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Aufgenommen in den Nachtrag zum dritten Band des Werkverzeichnisses von Alexis
Poliakoff, Paris, Frankreich
Serge Poliakoff findet über die Farbtheorien des Orphismus und die Gestaltungsprinzipien
des niederländischen De Stijl zur abstrakten Malerei. In den fünfziger Jahren entwickelt
er eine sehr eigenständige und markante Farbflächenmalerei, die sich in einer
patchworkartigen, von den Rändern zur Mitte hin verdichtenden Bildstruktur und in
Farbflächen von großer Intensität äußert. Zunächst geben graphische Liniennetze seinen
Bildern kompositorischen Halt. Doch bald entsteht unter seinen Händen eine Bildordnung
aus freien, asymmetrischen Farbformen, die häufig ein gleichgewichtiges System
ausbilden. Den gedanklichen Ausgangspunkt seiner Bilder beschreibt der Künstler wie
folgt: "Wenn ich mit einer Komposition beginne, denke ich an die Architektur. Genau wie
ein Architekt fülle ich hier und da Räume. [...] An Formen denke ich nicht."1) Die Farbe,
anfangs noch tonig gedämpft, entfaltet im Laufe der Jahre einen immer stärkeren,
bisweilen festlichen Glanz, der häufig in effektvollem Kontrast zu sehr dunklen Bildfeldern
steht. Poliakoffs Überlegungen kreisen in den frühen sechziger Jahren zunehmend um die
Kraft der Farbe. Um die Kraft der einzelnen Farben immer präziser verstehen zu lernen,
variiert Poliakoff diese in Serien leicht abgeänderter Farbfeldkompositionen. Hierbei stellt
er Spannungen zwischen verschiedenen Farben und Formen her, um die wechselseitige
Wirkung der einzelnen Farben aufeinander zu studieren.
So stellt Poliakoff in der vorliegenden "Composition abstraite" die Farben Rot, Blau,
Schwarz und Weiß einander gegenüber und gelangt zu einer sehr kontraststarken und
klar gegliederten Fläche. Trotz der Intensität einzelner Felder befindet sich die
Darstellung in einem harmonischen Gleichgewicht. Die Komposition des Blattes wird von
einer Vertikalachse in der Bildmitte bestimmt. Hier liegt das Zentrum, auf das alle
Farbformen bezogen sind. Ihre Kanten wirken, als seien sie mit der Schere geschnitten
worden. Obwohl der zwischen zwei Farben verlaufende Grat sehr scharf ist, verläuft er
selten streng linear. Häufig verzahnen sich zwei Formen ineinander, was die Spannung
der Felder untereinander noch zusätzlich steigert.
Ähnlich wie in seinen Gemälden verwendet Poliakoff auch in seinen Gouachen mehrere
Farben übereinander. Häufig liegt bei genauem Betrachten unter der Oberfläche eine
zweite Farbe, die den Ausdruck einer einzelnen Fläche und den Gesamtausdruck eines
Werkes nachhaltig bestimmt. So ist unter dem Rot ein Weiß und unter dem Schwarz ein
Blau verborgen. Das Ziel des Künstlers besteht aber nicht darin, den Betrachter am
Entstehungsprozess teilhaben zu lassen. Vielmehr stellt die vorliegende Gouache ein
meisterhaftes Beispiel dar, wie Poliakoff die Wirkung seiner Blätter suchend zu
modellieren vermag, um schlussendlich auch in relativ kleinen Bildformaten zu einer
Aussage von monumentaler Wirkung zu gelangen.
Anm.:
1) Gespräch mit Jacques Michel, in: „Le Monde“, 1. September 1967, zit. nach Gérard
Durozoi, „Serge Poliakoff“, Angers 2001, S. 91.
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