierende soziale Modelle und historisch-utopische Ideale. Im Jahr 2000 nahm Gillick an einem Wettbewerb zur Neugestaltung des Stadtplatzes von Kalmar in Schweden teil, der Stadt in der Volvo 1960 mit einigem Stolz seinen sozialistischen Versuch einer Autoproduktion in Arbeitsgruppen der üblichen Fließbandproduktion entgegensetzte. Obwohl die Fabrik zum Zeitpunkt als Gillick sie besuchte, bereits geschlossen war, nahmen hier seine Spekulationen darüber, was passieren hätte können, nachdem das Experiment endgültig gescheitert war, ihren Ausgangspunkt. Sein Projekt verfolgte eine hypothetische Gruppe von Ex-Fabriksarbeitern, die an ihre stillgelegte Arbeitsstätte zurückkehren um neue Betriebsweisen zu implementieren, indem sie überflüssig gewordene Fabriksbeschilderungen als Basis einer Produktion von neuen, immateriellen Produkten nutzen. Der Text der hängenden Skulptur THE DAY BEFORE THE CLOSURE OF AN EXPERIMENTAL FACTORY ist eine Zeile aus dieser Story. Die Geschichte nimmt hier ihren Anfang und wie alle guten Experimente wird sie von den Bedingungen mitgeformt unter denen sie präsentiert wird. Gillick ist sich der physischen Präsenz des Besuchers sehr bewusst (Relational Art) und macht geltend: "There is no The idea, there are maybe 20,000 ideas flickering between the illusion of the present and the illusion of the past."

Siggi Hofer könnte als ein zeichnender Baumeister beschrieben werden, der sein Hauptmedium Zeichnung in Skulpturen und Installationen durch die Einfügung von Text permanent in die dritte Dimension ausweitet. Es scheint, als würde er sich in seinen Kunstwerken aus einem selbst geschaffenen virtuellen Baukastensystem bedienen: Er fügt Monade an Monade, Stein an Stein, Buchstaben an Buchstaben. Lettern tauchen in seinen Werken auf unzählige Weise auf, seien es Sätze, Worte, emotionale Statements oder physisch als blockartige Figuren, die sich im Raum verteilen. Auf der Basis von sozialen, rechtlichen und politischen Regeln versucht Siggi Hofer äussere Zwänge und Moralvorstellungen in Beziehung zu den Verhaltensparametern des Individuums und seinen emanzipatorischen Ansprüchen zu setzen.
Auch wenn Schrift als einziges Element exklusiv auf dem Bild figuriert, bewahrt sie bei Hofer etwas Fremdes, eine permanente Autonomie. Genau in dieser Distanz liegt aber das irritierende Moment, das für seine prekären Aussagen konstitutiv ist.

Stefan Sandner analysiert die komplexen Problemstellungen, die sich in einer Abstraktion nach der Abstraktion ergeben, methodisch. In den neuen Arbeiten, in denen Fragmente handschriftlicher Aufzeichnungen (wie Tagebuchnotizen, anonyme Bierdeckelkritzeleien, private Notizen, postalische Mitteilungen u. ä.) als Malerei auf die Leinwand gebracht werden, beschäftigen Sandner Verweise auf die Formensprache des medialen Alltags. Schrift wird hier nicht wie in der Konzeptkunst quasi als Waffe gegen das abstrakte Bild eingesetzt, sondern sie erzeugt, wie die Bilder selbst eine Distanz und verweist in Richtung einer außerkünstlerischen Welt, in der sie jenseits ihrer Funktion wiederum bildnerische Eindrücke als Malerei repräsentiert. Die widersprüchlichen Referenzen führen dabei nicht zu einer Ästhetik der Indifferenz, im Gegenteil: In den Arbeiten lassen sich immer wieder Hinweise darauf lesen, dass die Verhältnisse zwischen der Kunst und ihren Kontexten variabel und dennoch bestimmbar sind. Versteckte Lesevarianten eröffnen dann die Möglichkeit ganze Erfahrungsräume in ihnen zu entdecken.
Martin Prinzhorn schreibt: "Der Künstler referiert immer auf ein Wissen um das Medium, aber dadurch, dass er dieses Wissen nicht einfach weiterführt, sondern in der Erinnerung analysiert und dabei auch mit allen möglichen Dingen außerhalb der Malerei vergleicht, ist sein Bezug auf das Medium kein eindeutiger und lässt Platz für andere Erinnerungen frei."

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