|
HANS HAACKE
Bundesgartenschau
8. Mai – 16. Juli 2008
Wir freuen uns sehr, Sie zur Eröffnung der ersten Einzelausstellung von HANS HAACKE in unserer Hamburger Galerie einzuladen.
Ein Jahr nach der großen Retrospektive von Hans Haacke in den Hamburger Deichtorhallen und der Akademie der Künste in Berlin zeigen wir eine neue Arbeit des Künstlers mit dem Titel „Bundesgartenschau." Sie nimmt Bezug auf seine im Berliner Reichstagsgebäude 2000 eröffnete Installation DER BEVÖLKERUNG, einen 7 x 21 m großer Holztrog im nördlichen Lichthof des Gebäudes, aus dessen Mitte in weißen Neonbuchstaben die Worte DER BEVÖLKERUNG nach oben strahlen. Sie ergänzen die 1916 am Westportal des Reichstagsgebäudes angebrachte Widmung DEM DEUTSCHEN VOLKE. Die Bundestagsabgeordneten wurden eingeladen, aus ihrem Wahlkreis einen Zentner Erde nach Berlin zu bringen und um die Leuchtbuchstaben herum auszustreuen. Diese Einladung zur Partizipation gilt auch für alle neu gewählten Abgeordneten. Durch Flugsamen, Wurzeln und Samen vom Herkunftsort der Erde entwickelt sich im Holztrog eine spontane Vegetation.
Das Projekt hatte im Vorfeld seiner Realisierung eine von heftigen Emotionen und Missverständnissen geprägte Debatte ausgelöst. Diese bezog sich einerseits auf den Titel der Arbeit, die Haacke nicht dem deutschen Volke, sondern - mit einem ideologisch weniger belasteten Begriff - DER BEVÖLKERUNG zueignete. Andererseits weckte das Material Erde bei einigen Kritikern Assoziationen an die Blut- und Bodenideologie der Nationalsozialisten, obwohl seine Verwendung in Haackes Installation der nationalsozialistischen Doktrin von "Reinerhaltung" durch die Vermischung verschiedener Erden zuwiderläuft und der von ihnen betriebenen ethnischen Selektion entgegen diese Widmung allen im Lande Lebenden – unabhängig von ihrer Herkunft - das Territorium der BRD als gemeinsam zuspricht. Die Kontroverse führte schließlich zu einer Bundestagsdebatte am 5. April 2000, bei der nach einstündiger Diskussion eine knappe Mehrheit von 260 zu 258 Abgeordneten für das Projekt stimmte. Bis zum heutigen Tage haben 275 Abgeordnete mit Erde aus ihrem Wahlkreis teilgenommen. Mehrere haben Erde von bedeutsamen Orten gesammelt. Wolfgang Thierse machte den Auftakt mit Erde vom jüdischen Friedhof in seinem Berliner Wahlkreis.
Seit der Einweihung am 12. September 2000 wurde der spontane Pflanzenwuchs sich selbst überlassen, so dass die umstrittene "deutsche Erde" inzwischen von einer üppigen Vegetation bedeckt ist. Auch bevölkern seither Kleintiere wie Schnecken, Spinnen und Insekten den Holztrog. Hans Haacke besuchte die Installation in unregelmäßigen Abständen und fotografierte die Pflanzen und Tiere, die sich um die Leuchtschrift herum angesiedelt hatten.
Aus diesem über sieben Jahre hinweg gesammelten Bildmaterial entstand die Fotoinstallation "Bundesgartenschau". Sie kombiniert eine großformatige Gesamtaufnahme des Lichthofes mit 224 Nahaufnahmen (28 x 36 cm) der Vegetation im Holztrog zu verschiedenen Jahreszeiten. Ergänzt wird die Präsentation durch eine aktuelle Liste aller Abgeordneten, die sich beteiligt haben. Die Arbeit kann als ironischer Kommentar des Künstlers zu der sich inzwischen etwas beruhigten Debatte um das Reichstagsprojekt gelesen werden. In diesem Kontext ist auch der Titel "Bundesgartenschau" zu sehen, denn während diese sich seit 1951 als Leistungsschau der nationalen Gartenzunft versteht, verzichtet das einzigartige Ökosystem DER BEVÖLKERUNG auf gärtnerische Führung. Die Einladungskarte zur Ausstellung, die mit ironischem Augenzwinkern als altmodische Ansichtskarte mit gezacktem Rand daherkommt, zeigt in Form eines Immergrüns (Vinca minor) die "Blaue Blume" der deutschen Romantiker und eröffnet so ein ganzes Feld von geistesgeschichtlichen Assoziationen.
Im ersten Stock der Galerie zeigen wir Arbeiten von Hans Haacke aus den sechziger Jahren.
-------------------------------------------------------------
HANS HAACKE
Bundesgartenschau
May 8th – July 16th 2008
We are happy to invite you to the opening of a solo exhibition by HANS HAACKE at our gallery in Hamburg on Thursday Mai 8, 2008 from 7 to 9 pm.
One year after the joint retrospective of Hans Haacke at the Hamburg Deichtorhallen and the Akademie der Künste in Berlin, the artist presents a new work titled Bundesgartenschau (Federal Horticulture Show). The work refers to the artist’s installation DER BEVÖLKERUNG (To the Population) of the year 2000 in the northern interior courtyard of the Reichstag building (seat of the German Parliament) in Berlin. From the center of a 7 x 21 m wooden trough white neon letters beam the words DER BEVÖLKERUNG to the sky. They are meant as an amendment to the dedication DEM DEUTSCHEN VOLKE (To the German People) of 1916 on the building’s façade. The Members of the Bundestag were invited to bring 100 pounds of soil from their electoral districts and to deposit them around the neon letters. This invitation is extended to newly elected Members as well. Naturally, the soil carries seeds. Additional seeds are imported by the wind and by birds. Spontaneous vegetation develops.
The artist’s proposal for the project led to a heated debate in the committees of the Bundestag and the German press. On the one hand, the criticism was directed at the title of the work, his dedication to the BEVÖLKERUNG (population) – a term not burdened by German history like that of the Volk (people). On the other hand, the use of soil was suspected of evoking associations with the national socialist ideology of Blood and Soil, even though the mixing of diverse soils and the artist’s dedication to all who happen to live within the country’ borders – irrespective of their ethnic and national origin -are incompatible with the national socialist idea of "purity." The controversy led to a debate of the Bundestag on April 5, 2000, at which the project was approved by the slim margin of 260 votes in favour and 258 against. By now, 275 Members of the Bundestag have participated by bringing soil from their district. Several brought soil from symbolically significant locations, as did Wolfgang Thierse (then the speaker of the Bundestag) from the Jewish cemetery in his Berlin district.
Since the inauguration of the project on September 12, 2000, the controversial "German soil" has been covered by dense vegetation, without any gardening. Small animals, snails, spiders and insects populate the site, as well.
During many visits, Hans Haacke took photographs of the plants and animals. These photographs, collected over seven years, are the material for his Bundesgartenschau. The work is constituted by a view from above of the entire installation, together with 224 close-up images of the plants and animals at various seasons of the year. It is complemented by a current list of all Members of the Bundestag who have participated in the project.
The work can be understood as an ironic commentary to the national debate about Haacke´s project, which has calmed down considerably by now. Also the title Bundesgartenschau can to be seen in this light. While the biennial Federal Horticulture Show is a competitive exhibition of gardeners and landscape architects, the ecosystem of DER BEVÖLKERUNG does without horticultural interventions. The card announcing the exhibition looks like an old-fashioned picture postcard with a serrated edge. It shows the German Romanticists’ Blaue Blume (blue flower), represented by a periwinkle (Vinca minor). It invites a host of associations from the history of ideas.
On the upper floor of the gallery we will show works by Hans Haacke from the 1960s.
|