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Aufgenommen in das in Vorbereitung befindliche, überarbeitete Werkverzeichnis der
Papierarbeiten von Hannelore Fischer, Käthe
Käthe Kollwitz' künstlerisches Talent wird bereits in ihrer frühen Kindheit von ihrem Vater
erkannt und gefördert. So beginnt Kollwitz ihre Ausbildung 1881 in Königsberg. Sie wird
von dem Maler Gustav Naujok, dem Kupferstecher Rudolf Maurer und später dem Maler
Emil Neide angeleitet. Später siedelt die Künstlerin nach München über. Hier wird sie
Studentin der Malklasse der Münchner Künstlerinnenschule bei Ludwig Herterich.
Zunächst ist es ihr Wunsch, Malerin zu werden, jedoch kristallisiert sich immer mehr ihr
außergewöhnliches zeichnerisches Talent heraus, auf das sie sich fortan verstärkt
konzentriert und auf welchem ihr späterer künstlerischer Ruhm maßgeblich basiert.
Ihren druckgraphischen Schaffensprozess begleitend, spielt die Zeichnung auch in Form
von Skizzen eine wesentliche Rolle. Mit scharfsinnigem Blick nimmt die Künstlerin ihre
unmittelbare Umwelt wahr und archiviert die von ihr geschaffenen Momentaufnahmen,
auf die sie bei Bedarf jederzeit künstlerisch zurückgreifen kann. Aber nicht ihre
zeichnerische Begabung allein erklärt die besondere Faszination, die ihr OEuvre auslöst,
sondern sie liegt vor allem in ihrer Themenwahl begründet. Als Arztfrau – ihr Mann Karl,
den sie 1891 heiratet, betreibt eine Praxis in einem Arbeiterviertel in Berlin – erlebt
Kollwitz hautnah die alltägliche Not und die Sorgen des Proletariats, mit welchen sie sich
zeitlebens sozialkritisch auseinandersetzt. Als Mutter zweier Söhne verwundert es nicht,
dass Mutterschaft ein für sie zentrales Thema darstellt und so offenbart auch unsere
Zeichnung „Schlafendes Kind“ die fürsorgliche Seite der Künstlerin.
Das kleine Kinderköpfchen bettet tief im schweren Kissen, das linke Händchen zieht die
Bettdecke bis zum Kinn hoch, die Augen sind geschlossen, der Mund leicht geöffnet. Mit
nur wenigen Bleistiftstrichen skizziert Kollwitz das schlafende Kind und beschreibt einen
Moment der absoluten Ruhe und inniger Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Während das
Kissen nur schemenhaft angedeutet ist, lenkt die Künstlerin den Fokus des Betrachters
auf das schlafende Kind, dessen Kontur sie mit klaren, festen Strichen sicher erfasst. In
einer völlig ungekünstelten Art und Weise schafft sie es, nach der Natur zu zeichnen und
diese wiederzugeben. Gleichzeitig besteht ihr Können auch darin, dass sie in ihrer
Beobachtungsgabe nicht nur das optisch Sichtbare, sondern auch das emotional
Menschliche erkennt, indem sie Details oder ganze Partien weglässt. In der gleichen
Weise wie Kollwitz die geschlossenen Augen nur verschwommen andeutet, gewinnt der
Betrachter den Eindruck, das Kindchen sei voll und ganz aus der Realität in die Welt der
Träume entrückt. Der geöffnete Mund und die völlig entspannten Gesichtszüge
suggerieren den Eindruck einer stillen Intimität, welche nicht gestört werden möchte.
Werner Timm äußert sich über Kollwitz zeichnerisches Talent treffend: „Wie kein anderes
Medium der bildenden Kunst erlaubt die Zeichnung Einblick in den schöpferischen
Entstehungsprozeß eines Kunstwerks. Nirgends wird das Gestaltwerden eines Gedankens
und die Entwicklung einer Form so deutlich vor Augen geführt.“1)
Anm.: 1) Werner Timm, „Zu den Zeichnungen von Käthe Kollwitz“, in: Otto Nagel (Hg.),
„Käthe Kollwitz: Die Handzeichnungen“, Berlin 1972, S. 10.
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