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Hermann Nitsch: Levitikus (Thoman modern Innsbruck)    Feb 3 - Apr 7, 2012


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ZWISCHEN DEM BUCH LEVITIKUS UND HERMANN NITSCH
(Ory Dessau)

Hermann Nitsch setzt sich mit dem Buch Levitikus auseinander, indem er die heiligen Gesetze mit seinen Bluttüchern, den rituellen Werkzeugen füllt, auf welchen rote Farbe sich einer Verwandlung unterwirft und zu Fleisch wird. Die Wechselwirkung zwischen Nitschs Aktionen - Malen als Performance und Performance als Malen - kann mit Bezug auf sein geballtes Lebenswerk und das Buch Levitikus als versteckte Prophezeiung seines Kunstschaffens in Punkto Performance und Malen gesehen werden. Getreu der Tradition von Jackson Pollock ist Nitsch das letzte Beispiel für jemanden, der Malen in ein Ritual verwandelt hat. Seine Schüttbilder sind eine transsubstanzielle, feierliche Erfahrung, die von der Auswirkung des Wandels des Schaffungsprozesses Malen in eine öffentliche Zeremonie als Einführung handelt, die eine Gemeinschaft herstellt: ,,Diese Malereien erklären, dass eine flache Leinwand nicht nur als Objekt neopositivistischer Rückbesinnung gedeutet werden muss, sondern dass daraus noch einmal eine Fülle ritueller und transzendenter Erfahrung wird".* Die Art wie Nitsch die öffentliche Dimension einer Performance auf den gemalten Prozess einwirken lässt, verwandelt das Malen in einen heiligen Akt, der heilige Akt selbst wiederum in ein orgiastisches Ereignis der Kunst. Nitschs szenarisches Aktionsmalen tönt als Echo der Verbindung zwischen Mensch, Fleisch und Gott - alle gegenwertig und durch die Vermittlung des Fleisches des Opfertieres transzendent. Nitschs Regie ordnet die künstlerischen und symbolischen Praktiken neu, indem er ihre Bedeutung intensiviert und gleichzeitig reduziert, dies auf dem Weg einer doppelzieligen Ausrichtung zwischen Sublimierung und Desublimierung. Während er erneut die Frage nach der Verbindung zwischen Mensch und Gott aufwirft, bezieht er sich in seiner Kunst auf die Frage der transzendenten Verbindung im Rahmen der Ekstase des Bades im Blut des (Opfer-)Tiers, in der Farbe und in einem Körper durch welchen und über welchen die Erfahrung des Unaussprechlichen, also der Wechsel vom Fleisch zum Körperlosen stattfindet. Nitschs Performance verleiht der Rückkehr zur ursprünglichen Welt der heiligen Opfergaben neuen Ausdruck. Sie stellt die Erfahrung des ursprünglichen Rituals wieder her und stellt gleichzeitig die Gegebenheiten dar, die das Geschehen einerseits szenisch inszeniert, andererseits abbaut. Der jüdische, hebräische, israelische Zusammenhang von Nitschs Levitikus Projekt veranlasst uns, über den christlichen Hintergrund nachzudenken, aus dem Nitsch kommt, ein religiöser Hintergrund in dessen Rahmen das einzige Opfer Gott selbst zu sein hat, durch den Sohn, durch den Gott sich in Fleisch manifestierte und durch und mit welchem er sich selbst opfert in seiner Fleischwerdung.
Nitschs Levitikus Projekt veranlasst uns auch über die Spannung zwischen dem christlichen Hintergrund seiner Arbeit und dem jüdischen Zusammenhang, an welchem er mit diesem Projekt angekommen ist, nachzudenken. Das Levitikus Projekt kann die strukturelle Spannung zwischen Nachahmung und Anfang in seiner Arbeit charakterisieren. Das Projekt akzentuiert diese Arbeit als eine absolute Nachahmung eines ursprünglichen Geschehens, aber es übernimmt auch die Spannung und prüft es im Lichte der Spannung zwischen Judaismus und Christenheit, zwischen Original und Kopie. In diesem Projekt verdichtet Nitsch die Spannung zwischen Judaismus und Christentum in der Handlung des Malens als Ritual, das gleichzeitig regressiv und progressiv ist.
Das Gesetz im Buch Levi, das in einem sehr verdeckten Sektor menschlichen Lebens - dem Bereich der Heiligkeit gelegen ist - offenbart noch einmal die opfernde Dimension in Nitschs Arbeit, das Gesetz konstituierend, nur um ihm zu entgehen. Nitschs Orgien Mysterien Theater loziert an einem Ort, an dem Gesetzesbruch stattfindet, der Bruch beider, der Gesetze Gottes und der Gesetze der Kunst. Das Theater unterbricht die internen und externen Gegebenheiten künstlerischer Arbeit: Jeder ist beides zugleich: Teilnehmer und Zeuge, beides aktiv und passiv. Nitschs Levitikus Projekt wird wahrscheinlich zu den Idealen seines Orgien Mysterien Theaters aufschließen:

das Begehren es selbst zu sein, es zu überflügeln, die symbolischen und allegorischen Dimensionen der künstlerischen Arbeit und des notwendigen Anspruchs auf ästhetische Distanz hinter sich zu lassen. Nitschs Performance strebt nicht danach die ästhetische Distanz zu kreuzen, sondern will seine Umrahmung sein. Abweichung in Richtung Transzendenz manifestiert sich in der Erfahrung als Begrenzung innerhalb Grenzen. Durch die Verneinung der ästhetischen Distanz und Unterbrechung der inneren und äußeren Gegebenheiten wird der Abstand zwischen dem, der handelt, und dem der die Handlung bezeugt, eliminiert. Nitschs Kunst platzt in Richtung der Objekte und festigt sich als Grenzerfahrung. Sie wird zum Ritual - Zeit, Ort und Event.
Die Art, in der sich Nitschs Arbeit auf den interaktiven Aspekt des menschlichen und kulturellen Benehmens bezieht, könnte an Marcel Mauss' Abhandlung in seinem „Essay über die Gabe" erinnern. Mauss definiert die Gabe als ein ausschließlich soziales Phänomen, das gleichzeitig allen möglichen sozialen Institutionen Ausdruck verleiht: den religiösen, den gesetzlichen, den moralischen und den ökonomischen. Die Grenzlinie des Orgien Mysterien Theaters bringt die Gebiete aller sozialen und geschichtlichen Einrichtungen zum Vorschein. Mauss sah im Hebräischen Gesetz kein Geschenk, sondern rückte den Begriff in den Bereich des Unmöglichen: eine Gabe wird nur gegeben wenn sie lebensbedrohlich ist, nur wenn sie eine tatsächliche Bedrohung der Existenz darstellt. Die Gottesgabe ist das Modell der mythischen Gabe, der Gabe wie sie die Stammesälteren bis zu dem Punkt der Sinnesberaubung austauschen. Die Darbietung eines Opfers ist die Gabe, die ein Mensch unter Gefahr seines Lebens und des Lebens seiner Familie gibt, eine Gewährung für Gott, die Gott gibt was er sich selbst verneint. Levitikus, das Buch der Gesetze, ist tatsächlich das Buch der Gaben, das Buch der Opfer der Menschen für Gott, eine Gabe für die es keine Belohnung gibt und die unfähig ist einen Raum gegenseitiger Beziehungen zu öffnen. Nitschs ekstatischer Kunstakt, die Erfahrung gänzlicher Besinnungslosigkeit in die er während der Handlung eingetaucht ist, pflanzt Kunst im Ort der geschaffenen Handlungen, in dem der Mensch auf seine Selbstbeseitigung hindeutet, um vollkommene Auflösung und endloses Nulldasein zu komplettieren.
Die Verneinung von Nitschs Selbstsein ist der gravierendste Unterschied zwischen ihm und den Aktionsmalern von New York, die im Schatten avant-gardistischen Denkens arbeiteten und die die rituellen Erfahrungen genauso unberührt ließen wie das Opfer, das Nitsch dem Unmöglichen gibt, Nietzsches totem Gott. Die Wiedergeburt von Nietzsches totem Gott erscheint in Nitschs Arbeit entsprechend dem verzweifelten Ausruf des französischen Dichters Antonin Artaud „Schluss mit dem Gottesgericht", oder in anderen Worten zu sterben innerhalb des neuen Gesetzes, welches in der Performance hier und heute festgelegt wird.

* Hai Foster, Rosalind Krauss, Yves-Alain Bois, Benjamin H.D. Buchloh, Art Since 1900, Modernismus, Antimodernismus, Postmodernismus, Thames & Hudson 2004, Seite 466

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Hermann Nitsch
Levitikus

Hermann Nitsch's most recent group of works is dedicated to Leviticus, the third Book of Moses, part of the Jewish Torah and the Christian Bible. It comprises twelve Terragraph prints on paper, 134 x 98 cm, which have been bound into a large book, together with the text in the Hebrew original as well as a German translation. Nitsch has had the edition of thirty printed on canvas and moreover has created a group of twelve splatter paintings on the subject. We present both the book and the latter, supplementing them with paintings and splatter paintings created between 2002 and 2011. The Book of Leviticus assembles rules and laws for priests and describes ritual actions.

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