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A Tribute to Karl Gerstner 80 Years Anniversary Show
October 15 – November 24, 2010
15. Oktober – 24. November 2010
Opening Reception Thursday, October 14, 2010, 6-8 p.m.
Vernissage: Donnerstag, 14. Oktober 2010, 18 – 20 Uhr
Der Künstler wird anwesend sein.
Karl Gerstner wird achtzig
Der Alchemist der reinen Vernunft
Der Philosoph Vilém Flusser nannte ihn einen „Magier“. Die Bezeichnung stimmt erst auf den zweiten
Blick. Denn keiner legt die Strategien seiner Bilder so offen dar wie Karl Gerstner. Und doch bleibt dem
Betrachter ein Quäntchen Geheimnis. Magie?
Zuerst die Klarheit. Treffender als mit dem Anagramm des Freundes André Thomkins ist Karl Gerstner
nicht zu charakterisieren: „streng klarer“. Streng sind die Konzepte seiner Werke, klar die Auskünfte und
blitzend klarer seine Augen bei den stets spannenden Diskussionen. Die wohl angeborene strenge
Klarheit wurde vom Schicksal quasi ex negativo gefördert: Er, der Basler, sei am Ende des Krieges
fünfzehn Jahre alt gewesen, alt genug um zu sehen, dass jenseits der nahen Grenze „eine total andere,
total anti-vernünftige, anti-intellektuelle Welt existiert. Ein Pandämonium aufgewühlter Instinkte.“ So sei in
ihm der Wunsch entstanden, „im Sinne des Wortes etwas Konstruktives zu tun, eine luzide Kunst, vom
Geist, nicht vom Instinkt determiniert“.
Er wurde ein „Konstruktiver“ mit luzidem Werk, als hätte er das Leben nach der ihm wichtigen
mathematischen Logik aufgebaut. Keinesfalls, sagt er mit seinem herzlichen Lachen: „Ich hatte Glück,
auch wundere ich mich über alle Zufälle.“ (die er zum Zufallenden machte). Einfach sei die Kindheit
gewesen, begleitet von guten Frauen, Grossmutter, Mutter und einem „Ziehvater, solider Handwerker mit
feinem Charakter“. Als Lehrling kam er zu Fritz Bühler und in die Grafikfachklasse von Armin Hofmann:
„Als Lehrer ein Glücksfall, der alles gibt und alles verlangt, eine permanente Herausforderung“ (KG 1980
zum Geburtstag des zehn Jahre Älteren). Mit damals ungewohnlich strengen abstrakten Formulierungen
suchte der junge Grafiker die Nähe zur Produktgestaltung – und hatte Erfolg. Heimlich verband er die Ratio
mit dem Traum, in einer Zukunftswerkstatt mit Künstlern aller Sparten „Werke der Kunst wie Dinge des
täglichen Gebrauchs“ zu schaffen: bildnerische „Erziehung des Menschengeschlechts“. Aber „der Schuh
war zu gross“. 1958 eröffnete er zusammen mit dem Historiker Markus Kutter eine „Mini-Agentur für
Grafik, Werbung, Publizität“. 1960 kam der Architekt und elektronische Musiker Paul Gredinger dazu. Die
GGK wurde zum Grossunternehmen über ganz Europa bis New York und San Paulo.
All die Jahre war Gerstner „mit demselben grossen Ernst“ gleichzeitig Werbegrafiker und freier Künstler.
1970 verliess er die GGK, um mehr Zeit zu haben für Freunde, Lesen, Kunst. Die Arbeit wurde kaum
kleiner, das wachsende Werk verlangte einen Rieseneinsatz. Hinreissend ist die Konsequenz. Schon der
Fünfundzwanzigjährige fügte vertikale Elemente zu veränderbaren Reihungen. Was in diesen
„Aperspektiven“ klangvolle Etüde war, gedieh über Jahrzehnte zu vielgestaltigen Sinfonien. Dem
Komponisten KG ging es um immer neues Umsetzen mathematisch-rationaler Erkenntnisse in Form. Nicht
genug: Er wollte auch für die Farbe, diese emotionale Grösse, rationale Kriterien finden. Sie zum integralen
Teil der Form zu machen, wurde ein Lebenswerk. Wissenschaft verband sich mit Alchemie. Mathematik
schuf „Empfindungsmodelle“. Jetzt war er Magier. Titel der Ideenzyklen wie Algorhythmen, Metachrome,
Color-Sounds weisen auf Grundlagen-Programme.
Parallel zu den Bildsystemen und polyphonen Farbklängen schreibt Gerstner Texte zu seinem Vorgehen
und zu grundsätzlichen Themen der Kunst. 1957 erscheint die uns damals begeisternde „Kalte Kunst“,
ein kristallines Statement zur gestalterischen Klarheit im Subjektivitätsdschungel. Es folgen bis heute
aktuelle Denkmodelle, sogar ein Kochbuch wird zur Strukturanalyse. Gerstners Schriften haben eine
Klarheit und Brillanz des Stils, die schwierige Sachverhalte verständlich machen.
Das Verwunderliche: der Mann mit gnadenlos scharfem Intellekt arbeitet am liebsten mit Künstlern
zusammen, die ganz anders sind. Die legendäre Ausstellung von 1969 in der Kunsthalle Bern und
Düsseldorf „Fruend Freunde Friends“ mit Diter Roth, Daniel Spoerri, Andrè Thomkins steht für
Lebensverbindungen. Gerstners Sammlung mit fabelhaften Werkgruppen der Freunde, dazu Filliou,
Eggenschwiler, Strübin und anderen sind lebendigster Beweis für seine Offenheit und
Freundschaftsbegabung. Im „Progressiven Museum“ auf der Lys bekam Basel einige Jahre Einblick,
Dichterlesungen gehörten dazu, Nahrung für Auge und Geist. Aber Gerstners Einsatz und Strahlkraft
wurden von der Heimatstadt wenig genutzt, wenig gestützt. Sein Ruhm ist im Ausland grösser, die besten
Galeristen wie Denise René und Hans Mayer erkannten ihn früh. André Kamber brachte 1978 im
Kunstmuseum Solothurn die Schweizer Ehrung, zum 80 feiert ihn Jamileh Weber mit einer Ausstellung in
Zürich.
Ob er Erfolge verbucht oder „die Bilanz meiner Misserfolge“ schreibt: Karl Gerstner hat sich die
Lebensfreundlichkeit bewahrt. Dazu gehört der frühe Traum, Menschen an Kunst teilhaben zu lassen. Er
hat ihn verwirklicht in manchen Projekten, etwa der mit Spoerri weitergeführten Edition MAT oder der Doit-
ypurself-Kunst. Vor allem appellieren seine eigenen Werke an die Mündigkeit und Phantasie des
Menschen, lassen sich doch Bilder und Objekte innerhalb des Systems so verändern, dass jeder „sein“
Bild wählen kann. Dies aber, sagt Karl Gerstner, hätten nur wenige getan. Skeptisch geworden? Eher
müde, meint er. Dass darin Weisheit liege, lässt er gelten. Schliesslich hat er lebenslang versucht, die
Menschen zu Partnern seiner schöpferischen Spiele zu machen. Fast wundert er sich, als die Besucherin
ihm seine vielen „Berufe“ aufzählt: Werbegrafiker, konstruktiver Künstler, Farbforscher, Koch, Aufklärer,
Mathematiker, Ausstellungsmacher, Schriftsteller. Was war das Wichtigste? Er sinnt: Freunde und die
furiose Freude am Malen.
Annemarie Monteil
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