Sarah Lucas / Julian Simmons: Tittipussidad

Sarah Lucas / Julian Simmons: Tittipussidad

Friday, June 13, 2014Thursday, July 31, 2014

Am Kupfergraben 10
Berlin, 10117 Germany

SARAH LUCAS / JULIAN SIMMONS
TITTIPUSSIDAD


13 JUNE - 31 JULY, 2014

Contemporary Fine Arts freut sich, die Publikation TITTIPUSSIDAD präsentieren zu dürfen – ein Buch, das Sarah Lucas’ Odyssee nach Mexiko im Frühjahr 2012 dokumentiert und von Sadie Coles HQ publiziert wurde. Das Buch wurde konzipiert, gestaltet und herausgegeben von Julian Simmons.

TITTIPUSSIDAD zeichnet in enzyklopädischer Größe und Umfang Lucas’ Zeit in Mexiko nach, angefangen von ihrer Reise zur Backsteinfabrik im Tal von Oaxaca (um Backsteine für Sockel zu beziehen) über die Anfertigung und Herstellung der Skulpturen bis hin zur finalen Ausstellung im Museum Diego Rivera Anahuacalli. Die Ausstellung zeigt eine bedeutenden Entwicklungsschritt in der Kunst von Sarah Lucas, da ihre „NUD Skulpturen“ – ausgestopfte Strumpfhosen, die zu abstrakten Verrenkungen verdreht wurden – zu verspielten und zugleich perversen anthropomorphen Figuren macht.

Durch die Kombination aus Ausstellungskatalog, Tagebuch, fotografischem Essay and Epos offenbart TITTIPUSSIDAD einen lebhaften und nostalgischen Reisebericht nach Mexiko. Simmons hat durch die Verknüpfung von Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien eine einzigartige Studie geschaffen, die zeigt wie Lucas‘ Leben ihre Kunst inspiriert und formt. Jedes Kapitel konzentriert sich jeweils in einer Schwarz-Weiß-Großaufnahme in dramatischem „Claire Obscure“ auf eine einzelne Arbeit, durchsetzt mit Ansichten mexikanischer Straßen, Bars und Häusern. Die Bilder erkunden die verschiedenen Figuren – kauernd und ausgestreckt, mit brustähnlichen Gliedmaßen und knolligen Extremitäten – mit einer beinah pornografischen Intensität, die die Beschaffenheit ihrer Oberfläche sowie ihre unterschiedlich festen und erschlafften Strukturen untersucht.

Das Buch bietet außerdem eine Reihe von Gesprächen mit Freunden von Sarah Lucas, die miteinander verknüpft wurden, um einen offenen und vertrauten Dialog mit der Künstlerin über die Entstehung der Serie zu schaffen. Der Klang und die Typografie der Wörter verlagern sich und führen uns von poetischen Träumereien hin zu Erklärungen der Werke und ihrer Titel. Vom Prolog, der aus Dadaistischen Wordspielen mit Lucas‘ Titeln besteht, bis hin zu den eklektizistisch anmutenden Bildern der Installation im Museum Diego Rivera liefert TITTIPUSSIDAD einen emotionalen Bericht über einen zentralen Schlüsselmoment im Leben und Werk der Künstlerin.

REALIDAD | 69 Minuten

Ostern 2012, ständige Bedrohung schwerer Nachbeben.

Wir fliegen Mexiko-City an, an dem Tag, nachdem ein schweres Erdbeben mit der Stärke 8 Mexiko erschüttert hat – entstanden auf der Erdbebengrenze in Oaxaca, unserem nächsten Reiseziel. Eigentlich dachten wir schon vor der Abreise in England „Scheiße, sollen wir fahren!!“.

Der Film REALIDAD wurde parallel zu meiner Fotodokumentation der Skulpturenserien und Zigaretten-Zeichnungen von Sarah Lucas für eine Ausstellung aufgenommen, die zwischen prähispanischen Artefakten von Anahuacalli aufgebaut werden sollte, im Museum Diego Rivera in Mexiko-City.

Einen Monat, bevor die Ausstellung eröffnet wurde, kamen wir in Oaxaca an. Wir mussten einen Ort finden, an dem wir leben und arbeiten, die Materialien zusammensammeln und die Werke machen konnten – wie auch immer diese aussehen sollten, wir hatten keinen Plan.

Tagsüber half ich bei der Herstellung der Skulpturen und Test-Sockel und fotografierte hauptsächlich die Skulpturen, wenn sie fertig waren. Aus dieser fotografischen Dokumentation entstand 2013 das Buch TITTIPUSSIDAD.

In Oaxaca wurden Sarahs NUD Skulpturen plötzlich wirklich anthromorph. Nach der ersten dieser Art, REALIDAD, wurde auch der Film benannt.

Die Meditationen für diese Skulpturen waren die Objekte, die wir in Anahuacalli gesehen hatten, die aktive, umgestaltete Zutat dafür war Mezcal. Am Anfang des Films wird Tit-Teddy vorgestellt, als hätte er eine Hauptrolle – die er auch hat; am Ende des Films hat Mezcal im Abspann aber die größte Nennung. Dieser destillierte Agaven-Brandwein war das Benzin für viele der Werke. Mezcal ist beinah halluzinogen, sicherlich psychotrop bis zu einem gewissen Grad, die mysteriöse Bedeutung des Kaktus wird durch ihn übertragen – die Mexikaner sprechen über Mezcal wie über eine Person.

In unser Haus, in dem wir arbeiteten – wegen der starken Hitze auch manchmal nackt – kamen jeden Tag immer mehr Freunde dazu. Abends gingen wir immer mit vom Vulkangestein geschwärzten Füßen runter nach Oaxaca, wo es verrücktes Feuerwerk gab, in ein Restaurant, auf eine Party oder in die nächste Mezcal-Bar. Nach den Aufnahmen, die ich tagsüber machte, waren es die düsteren, wenig belichteten, lauten Umgebungen, in denen ich den Großteil des Films aufnahm.

Dies ist auch ein Film über eine „andere Seite“, gewissermaßen eine von Sarahs größten Vorzügen – in geistreichen Momenten einfach befreit zu sprechen und so wiederum den Geist der anderen, die sich in ihrer Gesellschaft befinden, zu ermutigen.

Ich habe absichtlich nur ein paar Fotos von Sarah aufgenommen, als sie die Skulpturen gemacht hat – ich wollte nicht, dass meine Beobachtungen sie von ihrem Gedankenprozess ablenken, so dass die Skulpturen anders aussähen als sie das normalerweise getan hätten. Dasselbe gilt für die Aufnahmen dieses Films. Es gibt nur wenige Momente von Sarah, wenn sie arbeitet. In jedem Fall liegt der anregendste Schöpfungsnachweis eher in der Herausbildung von Ideen durch Gespräche als durch eine gedankliche Ruhe im Kopf.

Es gibt einen Film im Film hier. Während wir nicht wussten, was uns erwartete, als wir in die Backsteinfabrik im Oaxaca-Tal hineingingen, kam etwas von anthropologischer Bedeutung zum Vorschein. Männer fertigten Gebäudeblocks ganzer Häuser aus Schlamm an – Bodenfliesen, Mauersteine, Deckenplatten, Dachziegel und vieles mehr. Die Szene sah wie vor hundert, wenn nicht tausend Jahren aus. Das Filmmaterial ist nicht nur wertvoll wegen seiner lehrreichen Eindrücke, sondern auch als Protokoll einer Art und Weise zu arbeiten, die möglicherweise keine weitere Generation mehr überdauert, vielleicht noch eine halbe.

Einen Tag vor unserer Abreise fing der nahegelegene Vulkan Popcatepetl an heftig zu rauchen, Dörfer wurden evakuiert, der Flughafen war in Alarmbereitschaft, dieser Ort war vom Anfang bis zum Ende eine Hölle eines bizarren Energiezentrums. REALIDAD zusammen mit TITTIPUSSIDAD ist eine seltene Kombination aus Film und Buch, die eine intensive Zeit beschreibt, in Sarahs Werk wie auch ihrem Leben!

Julian Simmons | Suffolk UK | 5. Juni 2014