Galerie Henze & Ketterer Home Artists Exhibitions Art Fairs Inventory Gallery Info

 Back To Past Exhibitions   

Baselitz - Kirchner (G I Galeriehaus)    Nov 28, 2009 - Feb 27, 2010

Maler im Mantel - zwei Streifen (Remix)
Georg Baselitz
Maler im Mantel - zwei Streifen (Remix), 2008
 
Ohne Titel
Georg Baselitz
Ohne Titel, 1990
 
Ohne Titel
Georg Baselitz
Ohne Titel, 1990
 
Ohne Titel (Hände). 6.X.84.
Georg Baselitz
Ohne Titel (Hände). 6.X.84., 1984
 
Ohne Titel, 23. XI 2007
Georg Baselitz
Ohne Titel, 23. XI 2007, 2007
 
Ohne Titel. 12.IX.86
Georg Baselitz
Ohne Titel. 12.IX.86, 1986
 
View :    Past Exhibitions      
Page:  1 of 3      1  2  3   Next Next       
 
G I Galeriehaus

Baselitz - Kirchner
Ihre Arbeiten auf Papier - Eine Gegenüberstellung

28. November 2009 bis 27. Februar 2010

In eben dem Jahr, 1938, in welchem Kirchner in Davos aus dem Leben schied – nicht zuletzt, weil die Politik ihn und damit auch seine Kunst wieder einmal existentiell bedrohte – wurde Baselitz in das lebens- und kunstbedrohende Deutschland geboren und zwar im östlichen Teil, in dem dies auch nach 1945 so blieb. Zwischen den beiden künstlerischen Positionen, die wir hier gegenüberstellen, liegen also zwei Generationen, zwischen den frühesten Werken von Kirchner und den spätesten von Baselitz sogar drei, fast ein Jahrhundert.
Als „Brücke“- und insbesondere Kirchner-Spezialisten beziehen wir in unsere Arbeit auch die gesamte nachfolgende expressive oder „heftige“ Malerei bis in die Gegenwart ein. Konsequenterweise haben wir im Winter 2007/08 eine Ausstellung des bedeutendsten Exponenten der Wiederbelebung expressiver Malerei nach 1960, nämlich Georg Baselitz, gezeigt und fragen in dieser Ausstellung von ca. 30 Aquarellen, Zeichnungen und Holzschnitten nach der Vergleichbarkeit von Unvergleichbarem, nämlich von Kunstwerken, die völlig verschiedenen Zeiten entstammen und doch von in Methode und Strategie merkbar ähnlich vorgehenden Künstlerpersönlichkeiten geschaffen wurden.
Prädestiniert, einen Beitrag zur figurativen Malerei bzw. zu deren Wiederbelebung zu leisten, war er bereits als Student der Kunsthochschule in Ost-Berlin in den 50er Jahren, lehnte man doch in der DDR jede nichtfigurative Malerei als reinen Formalismus mit „Nachdruck“ ab. Allerdings sollte es auf ganz andere und Aufsehen erregende Weise dahin kommen. Hans-Georg Bruno Kern wurde nämlich 1957 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen, wechselte an die entsprechende Hochschule in West-Berlin, geriet dort aber mitten in die intensivste Phase der weltweiten Abstraktion und wurde Schüler von einem ihrer Exponenten, nämlich Hann Trier, schloss sogar als Meisterschüler ab.
Dann wechselte er allerdings den Namen in Georg Baselitz nach seinem Geburtsort und malte Bilder, welche öffentliches Ärgernis erregten und jahrelange Prozesse nach sich zogen, weil sie eben direkt und expressiv waren. Das war man damals nicht mehr gewohnt und es war überhaupt eine Zeit vor 1968, in der man sich empören wollte, am liebsten im sexuellen Bereich. Baselitz malte sich Obsessionen intimer und allgemeiner Erlebnisse vom Leibe von „Die grosse Nacht im Eimer“ über seine „Helden-Bilder“ zu „Die grossen Freunde“, das er selbst zu einem „guten Bild“ begründet deklarierte.
Im Jahre 1969 vollzog sich Ausserordentliches in seiner Malerei: Vom Gemälde „Der Wald auf dem Kopf“ an malte er alles auf dem Kopf. Zu den Gründen hierfür wurde viel gefragt und gesagt. Eine Konsequenz scheint wesentlich: Das Motiv ist zwar klar erkennbar, jedoch nicht so rasch. Es bestimmt zwar nach wie vor das Bild, tritt jedoch zurück zugunsten der Wirkung der reinen Malerei nach dem Motto: „Bitte, bitte, verstehen Sie mich nicht allzu schnell.“
Das Verdikt der DDR-Professoren wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ traf doch wohl den Kern, denn Baselitz geht es selbst bei seinen jüngsten „Russenbildern“ im Portrait von Josef Stalin, der doch leidvoll seine Jugend bestimmte, vor allem und zunächst darum, daraus ein gutes Bild zu machen. Was Baselitz macht, ist eben grandiose Malerei, selbstverständlich Kunst, die immer subversiv gegen die Macht arbeitet, spätestens seit dem Konflikt Ovid-Augustus allenthalben bekannt, auch gegen die Macht der Kunsthochschulen.
Solchen hatte sich Kirchner, wenn auch der zwei Generationen Ältere, von vornherein entzogen. Er hatte allerdings die Konzession eines Brotberufs-Studiums, nämlich der Architektur, gemacht. Die „Brücke“-Ateliers wurden dann zur Akademie, in der aber durchaus pausenlos gearbeitet, geübt und vor allem gezeichnet wurde. Leben und Kunst hätten jedoch antibürgerlicher, provokanter gar nicht sein können. Das kaiserliche Deutschland war aber wohl anders als sein Ruf, denn weder hatten die „Brücke“-Künstler wegen ihrer wilden Ehen und ihres nackten Treibens in den Ateliers aber auch im Freien Schwierigkeiten noch wurden z. B. von der kaiserlichen Post ihre vielfach mit prächtigen Akten bemalten Postkarten beanstandet. Kirchner erlebte dann während des Ersten Weltkrieges einen Angriff staatlicher Macht auf sein Leben, aber erst am Ende seiner Karriere 1936 den Zugriff des Staates auf sein künstlerisches Werk, das gesamte in deutschen Museen befindliche. Dieser Zugriff wurde 1938 mit dem Einmarsch der Nazis in dem nur wenige Kilometer von seinem Davoser Haus entfernten Österreich zum existentiellen Würgegriff.
Die Erfahrungen der beiden Künstler gründen also nicht nur in völlig unterschiedlichen Zeiten sondern verlaufen auch in umgekehrter Reihenfolge, sozusagen auf den Kopf gestellt. Zudem wurde Kirchners Leben mit 58 Jahren abgeschnitten, so dass er zu einem Resumée, zu einer Zusammenfassung keine Gelegenheit mehr hatte, wie sie in den vergangenen Jahren Baselitz in seiner Werkgruppe „Remix“ geleistet hat, einer Wiederaufnahme seiner (noch nicht umgekehrten) Motive der Mitte der 60er Jahre mit neuen Mitteln.
Zu dieser Thematik zeigen wir von Baselitz den 2008 entstandenen Zyklus von 14 grossformatigen farbhinterlegten Holzschnitten „Remix ’65/’66“ sowie Zeichnungen und Aquarelle der Jahre 1984 bis 2007 und von Kirchner Holzschnitte der Jahre 1906 bis 1919 sowie Zeichnungen und Aquarelle der Jahre 1916 bis 1924.
Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen werden sogleich augenfällig sowohl bezüglich der Techniken wie auch bezüglich der stilistischen Methodik, der künstlerischen Umsetzung, welche eben die des Expressiven ist, der Übersteigerung von Form, Farbe und Gebärde. Die ins Holz gerissenen Schnitte in den weiten schwarzen Flächen zeugen von übereinstimmender künstlerischer Grundhaltung beim Holzschnitt wie auch die mit dem Tuschpinsel in reinstem horror vacui zugemalten Blätter oder die in heftigem Strich abgetasteten Baumstrukturen.
Was für Kirchner allerdings reale und direkt erlebte Gegenwart oder gar Zukunft war, ist bei Baselitz Vergangenheit. Das inzwischen Geschehene wiegt zu schwer. Gerade weil in der gleichen expressiven Methode geschaffen, zeigen uns diese beiden künstlerischen Werke ihre jeweiligen unterschiedlichen Befindlichkeiten um so eindringlicher. Im Vergleich wird das Unvergleichliche offenbar.
Ingeborg Henze-Ketterer und Wolfgang Henze

artnet—The Art World Online. ©2014 Artnet Worldwide Corporation. All rights reserved. artnet® is a registered trademark of Artnet Worldwide Corporation, New York, NY, USA.