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Bernard Schultze: Farbendschungel im Großformat (KUNST-DEPOT)    May 18, 2013 - Feb 22, 2014

Auch ein heiliger Antonius
Bernard Schultze
Auch ein heiliger Antonius, 1999
 
Ein Migof der Frühzeit
Bernard Schultze
Ein Migof der Frühzeit, 1995
 
Vorgänge im Lichtkegel
Bernard Schultze
Vorgänge im Lichtkegel, 1997
 
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Bernard Schultze
Farbendschungel im Großformat

18. Mai bis 22. Februar 2014
Eröffnung: Samstag 18. Mai 2013, 14-18 Uhr

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Die Galerie Henze & Ketterer zeigt in der Ausstellung Farbendschungel im Grossformat im Obergeschoss des Kunst-Depots eine Auswahl grossformartiger Werke von Bernard Schultze aus den 90er Jahren. Es handelt sich bei diesen Arbeiten um Zwischenwelten, in denen Abstraktion und Figuration zusammenfallen.

Farbendschungel im Grossformat

Der Untertitel mag befremden, hat jedoch einen guten Grund sowohl bezüglich der Geschichte des Werkes von Bernard Schultze wie auch bezüglich dieser Ausstellung selbst. Bernard Schultze hatte, als er 75 wurde, sogar die geradezu das Schicksal herausfordernde Idee, jetzt seine Ausstellung zum 80sten zu malen. Jeder andere wäre froh über eine umfassende und gelungene Retrospektive, er aber malte seine Jubiläums-Ausstellung und das auch noch in neuen übergrossen Dimensionen. Hieraus entstand die Ausstellung „Das Grosse Format“ mit ebenso opulentem Katalogbuch, welche 1994 und 1995 im Museum Ludwig in Köln und dann in weiteren Museen Europas gezeigt wurde. „Das grosse Format“ ist für jeden Maler eine besondere Herausforderung, hat, wenn diese bewältigt wurde, jedoch in der Moderne bisweilen erfolgreiche Rezeptionsgeschichte geschrieben, so bei den amerikanischen abstrakten Expressionisten der 50er Jahre des 20. Jhs. Die Kraft ihrer Grossformate war überwältigend, so wie die derjenigen von Bernard Schultze, welche 1990 bis 1994 entstanden, manchmal als Triptychen ein Format von 260 x 600 cm erreichend. Nur eines von solchen Dimensionen können wir zeigen, das Diptychon „Windhimmel“ von 1990, jedoch weitere vierzehn „Zweimeterbilder“ aus der Sammlung der Galerie, die wir endlich einmal in dem dafür prädestinierten hohen und weiten Ausstellungsraum des KUNST-DEPOT zeigen wollten.

Bernard Schultze wurde am 31. Mai 1915 in Schneidemühl (heute Pila, Polen) geboren. Nach dem Abitur 1934 in Berlin studierte er bis 1939 dort an der Kunstschule für Kunsterziehung und an der Akademie Düsseldorf und war 1939 bis 1944 als Soldat in Russland und in Afrika. Beim Angriff auf Berlin verbrannten sämtliche bis dahin entstandenen Arbeiten. Dagegen konnte er durch einen Zufall (?) Walther Kirchner in Berlin helfen, Arbeiten des Bruders Ernst Ludwig vor den Bomben zu retten, wie er des öfteren erzählte. 1945 bis 1947 lebte er mit den Eltern in Flensburg und zieht mit diesen 1947 nach Frankfurt am Main, wo er 1949 seine Frau Ursula (Schultze-Bluhm) als Leiterin der Kulturabteilung des dortigen Amerika-Hauses kennen lernt, mit der er bis zu Ihrem Tod 1999 in einem Atelier zusammenarbeiten wird.

Bernard Schultze erlebte den Niedergang und Zusammenbruch Mitteleuropas hautnah in seinem prägenden dritten Lebensjahrzehnt. Er hatte zuvor einige sterile gleichgeschaltete Akademiejahre in Berlin und Düsseldorf absolviert. Seine Antwort auf das Kriegserlebnis und das seit 1948 wieder möglich erscheinende Menetekel eines dritten Weltmordens war die übliche seiner Generation, nämlich die Hinwendung zur Abstraktion in einem Tachismus und Informel eigener Prägung von vexierbildhaften Überlagerungen. Er wurde zu einem der Protagonisten der ab 1948 in der ganzen Welt sich rasant ausbreitenden Abstraktion, spezieller: des Informel. 1952 gründete er gemeinsam mit Karl-Otto Götz, Heinz Kreutz und Otto Greis in der legendären Frankfurter „Zimmergalerie“ von Klaus Franck die „Quadriga“. Ursula und er lebten und arbeiteten jedoch seit 1968 in Köln, wo er am 14. April 2005 starb. Beide waren auch immer wieder in Paris, wo sie lange Jahre ein Atelier hatten.

Das figurativ-gegenständliche Gestalten verliess Bernard Schultze um 1948, „Figur“ blieb ihm jedoch immer erhalten. Das zeigt vor allem die Zeichnung, die uns immer schon die hinter der Malerei liegenden Strukturen deutlich machte. „Figur“ drängt aber unweigerlich in die Dreidimensionalität, zunächst über die Collage in das Relief. Das ermöglichte es Schultze 1961, mit seinen bearbeiteten Schaufensterpuppen, den „Migofs“, auf den „Nouveau Réalisme“ künstlerisch zu reagieren. Als der weltoffene pictor doctus, der auch dichtete, schuf er zwar ein Werk von ganz ähnlicher Konsequenz und Koherenz wie z. B. Emil Schumacher, K. O. Götz oder Pierre Soulages, durch seine ungegenständliche „Figur“, die immer in dem Augenblick wieder flüchtig sich auflöst, wenn man ihrer visuell habhaft zu werden glaubt, gelang es Schultze aber, sich doch mit der Zeit und ihrem wechselnden Geist in seinem Werk auseinanderzusetzen. Das ist das besondere seiner Kunst, bis unmittelbar vor seinem Tod ungebrochen und äusserst produktiv, besonders in den letzten Zeichnungen und Aquarellen erkennbar.

So malt und zeichnet in unendliche Bildlandschaften, in denen wir lesen und mit den Augen wandern können. Ständig erkennen wir etwas. Doch bevor es ganz fassbar zu werden scheint, verkehrt es sich ins Gegenteil. Das Vorn und das Hinten, das Hell und das Dunkel, die Form und die Auflösung und ebenso jede Farbe sind bei ihm ambivalent. Groteskes führt er uns vor Augen, das einerseits den Verwesungen der Schlachtfelder des ersten Weltkrieges eines Otto Dix, den Reisen in das Selbst eines James Ensor sowie in die Abgründe der Seele eines Alfred Kubin verpflichtet ist und andererseits in das so Heitere der Fresken Tiepolos und in die Leichtigkeit eines Fragonard verweist. So malt er denn seinen „Windhimmel“ von 1990 wie ein spätbarockes Deckengemälde. Diese Leichtigkeit wird aber – genauso wie gegenständlich und formal - schon in seinen Titeln immer wieder sibyllinisch in Frage gestellt wie in „Ein Wispern des gestürzten Hercules“ desselben Jahres, in dem sich dunkle Gebilde in die Tiepolo-Farbigkeit schieben.

Diese Farbenwelt einer hellen, warmen Sonne beginnt 1989 in „Profil des Narren“, wird 1990 in „Innenseite der Welt“ unendlich leicht, kehrt, sich bräunend, 1995 wieder zu „Ein Migof der Frühzeit“ tatsächlich zurück. „Eine kopflose Szene“, „Eingang zum Orkus“ und „Vorgänge im Lichtkegel“ von 1996 und 1997 liegen in einem blauen, eher nächtlichen Licht, in „Halluzination“ und „Luzifers Sturz“ von 1997 und 1999 brechen dagegen die Farben wieder in allen Kontrasten expressiv hervor. Den Abschluss unserer Ausstellung bildet eine Grisaille „Auch ein heiliger Antonius“ von 1999. Wie schon in den frühen Grisaillen der Renaissance tritt auch in denen Schultzes die Zeichnung, das Relief in voller Plastizität hervor, das Skulpturale seines Formdenkens bekennt sich ohne farbige Hülle, das Ende von Allem in Entropie, in der wohl auch die langen „Untersuchungsreihen“ von Form und Farbe bei Schultze ihr unweigerliches Ende finden.

1990 zeigten wir noch in Campione d’Italia eine Retrospektive von Bernard Schultze mit Katalog und 1998 in Wichtrach/Bern eine Doppelausstellung gemeinsam mit dem Werk von Ursula. Diesmal ist unsere Ausstellung einer Besonderheit des Werkes von Schultze und einem ganz besonderen Raum gewidmet, unserem KUNST-DEPOT, 2004 von Gigon und Guyer, Zürich, erbaut und seitdem zu einem der meistpublizierten Architekturen des neuen Jahrhunderts avanciert.

Wolfgang Henze

Text zur 101. Ausstellung in der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

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BERNARD SCHULTZE
A jungle of colours in large format

May 18, 2013 - February 22, 2014

While the subtitle of this exhibition may seem strange, it has been selected with good reason on two accounts: firstly in consequence of the actual history of the oeuvre of the artist Bernard Schultze and, secondly, on account of the historical circumstances surrounding the exhibition itself. When Bernard Schultze reached the age of 75, he bravely looked fate in the face and decided to start painting for his 80th birthday exhibition. While anybody else would have been happy with a comprehensive and successful retrospective, Bernard Schultze was already thinking ahead to his jubilee exhibition and painting works of entirely new and oversized dimensions. The resulting exhibition, "The Large Format", was shown at the Museum Ludwig in Cologne in 1994 and 1995 and then at other museums in Europe and was accompanied by an equally voluminous catalogue. While the "large format" is a special challenge for any painter, it can meanwhile look back upon a particularly successful history of reception, not least in classical modernism, typical examples being the works of the American Abstract Expressionists of the 1950s. Their large-format paintings were nothing short of overwhelming, as were those of Bernard Schultze painted between the years of 1990 and 1994, sometimes reaching, as A jutriptychs, the enormous dimensions of 2.6 x 6 metres. Only one such painting - the diptych "Windy Sky" of 1990 - can be shown in the forthcoming exhibition, but it will be accompanied by a further fourteen "two metre paintings" from the gallery's collection. Indeed, the high and vast exhibition room of the KUNST-DEPOT would seem to have been made specially for this exhibition.

Bernard Schultze was born in Schneidemühl/Pomerania (now Pila/Poland) on 31st May 1915. After completing his secondary education in Berlin in 1934 he studied at the State Art Teachers College in Berlin and at Düsseldorf Art Academy and then served as a soldier in Russia and Africa from 1939 until 1944. While the war over Berlin cost Schultze all the works he had hitherto produced, he was able to help - by what was perhaps a stroke of fortune - Walther Kirchner to rescue the works of his brother, Ernst Ludwig, from the Allied bombs that were being dropped on Berlin, a story that Bernard Schultze often related later. From 1945 until 1947 he lived with his parents in Flensburg before moving with them to Frankfurt/Main, where in 1947 he met his future wife Ursula (Schultze-Bluhm), who at that time was the head of the cultural department of the Amerika Haus in Frankfurt. They were to work together in the same studio right up until her death in 1999.

Bernard Schultze experienced the decline and collapse of Central Europe at close quarters in his thirties, the defining age for most artists. He had spent several sterile, line-toeing years at the art academies in Berlin and Düsseldorf. His response to the war years and the new threat of mass destruction that marked the Cold War after 1948 was no different than that of other artists of his generation, namely a turning towards abstraction in the style of Tachism and Art Informel, which in his case was marked by a characteristically cryptic complexity. He became one of the most important exponents of abstraction - or, more precisely, Art Informel - which had been spreading rapidly across the world since 1948. In 1952, together with Karl-Otto Götz, Heinz Kreutz and Otto Greis, he founded the legendary artist's group "Quadriga", which had its first exhibition in Klaus Franck's equally legendary "Zimmergalerie" in Frankfurt. From 1968 onwards, Ursula and he lived and worked in Cologne, where he died on 14th April 2005. Paris, too, had also been a frequent place of sojourn and for many years they had their own studio there.

Although the figurative and representational were largely ousted by abstraction in 1948, the "figure" remained Bernard Schultze's theme right up until his death. This is manifest above all in his drawing, which always furnished the underlying structures for his paintings. But the "figure" inevitably made its way into his three-dimensional work, too, first into his collages and then into his reliefs. It was this figurative aspect of his work that enabled him to formulate an artistic response to Nouveau Réalisme in 1961 with his "Migofs", the shop window dummies he metamophosed to the point of abstraction. While this open-minded pictor doctus, who was also a poet, created an oeuvre of a consistency and coherence that matched the works of, say, Emil Schumacher, K.O. Götz and Pierre Soulages and was characterized not least by this abstract "figure" that seemed to vanish the very moment one thought one had captured it visually, Bernard Schultze was able to react uncompromisingly to his time and its changing taste and spirit. That is what was so special about this artist, who right up until just before his death was constantly and highly productive, a fact manifest not least in his last drawings and watercolours.

Bernard Schultze draws and paints endless landscapes in the same manner, landscapes in which we must let our eyes roam and search for meaning. While we see things we think we recognize, they always turn into the opposite just before they are about to take on tangible form. Front and rear, light and dark, form and non-form, this or that colour - all are ambivalent. The grotesqueness his paintings seem to convey might on the one hand remind us of the horrifically ravaged battlefields of the First World War as documented by Otto Dix, or of James Ensor's journeys into the self, or of Alfred Kubin's explorations of the hidden depths of the soul, but on the other hand we might also recognize the exhilaration and merriment of a Tiepolo fresco or the lightness of a Fragonard. Thus his "Windy Sky" of 1990 is reminiscent of a Rococo ceiling painting, while its lightness - whether of content or form - is already called in question through the enigmatic title, as in another painting of the same year, "A Whispering Around the Fallen Hercules", in which dark shapes seem to be invading the Tiepoloesque colourfulness.

This bright, sunny, warm world of colours begins in Schultze's "Fool's Profile" of 1989, then acquires an infinite lightness in "The Inside of the World" of 1990 before returning in 1995, somewhat bronzed, to a "A Migof of Earlier Days". "A Headless Scene", "Entrance to the Orcus" and "Happenings in the Light Cone" of 1996 and 1997 are bathed in a blue, almost nocturnal light, while in "Hallucination" and "Lucifer's Fall" of 1997 and 1999 colour breaks out again expressively in every imaginable contrast. Rounding off the exhibition is the grisaille "A Saint Anthony, Too". Like the early grisailles of the Renaissance, those of Bernard Schultze's manifest a draughtsmanship marked by extreme plasticity, its pure sculpturality waiving all need for colour. And it is here, in the ultimate entropy, that Schultze's unending experimentation with form and colour comes to its inevitable end.

In 1990, while still in Campione d'Italia, the Henze & Ketterer Gallery mounted a retrospective exhibition of Bernard Schultze's works, accompanied by a catalogue, and in 1998, in Wichtrach/Bern, a joint exhibition showing the works of both Bernard and Ursula Schultze. The forthcoming exhibition will pay homage to a special aspect of Schultze's oeuvre in an aptly special exhibition space, our KUNST-DEPOT, designed and built by Gigon and Guyer, Zürich, in 2004, and today one of the most widely acclaimed works of architecture of the 21st century.

Wolfgang Henze

Text accompanying Exhibition No. 101 at the Henze & Ketterer Gallery, Wichtrach/Bern.

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